Machen Sie den deutschen Fußball kaputt, Ralf Rangnick?

»Wir werden eine totale Bereicherung sein«

Kommerz oder Kultur? Ein Streitgespräch mit dem Trainer und Manager von Deutschlands umstrittenstem Fußballklub.

Jonas Holthaus
Heft: #
168

Ralf Rangnick, sind Sie mal mit dem Schal Ihres Lieblingsvereins um den Hals ins Stadion gegangen?
Ja, sogar mit Schal, Trikot und Fahne. Zur Gladbacher Fohlenelf, als sie 1972 mit Günter Netzer, Allan Simonsen und Trainer Hennes Weisweiler im Neckarstadion gespielt hat. Da bin ich von Backnang aus die 30 Kilometer im Zug nach Stuttgart gefahren. Die Gladbach-Fahne musste ich im Zug einrollen. Meine Eltern hätten sonst Sorge gehabt, dass mir mit den Stuttgart-Fans etwas passiert.

Hat die Liebe zu Gladbach überdauert?
Wenn man Profitrainer ist, wird das Fansein schwieriger. Trotzdem hatte ich immer Sympathien für Gladbach. Auch durch die Außenseiterrolle, in der sie sich mit den Bayern duelliert haben.

Gladbachs Geschichte ist reich und voller Mythen. Aber was würden Sie jemandem, der noch nie von RB Leipzig gehört hat, über die Geschichte des Klubs berichten?
Die ist schnell erzählt, das sind ja nur sechs Jahre. Es ist der jüngste Profiverein in Deutschland, und Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz hat es mal schön so formuliert: In 600 Jahren ist der einzige Unterschied zwischen Leipzig und den anderen Vereinen, dass es die anderen 700 Jahre gibt und uns eben erst 600 Jahre.

Nennen Sie den Klub eigentlich RasenBallsport Leipzig?
Bis das ausgesprochen ist, ist die Redezeit doch schon vorbei. Wir nennen unseren Verein RBL.

Er darf nicht Red Bull heißen, weil ein Verein in Deutschland nicht wie ein Produkt heißen darf. Also heißt er RasenBallsport, wird RB abgekürzt, und in der gesamten Kommunikation ist von den Roten Bullen die Rede. Das widerspricht nicht dem Wortlaut der Regeln, aber ihrem Geist, oder?
Es war eine durchaus innovative Idee, den Verein so zu nennen. Waldhof Mannheim trug auch mal den Namen der »Chio«-Chips, und Bayer Leverkusen ist nicht nach einem Bundesland benannt. Andere Vereine sind nach Firmennamen benannt worden und wir sind auch nicht der erste Verein, dessen Initialen mit einem Sponsor in Verbindung stehen – wie damals beispielsweise LR Ahlen.

Diese Vereine wurden aber nicht 
gegründet, um ein Produkt zu bewerben.
Das unterstellt, dass Herr Mateschitz die Vereine in Salzburg, New York und Leipzig aus Marketing-Gründen gegründet hat.

Das ist für uns die plausibelste Erklärung.
Ich sage ganz klar: Nein. Immer wenn ich mit ihm darüber rede, geht es Herrn Mateschitz in erster Linie darum, dass er jungen, begabten Sportlern die Möglichkeit geben möchte, sich zu entwickeln. Mir gegenüber hat er noch nie den Eindruck erweckt, dass er deswegen möchte, dass wir rasch Erfolg haben, damit er mehr Dosen verkaufen kann. Und weil sie RB Leipzig nicht mögen, verzichten unseretwegen Menschen vielleicht sogar darauf, Red Bull zu trinken.

Das klingt so, als würden Sie ihm raten, es mit dem Fußball besser zu lassen, wenn er mehr Dosen verkaufen möchte.
Ich habe eine ähnliche Erfahrung mit Dietmar Hopp gemacht. Der hatte schon viel Gutes in seinem Leben getan. Doch als wir in die erste Liga aufgestiegen waren, hat er zum ersten Mal so richtig gemerkt, dass er für das, was er da tut, nicht überall geliebt wird. Das hat ihn irritiert. Klar ist auch, dass da ein bisschen der Faktor Neid eine Rolle spielt. Da sind wir uns, glaube ich, auch einig, dass 
das schon etwas typisch Deutsches ist.

Die Motive von Herrn Mateschitz können wir letztlich nicht überprüfen. Aber wenn es ihm nur um die gute Sache gehen würde, warum dann die krude Namensgebung, die hingebogene Vereinsstruktur?
Nun, ich verstehe Herrn Mateschitz, der hier als Hauptsponsor relativ viel Geld in die Hand genommen hat und keine Mitgliederversammlung haben will, die sagt: »Vielen Dank für alles, aber danke, das war’s für Sie!«

Kennen Sie alle 17 stimmberechtigten Mitglieder des Vereins?
Teilweise schon, ja. Aber das Mitgliederthema ist für 
mich nicht so wichtig. Ich bin Mitglied in Backnang, Großaspach und Schalke, aber würde nicht im Traum darauf kommen, zu Mitgliederversammlungen zu gehen oder auf die Vereinspolitik in irgendeiner Weise Einfluss zu nehmen. Selbst wenn ich Zeit hätte, nicht. Für mich geht es vielmehr darum, wie ernst Vereine ihre Fans nehmen: Wir nehmen sie und ihre Wünsche hier sehr ernst.

Die »Süddeutsche Zeitung« schrieb, 
das Wirtschaftsunternehmen Red Bull tarne sich als »gemeinnütziger Skatclub«, um die 50+1-Regel zu umgehen.
Ich bin nur der Leiter Sport und kann diese Fragen nicht alle bis ins letzte Detail beantworten. Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass DFL oder 
DFB uns die Lizenz gegeben hätten, wenn wir Regeln gebrochen und 
bis auf Äußerste gebeugt hätten.

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