29.10.2012

Lothar Woelk über seine Zeit in Bochum und Hardrock

»In Haarlem spielt Deep Purple – da müssen wir hin!«

Rocker, Klopper, Langer: Lothar Woelk hat viele Spitznamen. Mit ihm wurden die Bochumer zu den »Unabsteigbaren«. Hier spricht er übers Trampen nach Holland, Deep Purple und Ellenbogenchecks

Interview: Ron Ulrich Bild: Volker Schramm

Lothar Woelk, konnte man bei Ihnen früher weiße Wäsche draußen aufhängen?
Ja, sicher. Wieso?

Es soll immer noch Leute geben, die das Gegenteil behaupten, wenn sie über die sechziger Jahre im Ruhrgebiet reden.Diese Geschichten hört man immer wieder. Ganz ehrlich: Ich hätte mir keinen besseren Ort vorstellen können, um meine Kindheit zu verbringen. Meine Eltern stammten aus Westpreußen, sie kamen aus einem Flüchtlingslager. Die Wohnung in der Leusbergstraße in Recklinghausen wurde ihnen zugeteilt – und so war es bei vielen Familien in unserer Straße.

Eine typische Zechensiedlung also?
Nicht direkt, aber es herrschte eine unglaubliche Gemeinschaft, alle hatten ihre Schrebergärten, waren im Taubenzüchterverein oder gingen gemeinsam zur Trabrennbahn. Wir Kinder hatten unheimlich viele Möglichkeiten, uns auszutoben. An einem Tag klauten wir Möhren und Äpfel in den Schrebergärten, am anderen ging es zum Kanal. Da sind wir auf die Schiffe gesprungen, bis nach Wanne-Eickel gefahren und abends mit einem anderen Pott wieder zurück.

Gab es bei Ihnen auch die Duelle der Straßenmannschaften?
Sicher, zur damaligen Zeit hatte jede Familie drei bis vier Kinder. Wir konnten mit all den Jungs aus unserer Straße zwei Mannschaften machen. Da hieß es: 16 Uhr, Leusbergstraße gegen Neustraße, und alle waren dabei. Wir spielten auf Aschetonnen, Jacken oder Stahlrohre. Da wurde schon viel geschummelt, ob der Ball nun drin war oder nicht. Aber selbst in meiner Vereinsmannschaft, beim FC Leusberg, gab es zu dieser Zeit keine Netze in den Toren.

Sie haben bis zu ihrem 23. Lebensjahr für Leusberg und Eintracht Recklinghausen gespielt. Warum sind Sie erst so spät zu einem Profiverein gegangen?
Ich hatte eigentlich nie das klare Ziel, Profi zu werden. Und im Nachhinein bin ich froh darüber, in der Jugend nicht bei Schalke oder Westfalia Herne gespielt zu haben. Dort hätte es ständig Lehrgänge und Training gegeben. In Recklinghausen hingegen konnte ich meine Ausbildung bei Blaupunkt machen und am Wochenende das Leben genießen.

Was heißt das?
Freitag nach Feierabend sind wir zu dritt losgetrampt nach Amsterdam, haben uns da schöne Tage gemacht, und am Sonntag ging es zurück zum Spiel. Da mussten mich die Trainer manchmal an irgendwelchen Bahnhöfen abholen, weil ich es nicht rechtzeitig zurückgeschafft hatte. Das Beste an dieser Zeit war: Ich kam meinen Lieblingsgruppen nahe. Einer erzählte: »In Haarlem spielt Deep Purple – da müssen wir hin«. Zack, saßen wir im Auto.

Sie waren also ein Hardrocker.
Genau, das war meine Welt. Ich habe nie deutschen Schlager gehört. Auch die Frage »Beatles oder Stones?« stellte sich mir nicht. Aber richtig geil fand ich Golden Earring, Led Zeppelin, Ten Years After und solche Klamotten. Oder kennen Sie die Band Hokuspokus?

Nie gehört.
Eine alte Band, die wir in Amsterdam gesehen hatten. Denen sind wir bis in den Schwarzwald hinterhergefahren. In Holland haben wir so ziemlich die ganze Küste abklabastert, Berlin, Hamburg – wir waren überall. Wenn wir flüssig waren, haben wir auf einem Zeltplatz übernachtet, wenn wir keine Kohle hatten, ging es auch so schon irgendwie. Trampen, das war schon eine echte Leidenschaft von mir, für die ich auch mal das eine oder andere Training laufen ließ.

Welche Reise ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Da gab es so viele Sachen, einige Geschichten sollte man auch unter Verschluss halten. Aber ich erinnere mich noch, wie wir in Hamburg zufällig dabei waren, als der Flugzeugträger »John F. Kennedy« ankam. Ich kannte nur die Pötte vom Rhein-Herne-Kanal und dachte, da landen welche von einem anderen Stern. Oder als wir in Berlin ankamen und uns direkt ein paar Leute mit zu einer Party nahmen. Plötzlich standen wir in dunklen Räumen, da hingen die abgefahrensten Kronleuchter, überall Antiquitäten, Stuck an den Wänden – und in solchen Gemäuern wurden die irrsten Partys geschmissen.

Sie haben mit Sicherheit nicht so abstinent gelebt wie viele andere spätere Profis.
Nun ja, es passte alles zu dieser Zeit. Ich habe bei meiner Mutter gewohnt, die mir viele Freiheiten gegeben hat. Kommune 1, Uschi Obermaier – das war zwar etwas vor unserer Zeit, aber die haben uns etwas vorgelebt, was wir nachgemacht haben. Auch die Holländer waren zur damaligen Zeit noch viel lockerer als heute. Man musste fast nirgendwo bezahlen.

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