Lukas Podolski im 11FREUNDE-Interview (#2)

»Ich will ein guter Junge sein«

Lukas Podolski im 11FREUNDE-Interview (#2)
Heft#113 04/2011
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113

Lukas Podolski, stimmt es, dass Sie Trikots sammeln?

Lukas Podolski: Ich werde bei Spielen oft gefragt, ob ich tauschen möchte. Deswegen sammelt sich einiges an. Inzwischen habe ich so viele, dass ich schon den Überblick verliere.

Welche Jerseys haben bei Ihnen einen Ehrenplatz?

Lukas Podolski: Ein paar von der Euro 2008 und den Weltmeisterschaften habe ich aufgehängt, die anderen liegen im Schrank. Vielleicht gestalte ich mir mal ein komplettes Trikot-Zimmer, wenn ich die Karriere beendet habe.

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Hätten Sie sich mit 18 träumen lassen, dass Sie mit 25 Jahren 84 Länderspiele auf dem Buckel haben würden?

Lukas Podolski: Ich habe mir meine Karriere nie richtig vorgestellt oder diese geplant, ich habe sie einfach laufen lassen. Natürlich hat man gewisse Ziele oder Vorstellungen, aber im Fußball ist man dafür nie alleine verantwortlich, dass man sie erreicht. Mein Leben passiert einfach. 

Felix Magath hat Bastian Schweinsteiger gegenüber in den ersten Tagen als Bayerntrainer so getan, als würde er ihn nicht kennen. Ist Ihnen das auch mal passiert?

Lukas Podolski: Nein. In Köln erkennt man die Spieler ja auch einfacher wieder, denn in München kommen ständig neue Stars dazu. 


Und wie war es in Ihrer Zeit bei den Bayern?

Lukas Podolski: So etwas habe ich nicht erlebt.


Dennoch hat Ihnen die Zeit in München nicht nur Spaß bereitet.

Lukas Podolski: Ich habe dort viele Erfahrungen gemacht und Titel gewonnen, aber man hat mir zu wenig Einsatzzeiten zugestanden. Stattdessen wurde um jeden Einsatz von zehn Minuten ein totaler Hype gemacht. Und wenn ich keinen Torschuss vorweisen konnte, hieß es gleich: »Der Lukas kann nichts.« Auf Dauer ist das schwierig für einen Spieler. Da vergeht einem auf Dauer der Spaß. Wenn ich die aktuelle Bayern-Mannschaft sehe, frage ich mich schon manchmal, ob ich da nicht gut reingepasst hätte. Aber das ist Vergangenheit.

War es das erste Mal, dass Sie über einen längeren Zeitraum unzufrieden mit Ihrem Beruf waren?

Lukas Podolski: Es war schon hart, wenn ich vor dem Spiel erfuhr, dass ich nicht in der ersten Elf stehe. Aber über die Woche beim Training war dieser Frust auch wieder weg. 


Rückblende: Wie fühlte es sich für den überzeugten  Kölner Podolski an, beim FC Bayern zu unterschreiben?

Lukas Podolski: Ich war stolz, den Schritt nach München zu gehen und so einen Vertrag zu bekommen. Wer in München unterschreibt, weiß, was das bedeutet. Es war ein schöner Tag und die Sonne hat geschienen. 

Wovor hatten Sie am meisten Respekt?

Lukas Podolski: In München ist immer Druck, aber ich wollte beweisen, dass ich mich dort durchsetzen kann. Nach der erfolgreichen WM 2006 war ich überzeugt, dass ich dazu in der Lage bin.

Was haben Uli Hoeneß und Felix Magath gesagt, um Ihnen die Sicherheit zu geben, dass es der richtige Schritt ist?

Lukas Podolski: Nichts Besonderes, an das ich mich erinnern kann. Bei Vertragsgesprächen gibt einem der Verein immer die Zuversicht.  


Bastian Schweinsteiger sagt, es wäre ein bisschen schade gewesen, dass Sie in Ihrer Münchner Zeit soweit außerhalb gewohnt hätten – am Pilsensee in Hechendorf.

Lukas Podolski: Das muss jeder selbst entscheiden, wo er leben will. Der Eine braucht einen Bauernhof draußen auf dem Land, der andere ein Hotel in der Stadt. 


Wo wohnen Sie jetzt?

Lukas Podolski: In Müngersdorf, einem Stadtteil von Köln.

Warum war Ihnen in München das Land so wichtig?

Lukas Podolski: Weil dort alles gepasst hat, das Haus, die Umgebung. Aber das hat kaum Einfluss darauf gehabt, wie ich dort spiele. In meiner Anfangszeit in Köln bin ich auch jeden Tag 35 Minuten zum Training gefahren – das hat nicht viel zu sagen. 


Die Frage bezog sich eher darauf, ob Sie neben dem Fußball zum Leben in München nicht so recht einen Bezug bekommen haben?

Lukas Podolski: Doch, wir haben uns sehr wohl gefühlt in München.

Hat Ihnen Trainerverpflichtung von Jürgen Klinsmann im dritten Jahr bei den Bayern Zuversicht gegeben?

Lukas Podolski: Am Anfang ja, später dann nicht mehr.  


Weil er Ihnen vor der Saison 2008/09 mitgeteilt hat, dass Sie hinter Miroslav Klose und Luca Toni nur als dritter Stürmer eingeplant sind.

Lukas Podolski: Er sagte es mir unmittelbar vor Beginn der Saison, ich kam gerade von einer erfolgreichen Euro zurück. Für mich wurde im Laufe der Zeit immer klarer, dass am Ende der Spielzeit ein Wechsel unumgänglich wird, da es keine Chancen mehr gab – so lange die anderen beiden gesund waren – mich auszuzeichnen. Und damit war das Kapitel Klinsmann für mich auch erledigt.



Die größte menschliche Enttäuschung Ihrer Fußballkarriere?

Lukas Podolski: Kein Kommentar. 


Dabei kamen Sie mit Klinsmann bei der WM 2006 doch sehr gut zurecht.

Lukas Podolski: Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis – zu ihm und zu Jogi Löw. Ich habe mich auch gefreut, als ich hörte, dass er zu Bayern kommt. Aber dann gleich im ersten Gespräch so etwas zu hören, da habe ich mich schon gefragt: »Was ist denn da passiert?«


Was bedeuten Ihnen unter dieser Voraussetzung die Titel, die Sie aus München mitgebracht haben?

Lukas Podolski: Ich freue mich natürlich über diese Titel, da es eine tolle Erfahrung war, aber sie haben mich als Mensch nicht großartig verändert.


Als Klinsmann entlassen wurde, hat es unter Jupp Heynckes für Sie wesentlich besser geklappt. Sie machten am Ende der Saison sieben Spiele in Folge.

Lukas Podolski: Mit ihm konnte ich mich sehr gut unterhalten und austauschen. Er hat mich stark geredet, er hat Vertrauen in mich gesetzt, meine Stärken hervorgehoben.


Die Führung durch den Trainer ist eben wichtig für Sie.

Lukas Podolski: Das braucht aus meiner Sicht doch jeder. Wenn Sie jetzt zurückkommen und Ihr Chef sagt: »Was hast Du da für ein langweiliges Interview mit dem Podolski gemacht?«, sagen Sie auch nicht: »Was habe ich bloß für einen angenehmen und verständnisvollen Chef?«

Sie hatten nach der WM 2010 etliche Angebote, auch von internationen Top-Klubs.

Lukas Podolski: Aber damit habe ich mich nicht konkret beschäftigt.


Welcher Klub kommt Ihren Fähigkeiten von seiner Spielweise entgegen?

Lukas Podolski: Sie würden von fast jedem Spieler hören, dass Barcelona ein Traumverein ist. Aber mir gefällt der Fußball in Spanien und England gleichermaßen gut.


Gibt es einen Klub, der Ihnen dort besonders nah ist? Der FC ist mir nah.
Würden Siebei Barca gut reinpassen?

Lukas Podolski: Ich denke, ich würde bei einigen Vereinen gut reinpassen. England ist eher Dynamik, Spanien eher Technik. Das würde beides passen wie ich finde.


Aber der Vertrag in Köln bis 2013 wird erfüllt.

Lukas Podolski: Stand heute: ja.


Waren Sie schon zu Bergheimer Zeiten FC-Fan?

Lukas Podolski: Seit ich denken kann. Ich habe den ganzen Weg als Anhänger hinter mir: Ich war in der Südkurve, habe mit meinem Vater auch auf der Tribüne gesessen. Später war ich Balljunge und mit den D-Junioren habe ich im Stadion auch Vorspiele gemacht. Einmal war ich sogar Teil einer Team-Eskorte.


Bei wem an der Hand?

Lukas Podolski: Weiß ich nicht mehr.


Inwieweit beschäftigen Sie sich heute mit den Anliegen der Fans? Im April 2010 schwenkten Sie nach einem Spiel in Hoffenheim die Fahne der Ultra-Gruppierung »Coloniacs« mit der Aufschrift:»Pyrotechnik ist kein Verbrechen.«

Lukas Podolski: Ich hatte die Aufschrift nicht gesehen, ich dachte, es sei nur eine FC-Fahne. Zur Frage: Ultras sind auch Fans. Wenn etwas über unseren Fanbeauftragten angesprochen wird, bin ich gerne bereit dazu Stellung zu beziehen. Ich denke, ich habe ein intensives und gutes Verhältnis zu unseren Anhängern, nicht nur weil wir sie für unseren Erfolg dringend brauchen.



Können Sie nachvollziehen, dass Pyrotechnik in den Stadien gefordert wird?

Lukas Podolski: Das ist nicht mein Thema, aber wenn ich höre, dass nach unserem Spiel gegen Bayern München Fans von der Polizei in Sippenhaft genommen werden, die gar nichts mit den konkreten Übergriffen zu tun haben, finde ich das nicht gut. Ich denke, es wäre besser, wenn man nicht alle Anhänger über einen Kamm schert.

Aus polnischen Erstligastadien hört man immer wieder von Gewaltausbrüchen und rechtsradikalen Hooligans. In einem Jahr ist dort Europameisterschaft.

Lukas Podolski: Dort ist vieles in der Entwicklung, aber die Situation ist längst nicht mehr so schlimm, wie vor ein paar Jahren. Ich bin sicher, zur Euro wird alles perfekt organisiert sein. 


Lukas Podolski, wann haben Sie das erste Mal gespürt, dass das Interesse an Ihrer Person über die normale Popularität eines Profis hinausgeht?

Lukas Podolski: Kann ich gar nicht mehr sagen. Es ging ja so schnell los. Der Hype war schon nach den ersten Spielen da. Aber das war auch gut so.


Warum?

Lukas Podolski: Ich konnte nicht lange überlegen, sondern ich musste mich sofort mit den Dingen auseinandersetzen. Damals habe ich mir manches auch zu sehr zu Herzen genommen. Ich wollte jeden glücklich machen, jeden mitnehmen, keinen vergessen. 


Gegen den Radiosender »Eins Live« haben Sie 2006 eine Unterlassungklage erwirkt, weil ein Stimmenimitator so tat, als würde er aus Ihrem Tagebuch vorlesen. Oliver Pocher macht sich über Sie lustig. Nervt Sie die Art, wie Sie in manchen Medien dargestellt werden?

Lukas Podolski: Damit beschäftige ich mich überhaupt nicht. Wenn es allerdings zu persönlich wird, kümmern sich der Verein und mein Berater darum.  


Gibt es eigentlich den schönsten Moment in der bisherigen Karriere des Lukas Podolski?

Lukas Podolski: Beim Fußball hat man ganz oft Gänsehaut und viele schöne Momente. Aber ganz besonders ist eine WM, eine EM, oder wenn ich bei Heimspielen in unser Stadion einlaufe. Das ist der Wahnsinn.


Wie war es, als Sie bei Ihrer Rückkehr nach Köln beim ersten Training im Stadion vor 20 000 Fans präsentiert wurden?

Lukas Podolski: In der Rückschau war das vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Ein bisschen zu viel: »Poldi kommt nach Hause.«

Hat es Ihnen geschadet?

Lukas Podolski: Natürlich ist es ein tolles Gefühl, wenn so viele Menschen zum ersten Training kommen, aber es ist natürlich auch eine Bürde. 


Dennoch fällt es auf, dass Sie gerade unter Druck auf dem Platz immer wieder mit sportlichen Mitteln eine Antwort geben.

Lukas Podolski: Das ist mein Job. Vielleicht ist es angeboren, vielleicht haben mir meine Eltern dabei geholfen. Ist für mich schwer zu erklären.


Wie nahe geht es Ihnen, wenn sich die Medien begierig darauf stürzen, dass Sie Michael Ballack im Spiel gegen Wales nach einem Wortgefecht ohrfeigen oder Harald Strutz nach Ihrem Streit mit dem Schiedsrichter sagt: »Podolski ist auf dem besten Weg, ein unsympathischer Spieler zu werden.«

Lukas Podolski: Welcher Strutz? Wer ist das?


Der Präsident des FSV Mainz 05.

Lukas Podolski: Was war denn da noch mal? Das war wohl in einer Phase, als es bei uns im Klub nicht so gut lief. Kann sein, dass ich in der einen oder anderen Situation etwas überreagiert habe. Aber Emotionen – sowohl positiv als auch negativ – gehören für mich zum Fußball dazu. Natürlich muss man sich auch manchmal zusammenreißen können. Keine Frage. 


Wo hört für Sie der Spaß auf?

Lukas Podolski: Wenn Leute versuchen, mich auszunutzen. Wenn ich das Gefühl habe, dass mein Name benutzt wird, damit sich andere profilieren können. So nach dem Motto: »Komm Poldi, mach mal eben hier, und mach mal da. Den Gefallen kannst Du mir mal eben tun.«



Wissen Sie eigentlich über Ihr Vermögen Bescheid?

Lukas Podolski: Auf jeden Fall. 


Stimmt es, dass Sie Ihr Geld ausschließlich konservativ anlegen?

Lukas Podolski: Kein Risiko. Die Bank soll schön damit arbeiten - konservativ. 
Das ist aktuell auch nicht die cleverste Lösung. Stimmt, ich überlege schon mein ganzes Geld nach Hause zu holen und mir einen riesigen Tresor anfertigen zu lassen. Spaß beiseite: Meine Eltern sind sehr bodenständig und das haben sie schon früh an mich weitergegeben. Ich habe keine Lust, wie andere junge Profis frühzeitig um ein gutes Stück von meinem Ersparten gebracht zu werden.


Wofür geben Sie denn Geld aus?

Lukas Podolski: Für meine Familie, für Kleidung und für Urlaube zum Beispiel.  


Sie schauen nicht mehr so viel Fußball wie früher. Wo haben sich Ihre Interessen sonst noch verlagert?

Lukas Podolski: Ich höre gerne Musik, spiele Basketball, verbringe Zeit mit meinen Freunden und natürlich mit meiner Familie. 

Sie brauchen die Bewegung?

Lukas Podolski: Klar, ich liebe es immer in Action zu sein. 


Wie sieht es denn aus, wenn Sie auf die Piste gehen und Action haben.

Lukas Podolski: In Diskotheken? Da gehe ich, wenn es hoch kommt, einmal im Jahr hin. Ich gehe gerne mit der Familie und Freunden essen. Ansonsten habe ich auch noch viele andere Verpflichtungen wie zum Beispiel Sponsorentermine. Wenn ich dann noch etwas Zeit mit meinem Sohn verbringen will, ist der Tag schon wieder vorbei.

Welchen Stellenwert hat in diesem komplexen Leben die Nationalelf?

Lukas Podolski: Für meine fußballerische Entwicklung ist sie sehr wichtig. Schließlich spiele ich dort mit den Besten zusammen, da ist selbst im Training eine hervorragende Qualität vorhanden. 


Wie sind Sie mit Jogi Löw im Dialog?

Lukas Podolski: Ich rede ständig mit ihm über Fußball. Wir haben uns auch verständigt, als ich zurück zum FC gehen wollte. Er hat mich dabei unterstützt und auch bestärkt.


Obwohl Sie auch die Option hatten zum HSV und zu Werder Bremen zu wechseln.

Lukas Podolski: Er sagte, dass er es für den richtigen Schritt hält, weil er wüsste, dass ich davon überzeugt bin.

2006 hieß die WM-Achse im deutschen Team Ballack und Frings, heute heißt sie Özil und Schweinsteiger. Welches Gespann ist Ihnen lieber?

Lukas Podolski: Wir sind heute eine ganz andere Mannschaft und spielen einen veränderten Fußball. Damit will ich Torsten Frings und Michael Ballack nicht kritisieren: Auch mit Ihnen haben wir sehr viel erreicht. 


Aber das aktuelle Team kommt Ihnen mehr entgegen.

Lukas Podolski: Ich fühle mich sehr wohl, wir sind auch vom Alter her näher beisammen und haben eine tolle Kameradschaft.

Seit dem »Sommermärchen« 2006 sind Sie auch so etwas wie eine historische Gestalt. Stolz?

Lukas Podolski: (lacht laut) Ich lebe für besondere Momente, für ein schönes Tor, einen großen Erfolg. Aber denke nicht so darüber nach. Meine Karriere läuft gut und ich habe noch einiges vor.

Haben Sie noch ein Idol, so wie als Jugendlicher den Brasilianer Ronaldo?

Lukas Podolski: Nein, das ist vorbei. Es gibt keinen, bei dem ich sage, so möchte ich werden. 


Lukas Podolski, Sie sind 25 Jahre alt.

Lukas Podolski: Immer noch. Das Interview dauert aber schon so lange, dass ich darüber fast 26 geworden bin...


Wie würden Sie den Menschen nach Ende Ihrer Karriere gerne in Erinnerung bleiben?

Lukas Podolski: Ich möchte, dass die Leute mich so in Erinnerung behalten wie ich bin. Sie sollen sich an einen guten Fußballer, der alles für seinen Klub gemacht hat – und der auch ein guter Mensch, ein guter Junge war.

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