Lucio im Interview (1)

»Ich wollte sofort abhauen«

Trotz Weltmeistertitel und weiterer Triumphe weiß man wenig über Lucio. In einem seiner seltenen Interviews sprach er mit uns über die Freundschaft zu Ottmar Hitzfeld, ein Schockerlebnis seiner Kindheit – und die Beinaheflucht aus Deutschland. Lucio im Interview (1)Imago

Lucio, mögen Sie Pferde?

Ja, das sind schöne und sehr starke Tiere.

Ihre Mitspieler in der brasilianischen Nationalmannschaft titulieren Sie manchmal als Pferd.

(lacht) Ja, die amüsieren sich über meine Art zu spielen. Die ist sehr kraftaufwendig und laufintensiv, und deshalb veräppeln sie mich manchmal.

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Früher haben Sie offensiver gespielt.

Ja, das stimmt. Als ich angefangen habe, Fußball zu spielen, damals auf der Straße, wollte ich immer vorne spielen, aber das war noch, bevor ich im Verein gespielt habe.

Wer hat Ihnen gesagt, dass sie in der Abwehr besser aufgehoben sind?


Es gab da mal ein Turnier für Amateurmannschaften in meiner Heimatstadt. Da habe ich als Junge mitgespielt. Der Trainer der Vereinsmannschaft hat mich angeworben, und als ich dann dort gespielt habe, hatte er die Idee, mich in der Abwehr aufzustellen.

Hängt es damit zusammen, dass Sie heute noch einen starken Drang nach vorne haben?


Ja, ich mag es immer noch sehr, nach vorne zu spielen. Besonders in Leverkusen habe ich offensiver gespielt und hatte auch einen guten Lauf. Manchmal passiert es mir heute noch, dass ich automatisch nach vorne stürme.

Ihre Trainer mögen das nicht immer. Sie haben, abgesehen von Standardsituationen, offiziell das Verbot bekommen, die Mittellinie zu überqueren.


Hier in München ist das anders als in Leverkusen. Im Rahmen des Möglichen kann ich schon nach vorne gehen, aber ich muss immer sehr diszipliniert spielen und vor allem nicht nur daran denken, was ich machen würde, sondern was für das Team am Besten ist. In erster Linie geht es für mich darum, gut zu verteidigen. Und ich muss mich natürlich an die Anweisungen des Trainers halten.

Können Sie das auch verstehen?

Ja, natürlich. So wie der Trainer mir manchmal vor dem Spiel sagt, dass ich mit nach vorne gehen soll, wenn die Möglichkeit besteht, sagt er mir auch manchmal, dass ich ausschließlich hinten absichern soll. Das kann ich problemlos akzeptieren.

Wenn Sie den Innenverteidiger Lucio beschreiben müssten, wie würden Sie das tun?

Ich würde sagen, dass er ein hingebungsvoller Kerl ist, der immer das Maximale aus sich herausholt, um der Mannschaft zu helfen.

In Ihrer Leverkusener Zeit haben Sie mal eine Zeit lang mit einem Spezialschuh gespielt, damit Sie nicht am Zeh operiert werden mussten.


Ja, eine schwierige Situation. Das war nur wenige Monate vor der Weltmeisterschaft 2002, und ich wäre nach der Operation nicht rechtzeitig fit geworden, um in den wichtigsten Saisonspielen und bei der WM dabei zu sein. Also hat der Klub mir eine spezielle Einlage anfertigen lassen, damit ich beim Spielen nicht so große Schmerzen hatte. Das war super, weil ich fast schmerzfrei spielen konnte. Auch bei der WM – und das hat sich sehr gelohnt. Nach der WM bin dann in den USA operiert worden.

Ihr großer Ehrgeiz, ihre Aggressivität und ihre Emotionen auf dem Platz verbinden Sie mit Oliver Kahn. Haben Sie eine spezielle Beziehung zu ihm?

Oliver Kahn ist auf dem Platz ein Vorbild für alle. Aber ich bin ihm nicht wirklich ähnlich. Jeder hat seine eigenen Charaktereigenschaften und vielleicht überschneiden sich auch manche, aber Oliver Kahn und ich sind schon sehr unterschiedlich.

Es gibt Leute, die behaupten, dass Sie ein sehr intuitiver Spieler sind, der Schwierigkeiten hat, sich an ein System anzupassen. Was entgegen Sie diesen Leuten?

Für mich ist es eine persönliche Motivation, mich an ein System anzupassen. Aber ich spiele wirklich intuitiv, und dazu gehört, dass ich auch mal meine Position verlasse, um dem Team zu helfen. Wenn ich einfach nur jeden Ball weg hauen würde, hätte ich keinen Spaß am Fußball. Aber natürlich muss ich an die Mannschaft und an den Erfolg denken.

Gibt es einen Spieler, den Sie besonders gerne an Ihrer Seite haben?


Hier in München habe ich schon mit vielen Verteidigern zusammengespielt, und wir waren oft erfolgreich. In der Nationalmannschaft habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu Juan, sowohl auf dem Platz als auch außerhalb. Mit ihm spiele ich sehr gerne zusammen, aber prinzipiell habe ich keine Präferenzen.

Die Defensive der Bayern steht in dieser Saison viel besser da als in der vergangenen Spielzeit. Was hat sich geändert?


Ohne Zweifel hat die Arbeit des Trainers sich geändert. Ottmar Hitzfeld arbeitet sehr intensiv an der Defensive, am Stellungsspiel der Abwehr, aber auch am Abwehrverhalten der gesamten Mannschaft. Das Mittelfeld muss der Abwehr helfen und die Stürmer müssen schon vorne mit der Deckungsarbeit beginnen. Das trainieren wir tagtäglich – und das hat sehr geholfen.

Unter Hitzfeld sind Sie Abwehrchef und Vizekapitän geworden. Spüren Sie ein besonderes Vertrauen ihres Trainers?

Als er gekommen ist, hatte ich gleich eine gute Beziehung zu Ottmar Hitzfeld. Für mich ist sehr wichtig, dass er viel mit mir redet, dass er mir Tipps gibt und mich kritisiert, wenn ich Fehler gemacht habe. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir sehr gut miteinander auskommen. Ich akzeptiere seine Meinung und versuche seine Hinweise umzusetzen. Das Vertrauen des Trainers ist für jeden Spieler sehr wichtig. Bei mir ist das nicht anders.

Im Sommer wird Jürgen Klinsmann ihr Trainer. Wie denken Sie darüber?

Ich kenne Jürgen Klinsmann noch nicht persönlich. Alles, was ich weiß, ist, dass er mit der deutschen Nationalmannschaft exzellente Arbeit geleistet hat. Ich habe mit einigen Spielern gesprochen, die in der Nationalmannschaft unter ihm trainiert haben, und nach allem was ich höre, muss Jürgen Klinsmann eine hervorragende Persönlichkeit sein. Ich denke nicht, dass wir Probleme kriegen werden.

Sind Sie denn traurig, dass Hitzfeld den FC Bayern verlässt?

Nach eineinhalb Jahren baut man natürlich schon eine – wenn auch von gegenseitigem Respekt geprägte – freundschaftliche Beziehung auf. Aber der Fußball ist eben so. Einen Tag bist du hier, am nächsten schon wieder woanders. Die Dinge passieren sehr schnell, bei Spielern genauso wie bei den Trainern.

Sie sind auch Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft. Ist es nicht manchmal schwer, die Stars unter Kontrolle zu halten?

Nein. In der Nationalmannschaft ist es sogar noch einfacher als hier in München. Alle sind miteinander befreundet, und wir spielen schon seit vielen Jahren zusammen. Normalerweise sind es immer dieselben Spieler, die zu den Auswahlspielen eingeladen werden und dann zu den großen Turnieren fahren. Da gibt es für mich als Kapitän überhaupt keine Probleme. In München kommen und gehen die Spieler viel öfter, und das macht es schwieriger.

Wissen Sie von dem Rekord, den Sie während der WM 2006 aufgestellt haben?

Jaja, ich habe bis ins Viertelfinale kein Foul begangen. Wie viel Minuten waren es?

386. Ist das ein Zeichen dafür, dass es in der Nationalmannschaft einfacher ist zu verteidigen als bei Bayern München?

Nein, das kann man so nicht sagen. Beides ist sehr schwierig, es gibt kaum einfache Spiele. Allerdings ist der Druck in Nationalmannschaft gerade bei einer Weltmeisterschaft natürlich größer. Bei der letzten WM haben wir die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist, mit der gesamten Mannschaft zu verteidigen und nicht nur mit den Abwehrspielern. Das hat uns gefehlt, und wir haben unsere Lektion gelernt.

Sind Sie in Brasilien genauso beliebt wie Ronaldinho, Kaka und Robinho – oder gibt es da Unterschiede in der Popularität?


Es gibt einen Unterschied, den es immer geben wird: Ronaldinho, Káká oder Ronaldo sind Offensivspieler. In jeder Mannschaft der Welt stehen die Offensivspieler mehr im Mittelpunkt und finden auch in den Medien öfter Beachtung. Das ist ganz normal – und ich finde das gar nicht schlimm.

Sie haben mal gesagt, dass Dunga ihr großes Idol sei. Jetzt ist er ihr Trainer. Was haben Sie für eine Beziehung zu ihm?

Als ich jung war, habe ich Dunga gesehen, wie er 1994 Weltmeister geworden ist. Das war für mich sehr prägend und hat den Wunsch Fußballer zu werden noch größer werden lassen. Deswegen war ich glücklich, als ich mit ihm zusammenspielen konnte und auch als er Trainer der Nationalmannschaft wurde. Wir haben eine sehr gute Beziehung, reden sehr offen über alles, und er hat mich zum Kapitän gemacht. Ich versuche mit meinen Mitteln ihm zu helfen, wo ich kann.

Stimmt es, dass Die Leute in Brasilien Dunga als »den Deutschen« bezeichnen?

Weiß ich nicht. Das habe ich noch nie gehört.

Ist es denn so, dass Dunga viel von der deutschen Mentalität angenommen hat, als er beim VfB Stuttgart spielte?

Das mag sein. Er ist ein sehr disziplinierter und korrekter Kerl. Das ist doch deutsch, oder? (lacht)

Wie ist es mit Ihnen? Haben Sie auch schon etwas abbekommen?

Ich weiß nicht. Ich lebe mit meiner Familie in Deutschland, und wir haben keinerlei Probleme. Natürlich gibt es immer mal wieder Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann, aber das ist doch normal.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie 2001 nach Deutschland gekommen sind? Es muss eine große Umstellung gewesen sein.

In der ersten Woche wollte ich sofort wieder abhauen. (lacht) Ich wollte nicht bleiben, weil die Art, wie hier Fußball gespielt wird, neu war und mir komisch vorkam. Ich war unmotiviert und habe nicht daran geglaubt, dass ich hier Fußball spielen könnte.

Was ist der Unterschied zum Fußball in Brasilien?


Hier ist der Fußball viel schneller. Fußball in Brasilien ist technischer, behäbiger und es gibt mehr Dribblings. Hier werden oft lange und hohe Bälle nach vorn gespielt, ein Spieler läuft hinterher und schießt aufs Tor, oder der Ball kommt ganz schnell wieder zurück. Das war schon ein Schock für mich, als ich herkam. Aber mittlerweile geht’s. Ich habe mich daran gewöhnt.

Wie können Sie Ihrem Landsmann Breno helfen, der dieses Jahr nach München gekommen ist?

Wir reden sehr viel miteinander. Er macht schließlich dasselbe durch wie ich damals. Er merkt auch gerade, dass hier anders Fußball gespielt wird. Vor allem für einen brasilianischen Abwehrspieler ist es ungewöhnlich, dass die Stürmer hier um jeden Ball kämpfen, teilweise sogar den Abwehrspieler foulen, das ist in Brasilien nicht so. Aber ich versuche, ihm auch außerhalb des Platzes dabei zu helfen sich zurecht zu finden.

Was ist das Wichtigste für einen jungen Spieler aus Brasilien, wenn er nach Deutschland kommt?

Er muss vor allem Geduld haben und sich langsam an die neuen Lebensumstände gewöhnen. Und er muss halt versuchen, sich an das Spielsystem, an die Aggressivität und die andere Spielweise zu gewöhnen, wenn er in Europa Karriere machen will.

Gehört Breno zu einer neuen Generation von brasilianischen Innenverteidigern?

Ich denke, dass schon seit einigen Jahren mehr brasilianische Verteidiger nach Europa gekommen sind. Das gab es vorher nicht in dem Maße. Meiner Meinung nach besteht diese Entwicklung schon seit einiger Zeit.

Könnte Breno Sie bei Bayern München ersetzen, falls Sie den Verein verlassen?

Ja, er hat die Qualität dazu. Er ist ein toller Spieler mit starker Technik. Und wenn er es schafft, sich an den deutschen Fußball zu gewöhnen, wird er mit Sicherheit in jeder Mannschaft spielen können.

Haben Sie Sehnsucht nach Brasilien?


Immer wenn es auf das Ende der Saison zugeht, steigt die Vorfreude auf den Urlaub in Brasilien, darauf meine Eltern und Brüder zu besuchen und einige Zeit lang das brasilianische Leben zu genießen.

In welchen Verhältnissen sind Sie aufgewachsen?


Es waren keine wirklich guten Voraussetzungen, aber es war auch nicht die totale Armut. Aber ohne Zweifel gab es in meiner Kindheit einige Schwierigkeiten. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, was für mich und meine Geschwister damals ein großer Schock war. Heute habe ich aber ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern, und es macht mich umso glücklicher, dass ich meinem Leben diese Wendung geben konnte, das Leben in der Armut hinter mir gelassen habe und so viel erreichen konnte.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie Opfer bringen mussten, um Fußballprofi zu werden?

Eigentlich nicht. Nur, dass ich immer meiner Mutter helfen musste, ihren Kleiderstand auf dem Markt auf- und abzubauen, bevor ich Fußball spielen gehen durfte. (lacht)

Sie haben gesagt, dass Sie gerne noch mal im Süden Europas spielen würden. Wie sehen ihre Planungen aus?

Erstmal konzentriere ich mich auf Bayern München und darauf, die Saison erfolgreich abzuschließen. Außerdem läuft mein Vertrag bis 2010 und ich warte mal ab, was bis dahin passiert.

2010 werden Sie 32 Jahre alt. Könnte das nicht schon zu spät sein?


Ja, aber ich habe mich für diesen Vertrag entschieden, und es ist ja auch klar, dass bis dahin noch vieles passieren kann.

Nach der WM 2002 hatten Sie schon Angebote unter anderem von Real Madrid, blieben aber in Leverkusen. Haben Sie das Gefühl den Absprung vielleicht schon verpasst zu haben?


Angebote gibt es immer wieder. Interessant wird es aber erst, wenn die Angebote wirklich konkret werden, wenn es ernsthaft ist und nicht nur irgendeine spanische oder italienische Zeitung irgendetwas schreibt. Ich nehme das erst ernst, wenn ich Kontakt zu dem Klub habe, und das war in dieser Zeit nicht der Fall. Bayern München war dann der Klub, der sich ernsthaft um mich bemüht hat und den Kontakt zu mir gesucht hat. Ich bedaure absolut nicht, wie es gelaufen ist.

Sie sagten außerdem, dass sie gerne für die Seleção bei den olympischen Spielen antreten würden. Bayern München ist dagegen.

Es stimmt, dass ich sehr gerne dort spielen würde. Aber wenn Bayern München das Recht hat, mir das zu verbieten, was ich nicht genau weiß, kann ich nichts machen. Außerdem weiß ich noch gar nicht, ob ich einer der Auserwählten des Trainers wäre. Auch da muss ich abwarten, bis eine Entscheidung ansteht.

Aber Sie würden es auf eine Konfrontation mit den Bayern ankommen lassen?

Darüber möchte ich im Moment nicht diskutieren. Erstmal müssen wir uns auf die Saison konzentrieren und Titel gewinnen.

Lucio, wäre es für Ihre Kinder schwierig Deutschland zu verlassen, falls Sie doch irgendwann gen Süden ziehen? Sie sind schließlich hier aufgewachsen.

Nein. Wir machen häufig Späße, und ich sage immer: »Wer sich in Deutschland eingewöhnt hat, kann sich auch überall anders eingewöhnen«. (lacht) Deshalb denke ich, dass es, falls in diese Richtung etwas passieren sollte, für alle eher noch einfacher sein wird, sich an Italien oder Spanien zu gewöhnen. Diese Länder sind einfach von der Mentalität her näher an Brasilien.

Ist das Wetter in Deutschland wirklich ein so großer Faktor für einen Brasilianer, wie immer betont wird?

Der letzte Winter war Gott sei Dank nicht so schlimm wie sonst. Aber es ist vor allem für meine Kinder manchmal schwierig. Die wollen doch nach der Schule raus gehen auf die Straße oder in den Garten, die brauchen Auslauf, und dann können Sie nicht, weil es minus acht Grad sind. Aber wir versuchen, ihnen andere Optionen zu geben, und schaffen das auch ganz gut.

Haben Sie es mal mit Skifahren versucht?

Ja. (lacht) Das war nicht sehr erfolgreich. (lacht wieder, kann kaum sprechen) Wir waren einmal in Kitzbühl, und meine Tochter hat es sehr schnell gelernt, aber für mich ist das nichts. Außer dass es gefährlich ist, habe ich auch keine Geduld.

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Morgen im zweiten Teil des großen Lucio-Interviews: Der Weltmeister über das verlorene Champions-League-Finale 2002, seine Liebe zum Oktoberfest und ein Foul, das ihm noch heute leid tut.

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