Lucien Favre im Interview

»Um den Titel mitspielen«

In seinem zweiten Jahr wirkt Hertha-Coach Lucien Favre locker. So locker wie in der gesamten letzten Saison nicht. Hier spricht er über den Umbau einer Mannschaft, falsche Klischees und den langen Weg zu einem guten Trainer. Lucien Favre im InterviewImago

Herr Favre, es gibt einen Satz, den Sie wohl in jedem Gespräch gesagt haben, seit Sie Trainer bei Hertha sind.

Welchen meinen Sie?

Ihr Ziel sei es, eine Mannschaft aufzubauen,...


...die eines Tages um den Titel mitspielen kann. Oh ja, das habe ich oft gesagt. Deshalb müssen wir jetzt nicht darüber sprechen.

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Sprechen wir darüber, ob Sie im Zeitplan sind.

Wir sind im Zeitplan, mehr nicht. Seit einem Jahr bin ich hier, mein Vertrag läuft bis 2010. Ich will, dass wir dann spielerisch eine sehr gute Elf haben. Aber wissen Sie: Es ist ein Aufbau. In einem Aufbau gibt es immer Höhen und Tiefen. Es kann schnell gehen, aber es hängt auch oft am Detail. Ein Beispiel: Du machst einen Kuchen. Kochen Sie?

Kuchen selten.

Du brauchst Salz, Zucker, Mehl, solche Dinge. Wenn du nur einen Fehler machst, kannst du später alles wegwerfen. Es schmeckt nicht. Weil die Mischung nicht richtig ist. Wie im Fußball: Ein falscher Spieler kann in einer Mannschaft alles kaputt machen. Deshalb musst du die richtige Spielermischung finden: Kombinieren sie richtig? Stehen sie an der richtigen Stelle? Es geht immer um Spielintelligenz. Entweder du bist mit Spielintelligenz geboren oder nicht. Für Spielintelligenz kannst du keine Ausbildung machen.


Der Spieler Lucien Favre war berüchtigt für seine Spielintelligenz.

Ich war polyvalent. Ich habe überall gespielt: Innenverteidiger, Libero, rechter Flügel, linker Flügel. Am liebsten Mittelfeldspieler. Aber ich war keine Nummer zehn, ich war eine Sechs. Ich war ein Spielmacher vor der Abwehr.

Dabei heißt es doch, Sie seien ein Schönspieler gewesen. Sie hätten immer einen Wasserträger gebraucht, der Sie nach hinten absichert.

Nein! Das ist ganz falsch. Ich bin immer am meisten gelaufen. Ich war in der Ausdauer der Beste. Ich habe jeden Tag mehr trainiert als ich musste.

Sind Sie damals nicht nach 25 Länderspielen aus der Schweizer Nationalelf zurückgetreten, weil Ihnen der kampfbetonte Fußball des Trainers Paul Wolfisberg nicht gefallen hat?

Ach, das hatte damit gar nichts zu tun.

Waren Sie als Spieler nicht eine Diva?In Genf haben Sie sich die Trikotnummer zehn im Vertrag zusichern lassen.

Das ist auch nicht die Wahrheit. Ich wusste davon nichts. Das hat mein Agent mit dem Klubmanager besprochen. Sie können alle meine Freunde fragen. Sie sehen mich: Glauben Sie, dass ich eitel bin?

Es ist ja alles schon eine Weile her.

Aber es ist total falsch! Ich hasse es, wenn ein Spieler defensiv nicht arbeitet. Schon immer. Aber Defensive hat für mich eben auch mit Spielintelligenz zu tun. In Deutschland sprechen die Leute viel über Zweikämpfe. Aber wenn du spürst, wohin das Spiel sich verschieben wird, dann brauchst du nicht viele Zweikämpfe. Du brauchst einen Zweikampf - und der Ball ist da. Aber wie gesagt: Du wirst mit Spielintelligenz geboren. Du kannst das nicht lernen.

Aber Sie erklären Ihren Spielern das doch jeden Tag sehr akribisch: Laufwege, Stellungsspiel.

Du brauchst Spieler, die das spüren. Wenn du welche hast, die es spüren und dazu noch laufen können, ist das schon viel. Sie brauchen auch Kraft, Technik, taktische Disziplin, das ist klar. Das kann man trainieren und verbessern. Spielintelligenz nicht.


Nun bauen Sie Hertha BSC nach diesen Kriterien radikal um. Wie findet man Spieler mit Spielintelligenz?

Ich habe festgestellt: Für Hertha ist es nicht einfach. In der Bundesliga gibt es viel Konkurrenz, Klubs mit größerem finanziellen Potential. Ich spreche gar nicht über Bayern, Schalke, HSV. Ich spreche über Klubs wie Leverkusen, die können einen Renato für zehn Millionen kaufen. Oder Wolfsburg, Köln, Hoffenheim. Uns standen in diesem Jahr neun Millionen Euro für alle Transfers zur Verfügung, für dieses Geld brauchten wir aber vier bis fünf neue Spieler.

Das war Ihnen anfangs nicht klar?

Ganz am Anfang dachte ich: Berlin, Hauptstadt, Tradition. Ich musste die Zusammenhänge erst verstehen. Wir müssen hier sehr hart arbeiten, um Alternativen zu finden, vor allem junge Spieler: Die kosten am wenigsten.

Es ist aber nicht nur eine Preisfrage, dass Sie jungen Spielern wie Kacar oder Lustenberger vertrauen. Schon in der Schweiz sagte man Ihnen nach, dass Sie gerne mit jungen Spielern arbeiten.

Das ist ein Klischee.

Ihre Meisterelf beim FC Zürich war im Schnitt Anfang 20.

Ich arbeite gerne mit guten Spielern. Ich arbeite gerne mit einem Spieler, der 36 ist und wichtig für die Mannschaft. Entscheidend ist für mich die Qualität. Wenn ein Spieler mit 17 gut ist, sehe ich keinen Grund, ihn nicht zu bringen. Wir haben ein paar sehr gute junge Berliner im Verein, sie sind fast bereit.

Aber tief in Ihrem Herzen haben Sie doch ein größeres Faible für Ihre neuen Brasilianer wie Raffael, Cícero und Kaká und deren Spielintelligenz?

Überhaupt nicht. Eine Mannschaft braucht immer eine Seele. Deshalb ist es wichtig, deutsche Spieler zu haben - aber deutsche Spieler sind sehr teuer. Hertha war zum Beispiel mal an Stefan Kießling interessiert, aber der sollte fünf Millionen kosten. Wenn wir so einen holen, haben wir kein Geld mehr für andere Spieler. Das ist das Problem: Du musst Spieler mit Potential finden, aber du darfst keinen Fehler im Aufbau machen. Wenn du ein Haus baust und das Fundament wird schlampig, kannst du das nicht mehr korrigieren.

Lustenberger kommt aus der Schweizer Liga, Chermiti aus der tunesischen, Kacar aus der serbischen. Keiner ist älter als 21. Es ist immer ein Risiko, ob solche Spieler das Niveau der Bundesliga mitgehen können. Ihre Expertise hat da großes Gewicht in Berlin?

Ich hoffe. Aber das ist eine enge Zusammenarbeit mit den Managern Dieter Hoeneß und Michael Preetz, mit meinem Assistenztrainer und mit den Scouts. Jeder muss seine Meinung sagen. Alleine übersiehst du immer etwas.

Aber letztlich waren Spieler wie Lustenberger, von Bergen, Raffael oder Chermiti Ihre Kandidaten. Die haben Sie von früher gekannt und durchgesetzt.

Chermitis Entwicklung wurde länger vom FC Zürich verfolgt, aber sie wurde auch von Hertha verfolgt. Wie gesagt: Es ist eine Zusammenarbeit.

Schon beim Kleinstadtklub Yverdon Sport, Ihrer zweiten Trainerstation, haben Sie in sechs Monaten 14 von 18 Spielern ausgetauscht. War das wie ein Trainerlabor? Sie hatten freie Hand und rührten sich ein Team zusammen?

Ja. Und dann sind wir in die erste Liga aufgestiegen und haben dort eine Super-Hinrunde gespielt. Wir waren Fünfter - mit einem Budget von anderthalb Millionen Franken! Wir konnten schon nach der Hinrunde nicht mehr absteigen. Also hat der Präsident an Weihnachten alle Brasilianer verkauft. Da war der Aufbau wieder kaputt.

Dennoch haben Sie dort gelernt, wie der Aufbau einer erfolgreichen Mannschaft funktioniert.

Ich hatte keine Wahl. Ich musste alles selbst in die Hand nehmen. Danach, bei Servette Genf, war es ganz anders. Da war es verrückt. Dass der Klub später abgestiegen ist, wundert mich nicht. Die Vereinsvertreter haben Spieler gekauft, und ich wusste von nichts. Manchmal waren wir 35 Leute im Training. Aber wir wurden Pokalsieger und haben das Achtelfinale des Uefa-Cups erreicht. Soweit ist der Klub international nie vorher und auch nie nachher gekommen. Am Ende haben alle meine Teams in der Schweiz immer den schönsten Fußball gespielt. Aber es braucht Zeit.

Beim FC Zürich standen Sie nach sechs Monaten kurz vor dem Rauswurf.

Dann wurden wir Pokalsieger und zweimal Meister. Aber am Anfang war die Mannschaft nicht bereit. Wenn ein Verein zwei Trainer innerhalb eines Jahres entlässt, bevor du kommst, heißt das immer: Es gibt ein Problem mit der Mannschaft. Sie können mit jedem Trainer der Welt darüber sprechen.

Man erkennt ein »Modell Favre«, das sich durch Ihre Trainerkarriere zieht: Sie kommen, machen eine schonungslose Analyse, dann krempeln Sie die Mannschaft völlig um.

Kein Klub holt dich als Trainer, um dir eine Elf zu geben, die schon bereit ist. Wenn du Erfolg willst, dann musst du etwas ändern. Oder du sagst: Platz zehn ist okay für mich. Aber wenn du Titel holen willst... Titel! Da gibt es nicht viele. Pokalsieger oder Meister, sonst gibt es keinen. Ich will Titel holen. Oder, sagen wir: Eine Mannschaft aufbauen, ...

.. die einmal um den Titel mitspielen kann.

Man muss realistisch bleiben. Aber das ist das Ziel.

Täuscht der Eindruck, dass Sie Ihr zweites Berliner Jahr nach außen viel lockerer angehen als das erste?

Ich bin damals sehr spät zu Hertha gekommen. Ich hatte erst zweimal »nein« gesagt, aber man hat weiter um mich geworben. Dann blieb nicht viel Zeit, es war sehr viel Stress. Du musst die Leute kennen lernen, die Mannschaft, die Plätze, die Stadt, die Presse. Die Sprache: Sie sprechen hier sehr, sehr schnell. Und ich kannte die Bundesliga kaum. Die Deutsch-Schweizer verfolgen die Bundesliga viel mehr als die Romands, die Französisch-Schweizer. Ich war mehr vom Fußball in Frankreich, Italien und England geprägt.

Nach Ihrem zweiten Meistertitel mit dem FC Zürich kam die »Neue Zürcher Zeitung« zu dem Schluss: Dass sich Lucien Favre, der heimatverbundene Romand, im fernen Zürich durchgesetzt hat, sei ein Fußballwunder. Was wäre es erst, würden Sie sich im oft mürrischen, Hertha-skeptischen Berlin durchsetzen?

Es wäre phantastisch. Aber ich denke nicht daran, was es wäre. Ich denke immer nur daran, was ich als nächstes tun muss.

Sie haben als junger Trainer unter anderem bei Johan Cruyff hospitiert.

Ich war zehn Tage bei ihm in Barcelona. Nicht nur bei ihm, als junger Trainer war ich überall. Von jedem erfahrenen Coach kannst du eine andere Idee mitbringen. Ich war auch bei Raymond Goethals in Brüssel, dem ehemaligen belgischen Nationaltrainer, 1993 Champions-League-Sieger mit Marseille. Er war unglaublich. Er ist inzwischen leider gestorben, aber ich habe noch ein Buch von ihm, in das er mir lauter Aufstellungen gemalt hat (kritzelt seinerseits den Block des Reporters voll): »So und so und so haben wir damals gegen die Holländer gespielt, zack, zack, wir waren die ersten mit fünf Abwehrspielern, Cruyff hat keinen Ball gekriegt.« Aber das beste war seine Aussprache! Zu Romário sagte er: »Romanjo«. Zu Ruud Gullit: »Ruud Güllik«. Zu van Basten: »wam Bazzen«. Man hatte mich vorgewarnt, aber ich wollte trotzdem lachen. »Romanjo«!

Aber auch von Goethals haben Sie etwas gelernt.

Na ja, gelernt. Man bekommt einen Eindruck, das ist wichtig. Es ist ein langer Weg zu einem guten Trainer. Du machst jeden Tag Fehler. Und du musst deine Fehler akzeptieren. Das ist nicht einfach, aber du musst sie akzeptieren, um dich zu verbessern.

Als Ihr Vorbild gilt Arsène Wenger. Sie predigen auch diesen quirligen One-Touch-Fußball, dessen Erfolg sich auf Bewegung und Ballbesitz gründet.

Ich bewundere vor allem die Art und Weise, wie professionell sie beim FC Arsenal arbeiten. Wie sie ihre Transfers machen, wie sie verhandeln. Das interessiert mich. Auch die Zeit, die sie sich nehmen, bevor sie einen Spieler verpflichten.

Eine Gemeinsamkeit zwischen Wenger und Ihnen ist, dass Sie beide konsequent jungen Spielern vertrauen.

Ich korrigiere: dass wir beide konsequent guten Spielern vertrauen.

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