Lukas Podolski im 11FREUNDE-Interview (#1)

»Mich musste niemand in den Arm nehmen«

Lukas Podolski im 11FREUNDE-Interview (#1)Sebastian van den Akker
Heft#113 04/2011
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Lukas Podolski, wie sehr reibt Sie als Nationalspieler eigentlich dieser ständige Abstiegskampf auf?

Lukas Podolski: Ich war bei meiner Rückkehr nach Köln darauf vorbereitet, dass es in den ersten beiden Jahren nicht einfach wird. Im Winter haben wir drei Spieler geholt, die das Niveau steigern, im Sommer sollten wir dann auf drei, vier Positionen nachlegen. Dann sind wir auch nicht schlechter aufgestellt als Hannover 96 – und die spielen um die Champions League. 


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Auch in Hannover arbeitet ein Trainer, der den Klub schon relativ lange kennt.

Lukas Podolski: Frank Schaefer ist Kölner, so wie Dirk Lottner. Allein ihre Herkunft sorgt dafür, dass sie alles für den Verein tun. Ich finde es die richtige Herangehensweise, nicht mehr Trainer aus dem Ausland zu holen, die den FC nicht als Zuhause, sondern zuerst als Sprungbrett verstehen.

Hat die FC-Geschäftsführung in dieser Hinsicht in der Vergangenheit zu groß gedacht?

Lukas Podolski: Nein, eher zu klein.


Bezüglich der Trainerverpflichtungen, meinen wir?

Lukas Podolski: Was soll ich dazu sagen? Ich schaue ungern zurück. Gerade läuft es gut. Es ist nicht mehr wichtig wie es unter den Trainern Soldo, Latour oder Rapolder gelaufen ist. Das ist vorbei.


Ende 2009 wurde Milivoje Novakovic als Kapitän des 1. FC Köln abgesetzt. Statt Sie als Führungsspieler mit diesem Amt zu betrauen, entschied sich Coach Zvonimir Soldo allerdings für Youssef Mohamad als Kapitän. Sie müssen ziemlich enttäuscht gewesen sein.

Lukas Podolski: Ich habe kein Problem damit, dass ein anderer Kapitän wird, aber es wäre fair gewesen, wenn mir jemand vorab die Gründe für so einen Schritt erklärt hätte. Ich fand es schade, dass niemand mit mir darüber gesprochen hat. 


Seit Beginn des Jahres sind Sie wieder Kapitän. Was bedeutet Ihnen das Amt?

Lukas Podolski: Es fühlt sich gut an, im ständigen Dialog mit dem Trainer zu sein und mehr Verantwortung zu tragen. 


Welche Aufgaben fallen Ihnen als Kapitän konkret zu?

Lukas Podolski: Ich habe über die Jahre eine enge Beziehung zu den handelnden Personen aufgebaut. Zu den Transfers von Slawo Peszko und Michael Rensing habe ich der sportlichen Führung im Vorfeld auch meine Meinung geäußert, schließlich kenne ich die beiden ganz gut.

Inwieweit muss ein Kapitän auch der Chef sein?

Lukas Podolski: Wenn man das Vertrauen des Trainers bekommt, muss man in der Lage sein, Dinge konkret anzusprechen.


Kuschen denn alle im Team?

Lukas Podolski: Momentan machen alle mit, ja. (lacht)

Was macht Frank Schaefer besser als Soldo?

Lukas Podolski: Es ist bei Erfolg immer einfach, alles auf den neuen Trainer zu schieben. Aber es sind viele Faktoren, die dafür sorgen, dass es jetzt besser läuft.


Zum Beispiel?

Lukas Podolski: Wir haben uns in der Winterpause zielgerichtet verstärkt. Wir trainieren anders, der Trainer hat am ersten Tag das neue 4-2-3-1-System verkündet, das wir seitdem recht erfolgreich umsetzen.


Und Sie haben als Kapitän auch neues Selbstbewusstsein geschöpft?

Lukas Podolski: Es hat mir einen Schub gegeben. Es ist ein großartiges Gefühl, am Spieltag als Anführer der FC-Elf die Treppe aus den Katakomben hochzugehen und ins Stadion zu kommen.



Sie kehrten 2009 nach Köln zurück, weil Ihnen vom Präsidium ein Vierjahresplan präsentiert wurde, an dessen Ende die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb steht.

Lukas Podolski: Das Präsidium hat es sich wohl auch anders vorgestellt. Unser Ziel muss es sein, im nächsten Jahr relativ schnell nichts mehr mit dem Abstiegskampf zu tun zu haben.

Als Sie zurückkamen, fanden Sie ein ziemliches Chaos vor. Zumindest haben Sie vergangenen Herbst gesagt, dass dem Klub die Strategie fehlt?

Lukas Podolski: Seitdem haben sich viele Dinge verändert: Wir haben einen neuen Trainer. Volker Finke ist Sportdirektor. Ich weiß nicht, wie konkret der Klub noch am Vierjahresplan hängt, aber es hat sich einiges zum Guten verändert.

Welche Rolle spielen Titel für Sie?

Lukas Podolski: Titel sind für mich nicht das übergeordnete Ziel, da für mich eine erfolgreiche Karriere nicht ausschließlich von Titeln abhängt. Deutscher Meister und Pokalsieger bin ich mit Bayern geworden. Natürlich blutet mir ein bisschen das Herz, wenn ich mittwochs die Bayern in der Champions League spielen sehe. Aber es macht mir viel Spaß, hier etwas aufzubauen. Das hat für mich einen höheren Stellenwert als Titel.


Das heißt, es reicht Ihnen, mit dem FC in fünf Jahren ein veritabler Mittelklasseverein in der Bundesliga zu sein?

Lukas Podolski: Soweit denke ich nicht. Jetzt müssen wir erst einmal drin bleiben, und nächste Saison müssen wir die Mannschaft eben noch weiter verbessern. Es ergibt ja auch keinen Sinn, dass ein Klub sich die Champions-League-Teilnahme mit teuren Spielern erkauft und damit seine Existenz aufs Spiel setzt.

Letzte Saison hatte es den Anschein, dass Sie durch ein Tief gehen. Bis dahin dachte man, an Lukas Podolski prallt jede Krise ab.

Lukas Podolski: Es gab einige schwierige Momente. Nach meiner Rückkehr wurde ein Hype um mich gemacht, der sich nicht nur positiv ausgewirkt hat. Ich habe mich manchmal zu sehr auf Nebensächlichkeiten konzentriert.

Wie muss man sich das vorstellen?

Lukas Podolski: Sehr schwer zu beschreiben. Ich habe über zu vieles nachgedacht. Auch im Team lief es nicht rund. Ich wollte es allen recht machen. Aber das geht nicht. 


Wie gehen Sie inzwischen mit solchen Dingen um?

Lukas Podolski: Wissen sie, das Fußballgeschäft ist sehr wechselhaft. Als es dann in der letzten Saison nicht lief, wurde von vielen Seiten gefragt: »Was ist mit dem Lukas los?«. Momentan kommt wieder jeder: »Poldi! Alles super!« Ich weiß inzwischen: Der nächste Rückschlag kommt bestimmt, genau wie der nächste Sieg. Deswegen weiß ich auch genau, wie man mit solchen Situationen umzugehen hat: Man darf beides nicht überbewerten.

Welche Werte wurden Ihnen zuhause vermittelt, was Rückschläge anbetrifft?

Lukas Podolski: Meine Eltern haben mir Vieles mit auf den Weg gegeben: Ehrlichkeit, Zielstrebigkeit und Ehrgeiz zum Beispiel. Sie haben mich immer unterstützt. Ihnen habe ich viel zu verdanken. Mein Vater ist ein ruhiger Mann, der alles für mich getan hat, er hat meine Tasche gepackt, meine Schuhe geputzt und mich zum Training gefahren. Dafür bin ich ihm noch heute dankbar. Aber er hat sich mit Ratschlägen immer zurückgehalten. Er wusste, dass es läuft.


Sind Sie eher behütet aufgewachsen oder haben Sie auf dem Platz oft gehört: »Stell dich nicht so an«?

Lukas Podolski: Ich habe immer gespielt, mich musste niemand in den Arm nehmen oder mir Druck machen.



Ihr Vater hat in der ersten polnischen Liga Fußball gespielt. War er keiner, der am Spielfeldrand dem Sohnemann mal lautstark Hinweise auf den Platz brüllt?

Lukas Podolski: Nein, sonst wäre ich heute nicht dort, wo ich bin. Ich kenne genug Jugendliche, die genau daran gescheitert sind, dass ihre Väter zu verbissen sind. Mein Vater ist ein zurückhaltender Mensch, der sich freut, wenn ich ein Tor mache. Aber er zeigt das nicht großartig nach außen.

Sie werden nicht müde zu betonen, wie gerne Sie in Köln leben. Was macht die Stadt über den Fußball hinaus für Sie zur Heimat?

Lukas Podolski: Ich liebe diese Stadt, den Dom und den Klub, der das Potenzial hat, noch weiter nach oben zu kommen. Ich wohne gerne hier. Und mein Sohn hört schon oft kölsche Lieder. 


Und Sie?

Lukas Podolski: Ich höre die dann natürlich auch. 


De Höhner?

Lukas Podolski: Es gibt viele gute Gruppen. Sonntag gehe ich sogar in die Köln-Arena.


Was ist da los?

Lukas Podolski: »Lachende Köln-Arena«. Eine Karnevalsveranstaltung. 


Da sind Sie als Stargast?

Lukas Podolski: Nein, privat.


Aber »Poldi« kann doch nicht privat auf so eine Massenveranstaltung gehen.

Lukas Podolski: Man muss halt seine Wege finden, um auch in der Öffentlichkeit privat zu bleiben. Glauben Sie mir, das lernt man.


Welche kölschen Ikonen fallen Ihnen ein? Willy Millowitsch?

Lukas Podolski: Der sicher auch, aber Köln hat aus meiner Sicht in erster Linie Fußballer zu bieten: Hans Schäfer, Wolfgang Overath, Icke Häßler, Heinz Flohe. Da gibt es viele.

Thomas Häßler ist inzwischen Techniktrainer beim FC.

Lukas Podolski: Und ganz ehrlich: Es macht mich stolz, mit ihm auf dem Trainingsplatz zu stehen und darüber zu reden, was ich bei meiner Freistoßtechnik noch verbessern kann.

Reden Sie mit Thomas Häßler auch mal über seinen Titelgewinn 1990 in Rom?

Lukas Podolski: Nein. Icke ist auf dem Platz wie ein Spieler. Er springt auch manchmal im Trainingsspiel ein. Da redet man nicht über unsere großen Erfolge.

Wer war Ihr Vorbild, als Sie 1996 als D-Jugendlicher zum 1.FC Köln kamen?

Lukas Podolski: Es war damals keine besonders gute Phase. Beim FC gab es jedenfalls kein Vorbild.


Wo gab es eins?

Lukas Podolski: Später war Ronaldo mein großes Idol.



Sie sind ungemein auf den Fußball fokussiert.

Lukas Podolski: Wenn ich auf den Platz gehe, bin ich fröhlich, da kann ich alles andere ausblenden. Auch wenn es hier in Köln in den vergangenen Jahren wenig zu feiern gab. 


Können Sie diese Freude noch konkreter beschreiben – das was Journalisten als Ihre Unbekümmertheit rühmen.

Lukas Podolski: Fußball ist wie Freizeit für mich. Ich spiele lieber 5 gegen 5 als irgendwo essen oder shoppen zu gehen. Keine Ahnung, so ist es, vielleicht ist es in fünf Jahren anders. Das glaube ich zwar nicht, aber fragen Sie mich dann noch mal.


Haben Sie schon mal die Schnauze voll gehabt?

Lukas Podolski: Nach einer WM im Anschluss an eine lange Saison, wo man zwei Monate ständig abgeschirmt wird, hat man auch mal für Augenblicke genug vom Fußball. Aber das geht schnell vorbei. 


Vor Jahren haben Sie mal gesagt: Die schwärzeste Stunde Ihrer Laufbahn sei der Abstieg mit dem FC 2004 gewesen. Sind noch düstere Momente dazu gekommen?

Lukas Podolski: Die Halbfinals 2006 und 2010. Auch das verlorene Endspiel bei der Euro 2008 war ein sehr bitterer Moment. 


Wie gehen Sie mit solchen Enttäuschungen um? Sind Sie nah an Wasser gebaut?

Lukas Podolski: Nein, sonst hätten Sie mich ja weinen sehen. Natürlich bin ich nach solchen Niederlagen sauer und auch traurig, aber Tränen lassen sich ja nicht kontrollieren. Bei dem einem kommen sie, beim anderen nicht.


Wie viel Fußball konsumieren Sie noch neben dem Verein?

Lukas Podolski: Als ich jünger war, hatte ich wirklich nur Fußball im Kopf. Da war die Champions Leage am Dienstag und Mittwoch und am Donnerstag der UEFA-Cup für mich Pflichttermine. Jetzt schalte ich nur noch bei wenigen Spielen ein, etwa wenn Barca oder Bayern spielen. 


Und wie konsumieren Sie Fußball?

Lukas Podolski: Wie meinen Sie das?


Mit dem Blick des Trainers? Zum Beispiel: »Der Linksaußen von Olympique Lyon ist nicht übel.«

Lukas Podolski: Schon, aber den können wir uns hier ja nicht leisten. (lacht) Spaß beiseite, wenn mir in der zweiten Liga jemand auffällt, lasse ich den Namen vielleicht auch mal fallen. Aber mit Volker Finke und dem neuen Trainer gibt es hier genug Personen, die da einen Blick drauf haben. 


Welcher Coach hat Sie besonders geprägt. Marcel Koller holte Sie 2003 in die 1. Mannschaft des FC.

Lukas Podolski: Ich erinnere mich gut daran, wie er mich in sein Büro rief und mir mitteilte, dass ich mit ins Trainingslager nach Hennef fahren darf. Es war an Karneval. Bei ihm habe ich von Anfang an das Vertrauen gespürt und deshalb relativ schnell gemerkt, dass ich bei den Profis mithalten kann. Ein gutes Gefühl.

Aber Youngsters haben oft auch das Problem, dass sie am Anfang von älteren Spielern blockiert werden.

Lukas Podolski: Ich hatte das Glück, mit vielen charakterstarken Profis zusammen zu spielen: Thomas Cichon, Dirk Lottner, Alexander Vogt, Stefan Wessels. Die haben es mir leicht gemacht. Heute wäre es für einen 18-Jährigen schwieriger, hier in die Mannschaft zu kommen, weil die Persönlichkeiten andere sind.


Welche Trainer haben Sie sonst noch geprägt? Mit dem Systemfußball von Uwe Rapolder kamen Sie nicht zurecht.

Lukas Podolski: Der hat mir alles beigebracht, ohne den wäre ich nichts. (lacht)

War die Zusammenarbeit mit ihm ein Rückschlag für Sie?

Lukas Podolski: Wir hatten hier viele Trainer in Köln in den vergangenen Jahren – vielleicht ein paar zuviel. Ich weiß auch gar nicht mehr, was unter Rapolder schief lief. Natürlich erinnere ich mich mit mehr Freude an die Zeit unter Marcel Koller, denn da hat für mich alles angefangen.



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In Teil 2 des großen Lukas-Podolski-Interviews, lest ihr morgen, wie Prinz Poldi seine Zeit bei den Bayern bewertet, wie das Verhältnis zu Jürgen Klinsmann in die Brüche ging und warum er einst die Fahne der »Wilden Horde« schwenkte!

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