14.09.2008

Lucien Favre im Interview

»Um den Titel mitspielen«

In seinem zweiten Jahr wirkt Hertha-Coach Lucien Favre locker. So locker wie in der gesamten letzten Saison nicht. Hier spricht er über den Umbau einer Mannschaft, falsche Klischees und den langen Weg zu einem guten Trainer.

Interview: Claudio Catuogno Bild: Imago
Lucien Favre im Interview
Herr Favre, es gibt einen Satz, den Sie wohl in jedem Gespräch gesagt haben, seit Sie Trainer bei Hertha sind.

Welchen meinen Sie?

Ihr Ziel sei es, eine Mannschaft aufzubauen,...


...die eines Tages um den Titel mitspielen kann. Oh ja, das habe ich oft gesagt. Deshalb müssen wir jetzt nicht darüber sprechen.



Sprechen wir darüber, ob Sie im Zeitplan sind.

Wir sind im Zeitplan, mehr nicht. Seit einem Jahr bin ich hier, mein Vertrag läuft bis 2010. Ich will, dass wir dann spielerisch eine sehr gute Elf haben. Aber wissen Sie: Es ist ein Aufbau. In einem Aufbau gibt es immer Höhen und Tiefen. Es kann schnell gehen, aber es hängt auch oft am Detail. Ein Beispiel: Du machst einen Kuchen. Kochen Sie?

Kuchen selten.

Du brauchst Salz, Zucker, Mehl, solche Dinge. Wenn du nur einen Fehler machst, kannst du später alles wegwerfen. Es schmeckt nicht. Weil die Mischung nicht richtig ist. Wie im Fußball: Ein falscher Spieler kann in einer Mannschaft alles kaputt machen. Deshalb musst du die richtige Spielermischung finden: Kombinieren sie richtig? Stehen sie an der richtigen Stelle? Es geht immer um Spielintelligenz. Entweder du bist mit Spielintelligenz geboren oder nicht. Für Spielintelligenz kannst du keine Ausbildung machen.


Der Spieler Lucien Favre war berüchtigt für seine Spielintelligenz.

Ich war polyvalent. Ich habe überall gespielt: Innenverteidiger, Libero, rechter Flügel, linker Flügel. Am liebsten Mittelfeldspieler. Aber ich war keine Nummer zehn, ich war eine Sechs. Ich war ein Spielmacher vor der Abwehr.

Dabei heißt es doch, Sie seien ein Schönspieler gewesen. Sie hätten immer einen Wasserträger gebraucht, der Sie nach hinten absichert.

Nein! Das ist ganz falsch. Ich bin immer am meisten gelaufen. Ich war in der Ausdauer der Beste. Ich habe jeden Tag mehr trainiert als ich musste.

Sind Sie damals nicht nach 25 Länderspielen aus der Schweizer Nationalelf zurückgetreten, weil Ihnen der kampfbetonte Fußball des Trainers Paul Wolfisberg nicht gefallen hat?

Ach, das hatte damit gar nichts zu tun.

Waren Sie als Spieler nicht eine Diva?In Genf haben Sie sich die Trikotnummer zehn im Vertrag zusichern lassen.

Das ist auch nicht die Wahrheit. Ich wusste davon nichts. Das hat mein Agent mit dem Klubmanager besprochen. Sie können alle meine Freunde fragen. Sie sehen mich: Glauben Sie, dass ich eitel bin?

Es ist ja alles schon eine Weile her.

Aber es ist total falsch! Ich hasse es, wenn ein Spieler defensiv nicht arbeitet. Schon immer. Aber Defensive hat für mich eben auch mit Spielintelligenz zu tun. In Deutschland sprechen die Leute viel über Zweikämpfe. Aber wenn du spürst, wohin das Spiel sich verschieben wird, dann brauchst du nicht viele Zweikämpfe. Du brauchst einen Zweikampf - und der Ball ist da. Aber wie gesagt: Du wirst mit Spielintelligenz geboren. Du kannst das nicht lernen.

Aber Sie erklären Ihren Spielern das doch jeden Tag sehr akribisch: Laufwege, Stellungsspiel.

Du brauchst Spieler, die das spüren. Wenn du welche hast, die es spüren und dazu noch laufen können, ist das schon viel. Sie brauchen auch Kraft, Technik, taktische Disziplin, das ist klar. Das kann man trainieren und verbessern. Spielintelligenz nicht.


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