03.04.2008

Lucio im Interview (1)

»Ich wollte sofort abhauen«

Trotz Weltmeistertitel und weiterer Triumphe weiß man wenig über Lucio. In einem seiner seltenen Interviews sprach er mit uns über die Freundschaft zu Ottmar Hitzfeld, ein Schockerlebnis seiner Kindheit – und die Beinaheflucht aus Deutschland.

Interview: Bastian Henrichs Bild: Imago
Lucio, mögen Sie Pferde?

Ja, das sind schöne und sehr starke Tiere.

Ihre Mitspieler in der brasilianischen Nationalmannschaft titulieren Sie manchmal als Pferd.

(lacht) Ja, die amüsieren sich über meine Art zu spielen. Die ist sehr kraftaufwendig und laufintensiv, und deshalb veräppeln sie mich manchmal.



Früher haben Sie offensiver gespielt.

Ja, das stimmt. Als ich angefangen habe, Fußball zu spielen, damals auf der Straße, wollte ich immer vorne spielen, aber das war noch, bevor ich im Verein gespielt habe.

Wer hat Ihnen gesagt, dass sie in der Abwehr besser aufgehoben sind?


Es gab da mal ein Turnier für Amateurmannschaften in meiner Heimatstadt. Da habe ich als Junge mitgespielt. Der Trainer der Vereinsmannschaft hat mich angeworben, und als ich dann dort gespielt habe, hatte er die Idee, mich in der Abwehr aufzustellen.

Hängt es damit zusammen, dass Sie heute noch einen starken Drang nach vorne haben?


Ja, ich mag es immer noch sehr, nach vorne zu spielen. Besonders in Leverkusen habe ich offensiver gespielt und hatte auch einen guten Lauf. Manchmal passiert es mir heute noch, dass ich automatisch nach vorne stürme.

Ihre Trainer mögen das nicht immer. Sie haben, abgesehen von Standardsituationen, offiziell das Verbot bekommen, die Mittellinie zu überqueren.


Hier in München ist das anders als in Leverkusen. Im Rahmen des Möglichen kann ich schon nach vorne gehen, aber ich muss immer sehr diszipliniert spielen und vor allem nicht nur daran denken, was ich machen würde, sondern was für das Team am Besten ist. In erster Linie geht es für mich darum, gut zu verteidigen. Und ich muss mich natürlich an die Anweisungen des Trainers halten.

Können Sie das auch verstehen?

Ja, natürlich. So wie der Trainer mir manchmal vor dem Spiel sagt, dass ich mit nach vorne gehen soll, wenn die Möglichkeit besteht, sagt er mir auch manchmal, dass ich ausschließlich hinten absichern soll. Das kann ich problemlos akzeptieren.

Wenn Sie den Innenverteidiger Lucio beschreiben müssten, wie würden Sie das tun?

Ich würde sagen, dass er ein hingebungsvoller Kerl ist, der immer das Maximale aus sich herausholt, um der Mannschaft zu helfen.

In Ihrer Leverkusener Zeit haben Sie mal eine Zeit lang mit einem Spezialschuh gespielt, damit Sie nicht am Zeh operiert werden mussten.


Ja, eine schwierige Situation. Das war nur wenige Monate vor der Weltmeisterschaft 2002, und ich wäre nach der Operation nicht rechtzeitig fit geworden, um in den wichtigsten Saisonspielen und bei der WM dabei zu sein. Also hat der Klub mir eine spezielle Einlage anfertigen lassen, damit ich beim Spielen nicht so große Schmerzen hatte. Das war super, weil ich fast schmerzfrei spielen konnte. Auch bei der WM – und das hat sich sehr gelohnt. Nach der WM bin dann in den USA operiert worden.

Ihr großer Ehrgeiz, ihre Aggressivität und ihre Emotionen auf dem Platz verbinden Sie mit Oliver Kahn. Haben Sie eine spezielle Beziehung zu ihm?

Oliver Kahn ist auf dem Platz ein Vorbild für alle. Aber ich bin ihm nicht wirklich ähnlich. Jeder hat seine eigenen Charaktereigenschaften und vielleicht überschneiden sich auch manche, aber Oliver Kahn und ich sind schon sehr unterschiedlich.

Es gibt Leute, die behaupten, dass Sie ein sehr intuitiver Spieler sind, der Schwierigkeiten hat, sich an ein System anzupassen. Was entgegen Sie diesen Leuten?

Für mich ist es eine persönliche Motivation, mich an ein System anzupassen. Aber ich spiele wirklich intuitiv, und dazu gehört, dass ich auch mal meine Position verlasse, um dem Team zu helfen. Wenn ich einfach nur jeden Ball weg hauen würde, hätte ich keinen Spaß am Fußball. Aber natürlich muss ich an die Mannschaft und an den Erfolg denken.

Gibt es einen Spieler, den Sie besonders gerne an Ihrer Seite haben?


Hier in München habe ich schon mit vielen Verteidigern zusammengespielt, und wir waren oft erfolgreich. In der Nationalmannschaft habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu Juan, sowohl auf dem Platz als auch außerhalb. Mit ihm spiele ich sehr gerne zusammen, aber prinzipiell habe ich keine Präferenzen.

Die Defensive der Bayern steht in dieser Saison viel besser da als in der vergangenen Spielzeit. Was hat sich geändert?


Ohne Zweifel hat die Arbeit des Trainers sich geändert. Ottmar Hitzfeld arbeitet sehr intensiv an der Defensive, am Stellungsspiel der Abwehr, aber auch am Abwehrverhalten der gesamten Mannschaft. Das Mittelfeld muss der Abwehr helfen und die Stürmer müssen schon vorne mit der Deckungsarbeit beginnen. Das trainieren wir tagtäglich – und das hat sehr geholfen.

Unter Hitzfeld sind Sie Abwehrchef und Vizekapitän geworden. Spüren Sie ein besonderes Vertrauen ihres Trainers?

Als er gekommen ist, hatte ich gleich eine gute Beziehung zu Ottmar Hitzfeld. Für mich ist sehr wichtig, dass er viel mit mir redet, dass er mir Tipps gibt und mich kritisiert, wenn ich Fehler gemacht habe. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir sehr gut miteinander auskommen. Ich akzeptiere seine Meinung und versuche seine Hinweise umzusetzen. Das Vertrauen des Trainers ist für jeden Spieler sehr wichtig. Bei mir ist das nicht anders.

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