04.04.2008

Lucio im Interview (2)

»Ich habe noch viel Benzin«

Einmal warm geworden, plaudert Lucio aus dem Nähkästchen. In Teil 2 des großen Interviews sprachen wir mit ihm über das Finale in der Champions-League 2002, seinen Energiehaushalt und ein Foul, das ihm noch heute leid tut.

Interview: Bastian Henrichs Bild: Imago
Lucio, erinnern Sie sich noch an den 15. Mai 2002?

Was war da?

Das Finale der Champions League. Versuchen Sie, das zu vergessen?


Nein, absolut nicht. Natürlich haben wir davon geträumt, das Spiel zu gewinnen, aber wir haben ja nicht gegen irgendwen verloren. Das war Real Madrid. Mit Leverkusen, einem Klub, dessen Struktur nicht mit der anderer Klubs in diesem Wettbewerb vergleichbar war. Ich habe dieses Spiel eher als eine große Leistung meiner Karriere und des gesamten Klubs in Erinnerung. Das Finale zu erreichen war wie ein Sieg für uns. Und ich glaube, alle denken mit Stolz daran zurück, wie der kleine Verein Bayer Leverkusen sich gegen so viele große Vereine durchgesetzt hat. Heute gibt es viele Mannschaften, die auf dem Papier viel stärker sind als wir damals, die aber trotzdem nie ein Champions-League-Finale erreichen. Deswegen war das ein riesiger Erfolg – und ich denke mit Freude daran zurück.



War das Spiel einer der markantesten Momente in Ihrer Karriere?


Ja, aber ich bin im selben Jahr auch Weltmeister geworden. Das war natürlich auch eine große Sache. Und auch als ich hier bei Bayern das erste Double gewonnen habe. Zu dem Zeitpunkt war ich schon einige Jahre in Deutschland, ohne einen Titel zu gewinnen. Deshalb war das auch sehr besonders.

Fehlt eigentlich nur noch der Champions-League-Sieg.

Ja, das wäre eine große Sache. Und ich denke, wenn wir so weitermachen, haben wir durchaus die Möglichkeit, nächstes Jahr die Champions League zu gewinnen.

Sie sind sehr religiös. Was denken Sie in Situationen, in denen alles schief läuft?

Ich glaube, dass nichts zufällig passiert. Alles hat einen Sinn. An schwierigen Situationen wächst der Mensch am meisten. Ich glaube daran, dass Gott uns in jeder Situation etwas beibringen will. Klar mag niemand solche Situationen, aber Sie sind nötig, um Erfahrungen zu sammeln und ein kompletter Mensch zu werden.

Auf dem Platz fallen oft schlimme Worte. Wie gehen Sie damit um, und wie lässt sich das mit dem Glauben vereinbaren?


Ich versuche mein Möglichstes, Schimpfwörter zu vermeiden. Das wäre nicht gut für mich und ist allgemein nicht schön. Außerdem möchte ich meinen Kindern ein gutes Vorbild sein. Und wenn ich Schimpfwörter benutze, kann ich das meinen Kindern nicht mehr verbieten.

Und wie verhalten Sie sich, wenn ein anderer Spieler sie beschimpft?


Das macht mir nichts aus. Als ich jünger war, habe ich auch öfter geschimpft. Ich versuche zu respektieren, dass andere Leute anders damit umgehen als ich.

In München stehen die Spieler unter einem starken ständigen Druck. Was tun Sie dagegen?

Ich versuche, ihn beiseite zu schieben. Wenn man darüber zu viel nachdenkt, wird man verrückt. Beim FC Bayern ist die Presse jeden Tag zugegen. Der eine erzählt dieses, der andere jenes. Ich mag es aber nicht besonders, zu diskutieren oder andere zu kritisieren. Und schon gar nicht über die Presse. So bin ich nun mal, und ich werde mich auch nicht ändern, nur weil ich beim FC Bayern spiele und Kapitän der Seleção bin.

Sie kommen nur sehr selten in den Medien vor, obwohl sie täglich damit konfrontiert werden

Ja. Ein Interview zu geben ist eigentlich eine gute Sache, und Sie wollen ja auch nur interessante Geschichten erzählen. Aber andererseits wird es oft genutzt, um Kollegen zu kritisieren, um über Trainer und andere Vereine zu reden, eine polemische Diskussion zu starten oder über Verfehlungen irgendeines Spielers außerhalb des Platzes zu reden. Das mag ich nicht. Ich respektiere es, und diejenigen, die es mögen, sollen es machen, aber das ist nicht wichtig für mich. Ich halte mich da lieber raus.

Ihr früherer Kollege Valerien Ismael hat uns in einem Interview gesagt, dass er in München den Spaß am Fußball verloren hat. Können Sie ihn verstehen?


Ja. Er hat eine sehr schlimme Verletzung gehabt, und wir haben alle sehr gehofft, dass er sich davon erholt. Er ist ein sehr guter Mensch und ein sehr korrekter Profi. Aber Ismael blieb lange verletzt und konnte nicht Fußball spielen. Schließlich hat er durch den Druck und das ganze Treiben hier in München zweifellos die Lust und die Motivation verloren. Ich hoffe, dass er sich gut erholt hat und wieder zu alter Stärke zurückfindet.

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