28.06.2012

Lukas Podolski über das Halbfinale von Warschau

»Wir sind besser als Italien!«

Noch ist es nicht die EM von Lukas Podolski. Noch. Vor dem Halbfinale gegen Italien in Warschau sprachen wir mir ihm über das ungewohnte Gefühl, auf der Ersatzbank zu sitzen, seine neue Heimat London – und natürlich den Gegner aus Italien.

Bild: Imago

Lukas Podolski, Miroslav Klose hat erzählt, dass er noch nie in Warschau gewesen ist. Waren Sie schon mal da?
Zwei oder drei Mal, zuletzt vor acht Monaten. Sehr schöne Stadt, überragendes Stadion. Da könnte eigentlich auch das Finale ausgetragen werden.

Stattdessen spielen Sie dort im Halbfinale gegen Italien. Ist das für Sie als gebürtigen Polen der emotionale Höhepunkt der EM?
Ich will den Pokal gewinnen. Das wäre der emotionale Höhepunkt. Aber Sie haben recht: Dass ich es in meiner Karriere erleben darf, in meinen beiden Ländern jeweils ein großes Turnier zu spielen, das ist etwas ganz Besonderes. 2006 in Deutschland und jetzt die EM 2012 in Danzig und Warschau.

Bei der WM 2006 haben Sie das Halbfinale 0:2 gegen Italien verloren. Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Fabio Grosso das vorentscheidende 1:0 erzielt hat?
Halbfinale in Deutschland, man steht auf dem Platz, ist mittendrin – und dann siehst du den Ball im Tor einschlagen. Das war ein Moment der Leere. Mit dem Tor war der Traum vorbei. Wir waren eigentlich gut dabei, hatten in den 90 Minuten auch ein paar Möglichkeiten, in der ersten Hälfte sogar eine sehr gute durch Bernd Schneider. Aber in der Verlängerung hat uns ein bisschen die Kraft gefehlt. Da waren die Italiener besser.

Michael Ballack war nach dem Abpfiff den Tränen nahe. Wie ist es Ihnen ergangen?

Ich bin ja eher einer, der die Tränen nicht so zeigt. Und ich war damals auch noch ein bisschen jünger. Trotzdem ist das ein Moment, wo du auf dem Platz stehst und denkst: Jetzt ist es vorbei. Aber was soll man machen?

Spielt die Niederlage von 2006 heute noch eine Rolle?
Nein, weil wir eine ganz andere Mannschaft sind, ein ganz anderes System spielen und eine ganz andere Philosophie haben.

Auch die besseren Chancen?
Das denke ich schon. Wir haben eine bessere Qualität im Kader, spielen einen besseren Fußball und haben dadurch auch bessere Chancen. Aber es ist ein Halbfinale. Die Italiener werden uns nichts schenken.

Wie hat sich die italienische Mannschaft seit 2006 verändert?

Nach den ganzen Unruhen vor dem Turnier durch den Wettskandal habe ich nicht damit gerechnet, dass die Italiener so weit kommen. Aber sie haben sich überzeugend durchgespielt. Auch im Viertelfinale gegen England. Da waren sie die klar bessere Mannschaft.

Was haben Sie im Elfmeterschießen gedacht, als Andrea Pirlo den Ball ins englische Tor gelupft hat?

Da musst du erst mal Eier haben, um den so zu schießen. Sensationell. Die Italiener liegen zurück, er muss treffen. Wenn’s schiefgeht, muss er sich einiges anhören – aber so redet die ganze Welt über diesen Elfmeter. 


Könnten Sie sich vorstellen, im Halbfinale auch so einen Elfmeter zu schießen?
Eher nicht. Ich möchte nicht wissen, was in Deutschland passiert, wenn man den versemmelt.

Das Halbfinale gegen Italien ist das letzte EM-Spiel in Polen. Haben Sie Sorgen, dass Sie wie schon im Viertelfinale gegen Griechenland wieder nur auf der Bank sitzen?

Sorgen habe ich nicht. Natürlich war ich enttäuscht. Wir spielen zum ersten Mal bei der EM in Polen, meine Familie ist da – und ich darf nicht mitwirken. Aber ich bin überzeugt, dass ich gegen Italien auf dem Platz stehen werde.

Was macht Sie so sicher?

Sicher kann man sich nie sein, aber ich habe einfach das Gefühl. Ich hatte auch ein gutes Gespräch mit dem Bundestrainer. Er hat mir vor der Mannschaftssitzung mitgeteilt, dass ich gegen Griechenland nicht spiele.


Wie hat er seine Entscheidung begründet?

Er wollte vorne einfach was Neues ausprobieren. Das ist ja sein gutes Recht. Er muss auch nicht jedem Spieler immer erklären, wieso und weshalb. Er kann die Mannschaft, das Training, das System so steuern, wie er es für richtig hält.

Würden Sie sagen, dass Sie ein besonderes Verhältnis zum Bundestrainer haben?

Ich kenne ihn ja jetzt seit acht Jahren. Da entsteht ein engeres Verhältnis, als ich es bei meinen Vereinen erlebt habe, egal ob in Köln, bei den Bayern oder jetzt wieder in Köln. Da hat quasi jedes halbe Jahr das Führungspersonal gewechselt. Da kann sich nichts entwickeln, wenn du ständig einen neuen Trainer bekommst, wenn plötzlich der Manager weg oder der Vorstand nicht mehr da ist. Dann fehlt dir einfach die Bezugsperson. Die braucht man, wenn man Ruhe im Verein haben und erfolgreich sein möchte. Hier macht der Bundestrainer über Jahre sensationelle Arbeit. Er hat eine neue Philosophie entwickelt, ein neues System. Das ist gut. Wenn die Nationalmannschaft ein Verein wäre, wäre es der optimale Verein.

Bisher hatten Sie in der Nationalelf immer einen Stammplatz. Jetzt müssen Sie erstmals zittern. Wie gehen Sie damit um?

Es ist ja nicht so, dass ich jetzt keinen Stammplatz mehr habe. Ich habe so viel erlebt, so viele Spiele bestritten, so viele Turniere mitgemacht. Das kann mir keiner mehr nehmen. Dass ich jetzt einmal auf der Bank gesessen habe, ist kein Beinbruch. Es gibt noch so viele Jahre, die vor mir liegen, so viele Spiele. Das ist für mich überhaupt kein Problem. Ich nehme das sportlich. Und wenn ich demnächst mal wieder auf der Bank sitze, muss ich damit leben.

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