Lothar Woelk im Interview

„Die Fans wollen den Kommerz“

Das neue 11FREUNDE-Heft wirft seinen Schatten voraus. Darin analysiert Manni Breuckmann, wie unser geliebter Fußball zum Event entstellt wird. Hier haben wir Lothar Woelk, Eisenfuß und Urgestein vom VfL Bochum, mit diesem Phänomen konfrontiert. Imago
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Herr Woelk, die diesjährige Meisterfeier auf dem Rasen des Gottlieb-Daimler-Stadion war ein perfekt inszeniertes Medienereignis. Erkennen Sie ihre Bundesliga aus den 80er Jahren eigentlich noch wieder?

Nein. Man schaue sich allein dieses riesige Konfetti-Meer und die vielen Fahnen und Schals drum herum an, das ist ein Aufwand, der zu meiner Zeit gar nicht betrieben wurde. Der ganze Bereich des Merchandisings hat in den letzten Jahren stark zugenommen. In gewisser Weise wollen die Fans diesen Kommerz ja selbst sehen.

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Welche Rolle spielen die Fans heute überhaupt?

Vor allem auf den Schiedsrichter haben die Fans heute einen viel größeren Einfluss als zu meiner Zeit. Beim Spiel Bochum gegen Schalke, das ich live im Stadion verfolgt habe, wurde der Schiedsrichter einige Male von den Fans überstimmt - in Situationen, wo er zunächst gar nicht daran dachte, ein Foul zu pfeifen. Das hat die Spieler natürlich zu Schwalben animiert. Die gingen so oft zu Boden, dass man gar nicht mehr zwischen theatralisch und gerechtfertigt unterscheiden konnte. Da ist mir klar geworden, dass der Fußball in seiner früheren Form nicht mehr durchführbar ist.

Fehlt dem Fußball das Raue, Ehrliche der 80er Jahre?
Im Hinblick auf die Athletik der Spieler sicherlich nicht. Der Sport ist viel dynamischer geworden. Auch die Härte der Zweikämpfe hat sich kaum verändert. Was sich geändert hat, ist die Reaktion der Gefoulten. In den 80ern haben sich die Spieler nicht dreimal über den Rasen gewälzt, wenn man sie mal gefoult hat. Kevin Keegan vom HSV meinte beispielsweise nur: »Hey, kein Problem, mein Freund. Weiter geht’s.« Ich habe mich entschuldigt und die Sache war erledigt.

Haben Sie eine Idee, wie man diese Mentalität bekämpfen könnte?

Ich habe mal den scherzhaften Vorschlag gemacht, alle deutschen Schiedsrichter nach England zu schicken und die englischen Kollegen zu uns. Innerhalb von einer Saison wäre dann Schluss mit dieser verweichlichten, provokativen Art von Spielern und Fans. Vielleicht würden sich die Profis dann wieder auf das Wesentliche konzentrieren: Zweikämpfe gewinnen und den Ball behaupten. Der Fußball in England ist in dieser Hinsicht schon einen Schritt weiter. Ein Rooney steht sofort wieder auf, nachdem er gefoult wurde. Bei unseren Spielern erkenne ich das nicht.

Anderes Thema: Welchen Einfluss haben die Medien auf einen Spieler?

Der Einfluss ist enorm. Man muss sich nur anschauen, was mit Podolski und Schweinsteiger in den letzten Monaten gemacht wurde. Das sind beides Vollblutfußballer, deren Entwicklung noch viel Zeit braucht. Stattdessen werden sie von den Medien in den Himmel gehoben. Nicht, dass ich ihnen den großen Erfolg nicht gönnen würde, aber wir hatten damals einige gute Fußballer: Rummenigge, Völler oder Mill zum Beispiel. Die wurden auch nicht innerhalb von kürzester Zeit zu Helden gemacht.

Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft der Bundesliga?

Mich würde es freuen, wenn sich die Spieler ihren Kollegen gegenüber wieder fairer verhalten. Die ständige Schinderei von Elfmetern und das andauernde Reklamieren beim Schiedsrichter empfinde ich als Manipulation am Zuschauer. Dem Ruf des deutschen Fußballs täte ein bisschen mehr Fairness auf dem Platz sicher gut.

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Das neue 11FREUNDE-Heft ist ab dem 31. Mai im Handel erhältlich.

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