Lothar Woelk hört Rock

Born to be Woelk

Lothar Woelk kennen wir als Verteidiger des VfL Bochum. Doch auch er weiß, was Sturm und Drang ist. Wir sprachen einst mit ihm über Easy Rider, Maloche bei Blaupunkt und die Unmöglichkeit des Schmusens zu Led Zeppelin.

1972: Lothar hört Rockimago
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Spezial Nr. 4

Lothar Woelk, sind Sie eigentlich ein Alt-Achtundsechziger?
Politisch nicht, aber »Woodstock« und der Kultfilm »Easy Rider« waren damals absolute Pflichtnummern und haben mich auch beeindruckt. Selbst wenn man sich nicht mit den demonstrierenden Studenten identifizierte, so gab es doch eine merkliche Aufbruchstimmung unter uns Jugendlichen hier im Ruhrgebiet. »Easy going« war angesagt, cool und lässig sein hatte oberste Priorität. »Es wird schon werden!«, hieß es, aber so war es auch. Wenn man sich etwas vorgenommen hatte, konnte man es erreichen – auch ohne Vitamin B. Natürlich spielte die Musik eine außerordentliche Rolle. Hier wurde ich von meinem Bruder geprägt, der fünf Jahre älter ist und schon damals die wichtigsten Scheiben von den Rolling Stones oder den Beatles hatte.

Ihre erste Platte, die Sie gekauft haben?
Dazu muss ich etwas sagen: Normalerweise war ich Led Zeppelin-Fan, aber als erste Single habe ich mir »Lamplight« von den Bee Gees gekauft. Die Musik war konträr gegenüber dem Hardrock von Ten Years After oder Deep Purple, aber wenn man die Scheibe auflegte, war das richtig relaxt. Außerdem konnte man dazu gut schmusen. Versuch das mal bei »Whole lotta love« von Led Zeppelin!

Bezugspunkt war der Freundeskreis?
Wir waren eine feste Clique und haben eine Menge gemacht. Mit und ohne Mädels. Und ich hatte den Vorteil, da meine Eltern sich getrennt hatten und ich bei meiner Mutter lebte, hat sie mir so ein bisschen die lange Leine gelassen. Wenn die anderen um elf nach Hause mussten, konnte ich noch eine Stunde länger. Das war natürlich cool. Wir sind im Baggersee nackend schwimmen gewesen oder mal am Wochenende nach Amsterdam getrampt. Irgendwann sind wir nach Katwijk oder Noordwijk, weil dort Procol Harum gespielt hat. Da hieß es nur: »Kommt, da müssen wir hin!« Anfang der 1970er gab es dieses Feeling, vieles ausprobieren zu wollen. Die Verhältnisse wurden offener, und wir wollten als Generation etwas bewegen.

Hat sich dieser Drang nach Freiheit mit dem Fußballtraining vertragen?

Das ging schon zusammen. Anfangs habe ich beim FC Leusberg gespielt, der hier in Recklinghausen-Süd von ein paar Taubenzüchtern gegründet worden war. Das war ein Verein, bei dem nur die Leute aus den umliegenden Straßen spielten. In der A-Jugend wechselte ich zu Eintracht Recklinghausen, der wesentlich ambitionierter geführt wurde. Für mich war das ein Quantensprung. Ich spielte Stürmer und konnte mir dort meine ersten Lorbeeren verdienen. Im Seniorenalter ging ich allerdings wieder zu meinem Heimatverein zurück, da ich dort mit meinem Bruder zusammen spielen konnte und bei Eintracht mit dem Trainer nicht zu Recht kam.

Sie sind erst mit 23 Jahren Profi geworden. War es für Sie der Traumberuf?
Natürlich habe ich die Bundesliga immer samstags im Fernsehen gesehen und irgendwie gedacht, das würdest du dir auch zutrauen. Ich spielte in der Junioren-Westfalenauswahl, und da stand man bereits etwas im Rampenlicht. Leute fragten mich nach meinen Zielen. Was sollte ich antworten? Ich malochte bei Blaupunkt, später im Schichtsystem bei Opel, verdiente bereits gutes Geld, aber den Fußball zum Job zu machen? Das war das Größte! Wenn es nicht so gekommen wäre, wäre das auch okay gewesen. Fußballer wäre ich so oder so gewesen.

Es heißt, der VfL hätte Sie in der Betriebsmannschaft von Opel entdeckt.
Das ist Quatsch. Der Trainer Fips Schulte fing bei Eintracht Recklinghausen an und holte mich nach meiner Bundeswehrzeit wieder zurück. Und Schulte hatte gute Kontakte zu Heinz Höher, der damals den VfL trainierte. So stand ich schon unter Beobachtung. Tatsächlich habe ich zu der Zeit als Werkzeugmacher ein halbes Jahr bei Opel in Bochum gearbeitet und irgendwann einmal auf Drängen der Kollegen bei einem Pfingstturnier in der Betriebsmannschaft gespielt, aber da war mein Einstieg beim VfL bereits geregelt.

Ist Ihr Spitzname »Netzer« auch eine Legende?
Nicht ganz. Meine Lieblingsposition war eigentlich in der Kreativabteilung des Mittelfeldes hinter den Spitzen. Beim VfL spielte ich meistens nur in der Abwehr, aber zumindest im Training nahm ich mir mehr Freiheiten. Den Spitznamen hat mir schließlich Christian Gross verpasst. Der kam 1980 von Xamax Neuchâtel zum VfL und hatte in der Schweizer Liga noch gegen Netzer gespielt. Irgendwann beim Training rief er mir dann zu: »Hey Jünter, gib mal den Ball rüber.« Aus »Jünter« wurde schließlich »Netzer«. Ob mir der Spitzname aufgrund meiner technischen Fähigkeiten verliehen wurde, oder ob es vielleicht auch daran lag, dass ich ab und an das Spiel meiner Kollegen kritisch kommentierte, sei dahingestellt. (Lacht.)

Mit ihren wilden Aussehen und ihrer Kampfkraft verkörperten Sie geradezu den Willen des VfL, nicht abzusteigen.
Ja, aber das wird auch übertrieben. Wir waren sehr oft im Mittelfeld platziert und hatten nur selten, etwas mit dem Abstieg zu tun. An dieser Stelle ist Uli Hoeness ein gutes Beispiel. Er sagt immer: »Wenn ein Spieler zum FC Bayern München kommt, wird vom Verein vorgegeben: Wir wollen Deutscher Meister werden und die Champions League gewinnen. Wenn ein Spieler mit diesem Druck nicht klar kommt, hat er bei uns eben nichts verloren.« Diesen Spirit hatten wir auch beim VfL. Wer an die Castroper Straße kam, musste begreifen, dass man durchaus mal schlecht spielen konnte, aber mit dieser Truppe nie und nimmer absteigen durfte. Das zogen wir quasi schon bei den ersten Vertragsgesprächen mit der Muttermilch ein, und genauso wie Oliver Kahn bei Bayern die Sieger-Mentalität vorgelebt hat, haben bei uns Leute wie Ata Lameck, Walter Oswald und später wohl auch meine Person die Beharrlichkeit demonstriert, die Bundesliga zu erhalten.

Gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem Verhalten eines Spielers auf dem Platz und seinem privaten Charakter?
Mir hat man immer nachgesagt, ich wäre wie Dr. Jekyll und Mister Hyde. Also privat ein ganz anderer als auf dem Fußballplatz. Ich wollte halt auf dem Platz immer gewinnen, und diese Mentalität habe ich mir regelrecht antrainiert. Ich empfand es auch als Verpflichtung gegenüber dem Publikum. Die Fans wollen gute Spiele und Siege sehen, aber wenn du alles gibst und in der letzten Minute unglücklich verlierst, dann verzeihen sie dir das auch. Denn Fußball ist ja keine Verarsche, sondern Wahrheit.

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