06.03.2009

Lothar Buchmann über Darmstadt 98

»Wie Krieg, nur positiver«

Darmstadt 98 versucht am Samstag, mit den Einnahmen aus dem Spiel gegen den SSV Ulm ein riesiges Finanzloch zu stopfen. Wir sprachen mit dem ehemaligen Lilien-Trainer Lothar Buchmann über Aufstieg und Fall des Vereins.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: imago
Sie stiegen in der Saison 1977/78 mit Darmstadt unter besonderen Bedingungen in die Bundesliga auf. Die Mannschaft ging als »Feierabendfußballer« in die Geschichte ein. Wie muss man sich Ihren Alltag damals vorstellen?

Unser Alltag bestand hauptsächlich aus Fußball (lacht). Ich selbst war Verwaltungsbeamter in Heppenheim und war nicht bereit, hauptberuflich als Trainer zu arbeiten. Nach einem Jahr stellte sich heraus, dass alle Mannschaften, die eigentlich aufsteigen wollten, hinter uns standen. Wir sahen die Möglichkeit, in die erste Liga zu kommen, und haben etwas umgestellt. Das Training haben wir beispielsweise auf 15.30 Uhr vorgezogen. Alle Spieler bekamen bei ihrer Arbeit frei, und wir mussten nur eine Stunde Lohnausfall bezahlen. Anders hätte sich das auch der Verein nicht leisten können. Mir war vor allem wichtig, dass die Spieler um 18.30 Uhr zu Hause waren und noch Zeit für ihre Familien hatten.

Wissen sie noch, welchen Berufen die Spieler nachgegangen sind?

Wir waren ein bunt gemischte Truppe. Da war vom Metzger bis zum Ingenieur alles dabei. Viele haben sich auf dem zweiten Bildungsweg in gute Positionen hochgearbeitet. Die waren natürlich nicht bereit, als Vollprofi ihre Existenz zu riskieren. Walter Bechtold kam einmal auf mich zu und sagte: »Trainer, ich bin 30. Ich kann nicht auf Vollprofi umsatteln. Ich finde nie wieder einen Job, wenn wir absteigen.«

Und plötzlich wurde es dann ernst mit dem Aufstieg...


Zu diesem Zeitpunkt wurde die Sache zum Selbstläufer. Wir haben allen Spielern garantiert, dass sie auch in der Bundesliga bleiben können. Das war gut für unseren Zusammenhalt. Und auch nach dem Aufstieg haben wir mit diesem Konzept weiter gemacht. Uns war klar, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte. Aber eins haben wir nicht riskiert: Uns oder den Verein zu ruinieren. Jahre später wurden die Spieler dann zu Vollprofis gemacht. Rückblickend kam dieser Umschwung wohl zu schnell. Der Verein geriet immer mehr ins Rutschen.

Der Aufstieg der Lilien war eine Sensation. Was war damals los auf der Meisterfeier?

So eine Feier habe ich nie wieder erlebt. Das war der absolute Wahnsinn. Da war alles dabei, bis zum Autokorso durch Darmstadt. An dem Tag habe ich sogar eine geraucht (lacht). Unser Aufstieg war ja nach unserem 6:1-Auswärtsieg in Pirmasens so gut wie besiegelt. Die Rückfahrt war unbeschreiblich. Wir haben an jeder Raststätte Halt gemacht. Dann sind alle raus und in einer einzigen Dauerpolonäse durch die Tankstellen. Die Leute haben uns nur komisch angeguckt. Die hatten ja keine Ahnung, wer wir sind und was wir feierten. Es ging hoch her. Das war wie Krieg, nur im positiven Sinn. Ich bin oft aufgestiegen, habe sogar mit dem VfB Stuttgart den DFB-Pokal geholt, aber diese Aufstiegsfeier, die war einmalig.

Sie waren dann Ende der Neunziger noch einmal Trainer in Darmstadt. Der Verein stieg in die Viertklassigkeit ab. Was waren rückblickend die größten Fehler, die damals gemacht wurden?

Die Probleme lagen wieder im Geldbeutel. Ich habe den Verein in der ersten Saison auf dem letzten Platz übernommen. Am letzten Spieltag brauchten wir einen Punkt und haben durch ein 0:0 gegen Augsburg noch den Klassenerhalt geschafft. In dem Spiel habe ich bestimmt 1000 Mal auf die Uhr geschaut, aber am Ende hat es dann gereicht. Nach der Saison mussten wir, wegen erneuter finanzieller Probleme, wichtige Spieler verkaufen. Dieser Aderlass hat uns dann das Genick gebrochen.

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