21.01.2010

Lutz-Michael Fröhlich über den Fall Hoyzer

»Die Identifikation ist dahin«

Heute vor genau fünf Jahren legte Skandal-Schiedsrichter Robert Hoyzer sein Amt nieder. Wir sprachen 2007 mit dem Unparteiischen Lutz-Michael Fröhlich, der mit einer Anzeige die organisierte Spielmanipulation ans Tageslicht brachte.

Interview: Christoph Ries Bild: imago
Lutz-Michael Fröhlich über den Fall Hoyzer

Sie haben im Sommer 2005 ihre Karriere beendet und waren seitdem oft als Fan im Stadion. Haben Sie mal gegen einen ihrer Kollegen gepöbelt?

Nein, denn wenn ich mich mal zu einer Fanschaft hinreißen lasse, dann zu einem Fan des Schiedsrichters. Ich versuche jede Entscheidung nachzuvollziehen und Erklärungen für Nichtgelungenes abzuleiten, schon um dem Schiedsrichter Anregungen zu geben, wie Fehler künftig vermieden werden können. Das gehört zu meinen Aufgaben.

In der Saison 2003/04 haben Sie Michael Ballack fälschlicherweise mit Gelb verwarnt und sich noch während des Spiels persönlich bei ihm entschuldigt. Muss ein guter Schiedsrichter auch mal den Mut haben, falsche Entscheidungen zurückzunehmen?

Sicherlich! Dieser Vorgang darf jedoch nicht zur Regel werden. Wenn der Schiedsrichter in jedem Spiel Entschuldigungen aussprechen muss, sollte er anfangen, sich selbst zu hinterfragen. Aber letztendlich sind wir alle Menschen. Der Fehler gehört dazu. Wenn es eine Möglichkeit gibt, diese Fehler aufzuklären, sollte man das unbedingt tun. Nur so kann man sich seine eigene Glaubwürdigkeit erhalten. Aber es gehört auch dazu, daran zu arbeiten, damit man die Fehlerquote minimiert.

Warum erleben wir das so selten? Gerade nach Spielschluss?

Der Schiedsrichter hat einen Echtzeit-Eindruck vom Spiel, der bestimmte Situationen häufig völlig anders darstellt als im Fernsehen. Das macht es sehr schwierig, seinen eigenen Standpunkt zu erklären. Beispiel: Ein Spieler geht zu Boden und der Schiedsrichter pfeift Elfmeter. Später, in den TV-Bildern, stellt sich heraus, dass keine Berührung vorlag. Was soll der Schiedsrichter dazu sagen? Allenfalls käme in Betracht »Ich habe im Spiel ein Foul gesehen und daher auf Strafstoß entschieden. Die TV-Bilder präsentieren eine Perspektive, nach der ich nicht auf Strafstoß entschieden hätte. Diese Perspektive hatte ich im Spiel nicht.«

Untergräbt die fortschreitende Technisierung des Fußballs die Autorität des Unparteiischen?

Ich glaube nicht, dass die Technik in Zukunft den Schiedsrichter ersetzen kann. Allerdings stellt sie den Job des Schiedsrichters vor eine große Herausforderung. Im Idealfall deckt sich die Entscheidung des Unparteiischen natürlich mit dem Eindruck der TV-Bilder. Oftmals führen aber auch die unterschiedlichen Kameraperspektiven zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Und dazu kommen zum Teil noch Kommentare, die zum dargestellten Bild gar nicht passen. Das ist dann manchmal schon Irreführung.

Was den TV-Beweis eigentlich unmöglich macht...

Der ist für mich nur sinnvoll, wenn grobe Unsportlichkeiten damit aufgedeckt werden. In der vergangenen Saison neigten einige Spieler hinter dem Rücken des Schiedsrichters verstärkt zu Ellenbogenchecks - bestes Beispiel der Cottbuser da Silva kurz vor Saisonschluss. Um solche Vergehen im Nachhinein zu ahnden, ist der TV-Beweis gut. Während des Spiels bin ich nicht dafür, weil das die Philosophie des Fußballs zerstören würde. Wenn man sich ständig die Fernsehbilder anschauen muss, kann man die Dynamik und den Spielfluss eines Fußballspiels völlig vergessen. Zudem sind der Nutzen und der Aufklärungswert durch den Einsatz des TV-Beweises im Spiel äußerst zweifelhaft.

Stichwort Schwalbe: Wie ehrlich ist der Fußball im internationalen Vergleich?

Nicht unehrlicher als anderswo. Wenn man den internationalen Fußball sieht: Je fortgeschrittener der Wettbewerb, desto ehrlicher werden die Spiele. Das hat man bei der Weltmeisterschaft gesehen und sieht man immer wieder zum Beispiel in der Championsleague. In den höherklassigen Wettbewerben kann sich ein Schiedsrichter stärker auf die wesentlichen Dinge konzentrieren, zum Beispiel ein Spiel laufen zu lassen.

Ist das ständige Lamentieren der Spieler vielleicht das größte Problem der Bundesliga?

Es ist besser geworden, aber immer noch sehr stark vorhanden. In der Bundesliga wird zu oft lamentiert, es wird zu oft vorgetäuscht. Bagatellen werden zu riesigen Dramen aufgebauscht und ständig wird die Schuld beim Anderen gesucht.

Wie kann man dem entgegen treten?


Durch eine klare Positionierung z.B. der Fußballöffentlichkeit, auch über die Medien. Schwalben, Lamentieren, hinterhältige Ellenbogenchecks sind alles Unarten, die den Fußball insgesamt in ein schlechtes Licht rücken. Sie dienen nicht dem Fußball, sie zerstören ihn. Solche Unarten müssten schärfer öffentlich geächtet werden. Daraus erwachsen nämlich erst die Probleme für die Schiedsrichter. Schauen Sie sich Poulsen in Kopenhagen an, was da angerichtet wurde durch eine Tat, die mit Fußball wirklich nicht das Geringste zu tun hat. Nochmal: Solche Dinge öffentlich ächten und gnadenlos bestrafen! Dabei kann der Fußball nur gewinnen.

Sehen Sie heute ein Fußballspiel mit anderen Augen?

Ein bisschen schon. Als aktiver Schiedsrichter hatte ich meistens nur Zeit für eine kurze Zusammenfassung im Fernsehen, weil ich selbst ja auf dem Platz stand. Jetzt sitze ich auf der Tribüne und bekomme viel mehr mit von dem, was im Umfeld eines Spiels geschieht. Man sieht, wie sich die Spieler und Trainer verhalten, wie Schiedsrichter auf bestimmte Situationen reagieren. Man analysiert viel mehr als früher, sucht noch mehr nach fallbezogenen Lösungsmöglichkeiten. Und doch muss alles einfach und verständlich bleiben. Das ist insgesamt schon andere Betrachtungsweise.

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"Warum passiert das mir?" – Herbert Fandel im Interview www.11freunde.de/international/102135 .

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