Lucien Favre über Gladbachs Rettung

»Meine Reaktion war übertrieben«

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Heft#116 07/2011
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Lucien Favre, Borussia Mönchengladbach galt als sicherer Absteiger, als Sie verpflichtet wurden. Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass die Mannschaft den Fußball spielt, den Sie vertreten?

Lucien Favre: Das war ungefähr nach drei Wochen, nach dem Spiel gegen Hoffenheim. Da war die Mannschaft schon sehr kompakt und solide. 

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Wie haben Sie das Training in den ersten Wochen gestaltet?

Lucien Favre: Am Anfang haben wir sechs bis sieben Einheiten pro Woche gemacht, fast ausschließlich mit dem Ball. Wir haben zwar das erste Spiel mit mir als Trainer gegen Schalke gewonnen, dann aber gegen Wolfsburg wieder schlecht gespielt.  Ich habe in der Woche danach sehr hart trainieren lassen. Es musste vor allem sehr schnell gearbeitet werden. Dabei war es wichtig, dass sie Spieler rezeptiv waren. Verstehen Sie, was ich damit meine?  

Aufnahmefähig?

Lucien Favre: Das ist genau das richtige Wort. In der Vergangenheit wurde ich von den Medien ja auch öfter falsch verstanden. 

Sie meinen das Wort »polyvalent«, das man zu Berliner Zeiten mit Ihnen in Verbindung gebracht hat?

Lucien Favre: Ja, aber das wäre jetzt wirklich zu kompliziert, Ihnen diese Vokabel genau zu erklären.  

Ein Spieler, auf den diese Eigenschaft zutrifft, ist Harvard Nordtveit, der in der Winterpause von Arsenal London kam. Er kann sowohl im defensiven Mittelfeld als auch in der Innenverteidigung spielen. Sie stehen in Kontakt mit Arsène Wenger. Haben Sie sich bei ihm über den Spieler informiert?

Lucien Favre: Harvard Nordtveit wurde ja schon unter Michael Frontzeck geholt. Ich habe ihn in den ersten Wochen bestens im Training kennengelernt, weil wir so umfangreich trainiert haben. Dazu musste ich nicht mit Arsène Wenger sprechen. 

Sie haben sogar eine Taktiktafel mit auf den Trainingsplatz genommen. Viele Spieler hatten das vorher noch nicht erlebt

Lucien Favre: Grundsätzlich haben wir viele Spielformen mit dem Ball gemacht. Mit der Taktiktafel habe ich nur ab und zu Vorschläge gegeben, um der Mannschaft zu helfen und ihr Selbstvertrauen zu geben. Wir haben aber keine stundenlangen Taktikbesprechungen auf dem Trainingsplatz gemacht.  



Im Verein heißt es, Sie arbeiten sehr akribisch. Wie viele DVDs von anderen Spielen lagen bis zuletzt in Ihrem Hotelzimmer?

Lucien Favre: Es gehört zu meinem Job, Videoanalysen zu machen. In meinem Hotelzimmer steht ein gewöhnlicher Fernseher mit einem DVD-Player. Wir haben im Verein einen Analysten, Kai Schmitz, der mir die DVDs besorgt. Mit ihm hat die Zusammenarbeit hervorragend funktioniert und ich konnte ich sehr schnell arbeiten.

Sie haben viele Einzelgespräche geführt. Mike Hanke meinte, dass sie zu ihm gesagt haben, er solle sich früher vom Ball trennen.

Lucien Favre: Es gehört auch zu der Qualität eines Trainers, Dinge klar anzusprechen und ehrlich zu den Spielern zu sein. Hanke hat sehr schnell umgesetzt, was ich von ihm wollte.  

Sie haben mit Marc-André ter Stegen und Tony Jantschke zwei junge Eigengewächse in der Mannschaft integriert. Ist das im Abstiegskampf nicht etwas ungewöhnlich?

Lucien Favre: Ich habe kein Problem damit, einen jungen Spieler zu bringen, so lange er Qualität hat. Tony Jantschke ist ein Spieler, der sofort versteht, was man ihm vorgibt. Deshalb habe ich ihn gebracht. Ter Stegen hat sich gegen Schalke leider verletzt. Ich habe ihn dann zum ersten Mal gegen Köln eingesetzt, als er wieder fit war. Die Co-Trainer haben mir immer gesagt, dass er die Qualität hat, zu spielen. Letztendlich war es aber meine Entscheidung.  

Man hatte trotz der teilweise aussichtslosen Situation nie das Gefühl, dass die Mannschaft auseinander bricht.

Lucien Favre: Es war sehr wichtig, Ruhe zu bewahren. Wir mussten jede Woche gewinnen, sonst hieß es  immer, dass wir schon abgestiegen sind. Aber die Spieler haben Charakter gezeigt. Sie haben immer daran geglaubt, dass wir es noch schaffen können. 

Nach dem letzten Spiel in Hamburg sollen Sie in der Kabine eine Wutrede gehalten haben. Waren Sie nicht glücklich, wenigstens die Relegation erreicht zu haben?

Lucien Favre: Dieses Spiel war für alle extrem schwer. Es war eine absolut außergewöhnliche Situation in Hamburg. Wir waren ja am Anfang erst gerettet. In der zweiten Halbzeit waren wir dann plötzlich tot, weil Frankfurt in Dortmund in Führung ging. Dann hat man zehn Wochen sehr hart gearbeitet und alles war umsonst. Am Ende haben wir zwar die Relegation geschafft, aber man wusste, das wird jetzt noch unheimlich schwer. Ich habe mich dann geärgert und meine Reaktion in der Kabine war vielleicht etwas übertrieben. Das lag aber hauptsächlich an den extremen Bedingungen, die dieses Spiel mit sich gebracht hat.

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In der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE: »Rettung in der 95. Minute.« Gladbachs Chronik einer Wiederauferstehung.

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