23.12.2007

Lothar Weise über Robert Schlienz

»Er war unser Käpt'n«

Im neuen 11FREUNDE-Heft porträtieren wir Robert Schlienz, den größten Spieler in der Geschichte des VfB Stuttgart. Er leistete Außergewöhnliches – und das mit nur einem Arm. Hier spricht sein Freund Lothar Weise über den Jahrhundertsportsmann.

Interview: oliver zeyen Bild: imago
Haben Sie als Thüringer überhaupt etwas verstanden wenn er geschwäbelt hat?

Ja, das hat immer gut geklappt. Ich hatte da überhaupt keine Probleme, weil wir damals ja noch viel öfter als die Spieler heute uns zusammen ein Bierchen genehmigt haben. Und wenn wir ein großes Turnier im Ausland hatten, haben wir vorher auch immer ein bisschen was getrunken. Danach hat der Robert gesagt: »Aber eins sage ich euch: Wenn morgen beim Spiel keiner marschiert, dann gibt’s Theater.« Und da haben wir uns alle dran gehalten.

Das war dann doch etwas anders als in diesen Tagen.


Damals waren wir noch viel bessere Kumpels untereinander und eine richtige Mannschaft, die auch mal zusammen gefeiert hat. Wenn die heute zusammen feiern, trinken die genauso ihr Bier. Aber das sehen die Leute nicht. Wir hingegen haben unser Bier öffentlich getrunken, vorm Trainer und vor der Presse.

Und das hat der Trainer dann auch erlaubt?

Wieso auch nicht? Wir haben noch unsern Beruf gehabt und nur wenig verdient. Wir haben in der höchsten Klasse gespielt, waren eine Riesentruppe – und eins kann ich sagen: Das schweißt zusammen. Wir haben ja nicht gesoffen wie die Verrückten. Wir haben uns halt gelegentlich unser Bier oder Gläschen Wein genehmigt, nach dem Spiel natürlich. Und wir haben es vor dem Trainer gemacht – nicht heimlich.

Bei der Riesentruppe war Robert Schlienz nach der Sommerpause 1959 nur noch im Kader und hat nicht mehr gespielt, bis er 1961 ohne Abschiedsspiel aufgehört hat. Warum wurde er am Ende seiner Karriere so unsanft aus der Mannschaft gedrängt?

Gute Frage. Als wir gegen eine tschechische Mannschaft spielen sollten, haben wir vor dem Spiel in der Kabine gesessen und auf ihn gewartet. Und Robert kam und kam nicht. Da hat unser Trainer Georg Wurzer gesagt: »Ihr braucht gar nicht zu warten – der kommt nicht mehr. Robert Schlienz spielt nie wieder unter mir.« Daraufhin gab es einen Riesenzirkus. Robert war verständlicherweise total beleidigt, weil er danach nie ein Abschiedsspiel bekommen hat. Den eigentlichen Grund dafür kennen wir bis heute nicht. Ich weiß nur, dass es geheißen hat, dass wir altershalber einen Schnitt machen müssen und mit neuen, frischen Kräften in die Saison starten. Und dazu sollte der Robert nicht mehr gehören.

Wie haben Sie reagiert?

Der ganze Freundeskreis vom Robert ist auf die Barrikaden gegangen und es hat dann böse Geschichten gegeben, weil der Wurzer das bis zum Ende durchgezogen hat. Erst haben wir Robert lange nicht mehr gesehen, aber dann kam er so sukzessiv wieder zu den Spielen, weil sich der VfB bei ihm entschuldigt hatte. Schließlich ist er ist ja in die Geschichte eingegangen.

Inwiefern?

Der Robert war für uns das, was ein Fritz Walter in Kaiserslautern war. Es kann sein, dass Rolf Blessing vielleicht noch der bessere Spieler war, aber von der Wertigkeit her stand Robert über allen. Nachdem er seinen Arm verloren hatte, hat er dann hinten Libero gespielt. Das muss man sich mal vorstellen: Als Mittelstürmer Libero zu spielen! Und er hat hervorragend dort gespielt. Übrigens wurde ich jetzt gerade wieder an ihn erinnert.

Wann war das?

Letztens kam jemand, der ein Buch über die Geschichte des VfB schreibt, zu mir nach Hause und fragte mich: »Wie war das damals mit den Lederhosen?« Daraufhin habe ich ihm erzählt, dass die Spieler für die Meisterschaft 1950 Lederhosen bekommen haben. Es gibt auch Mannschaftsfotos, auf denen alle stolz mit ihren neuen Lederhosen posieren. Und komischerweise hatte ich kurz zuvor erst ein Gespräch mit der Frau Schlienz gehabt, über das Geld, das die Spieler damals verdient haben und was sie heute bekommen und da hat sie mir erzählt, dass 1950 jeder eine Lederhose für die Meisterschaft bekommen hat. Das hatte ich vorher auch nicht gewusst.

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