Lorenz-Günther Köstner im Interview

»Wir müssen an uns glauben«

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Herr Köstner, Sie trainieren mittlerweile die 2. Mannschaft des VfL Wolfsburg. Wird vor dem Saisonfinale darüber gesprochen, was Bayer Leverkusen vor neun Jahren gegen Ihre damaligen Unterhachinger passiert ist oder wurde das zum Tabuthema erklärt?

Nachdem in den Zeitungen darüber geschrieben worden ist, haben mich schon ein paar Leute darauf angesprochen. Bei den Spielern und auch im Trainerstab ist das aber kein Thema. Felix macht das alles sehr professionell. Er hat die nötige Ruhe und die Erfahrung, die man in so einer Situation braucht. Ich glaube fest daran, dass die Mannschaft am Samstag den Meistertitel gewinnt.

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Das glaubten die Leverkusener im Mai 2000 auch, als sie als Tabellenführer mit drei Punkten Vorsprung nach Unterhaching zum letzten Spiel fuhren.

Die Leverkusener waren sich ihrer Sache vielleicht ein bisschen zu sicher. Sie hatten ja die Spiele davor überlegen gewonnen. Bei uns ging es um nichts, wir hatten sensationell schon am drittletzten Spieltag den Klassenerhalt perfekt gemacht. Leverkusen war damals die überragende Mannschaft. Was sollte also schief gehen? Ich erinnere mich noch daran, wie Reiner Calmund und Wolfgang Holzhäuser am Tag vor dem Spiel im Sportpark die Meisterschaftsfeier vorbereiteten, während wir daneben trainierten.

Die Bayern, die zeitgleich gegen Bremen gewinnen mussten, sollen angeblich einen Lkw voll Würste versprochen haben –
für den Fall, dass Ihr Team Leverkusen schlägt.

Ach was. Das haben die Zeitungen geschrieben. Wir haben gesagt, dass wir uns die Bratwürste selbst kaufen können. Allerdings hat der FC Bayern-Sponsor Erdinger-Weißbier extra eine Anzeigetafel zum Sportpark bringen lassen. Auf unserer konnte man keine aktuellen Spielstände zeigen, auf der von Erdinger schon. Die Video-Leinwand hing an einem Kran und war gut sichtbar.

Was hielten Sie von der Aktion? Immerhin verband Sie mit Leverkusens Trainer Christoph Daum, unter dem Sie in Stuttgart Co-Trainer waren, eine Freundschaft.


Trainer und Spieler hatten keinen Einfluss darauf. Wir haben uns nur auf die Partie konzentriert. Ich hatte ein paar Tage zuvor noch den Christoph angerufen und ihm gesagt: Denkt dran, Euch reicht schon ein Unentschieden.

Und was haben Sie Ihren Spielern gesagt?


Dass es unsere verdammte Pflicht ist, ein gutes und vernünftiges Spiel zu liefern. Ein Woche zuvor hat meine Mannschaft in Hamburg 0:3 verloren. Wir wollten uns von Leverkusen nicht abschlachten lassen.

Die Bayern legten gegen Bremen fulminant los.


Das war die Vorgabe von Ottmar Hitzfeld. Die Bayern wussten ja, dass die Spielstände im Sportpark eingeblendet werden. Nach 16 Minuten stand es im Olympia-Stadion bereits 3:0. Das 1:3 der Bremer ist nicht angezeigt worden. Man hat gemerkt, dass die Leverkusener immer unruhiger wurden und der ein oder andere Pass nicht mehr ankam. Und dann passierte Michael Ballack dieses Eigentor. Meine Spieler wuchsen anschließend über sich hinaus. Vor allem Gerhard Tremmel hat gehalten, was zu halten war. Am Ende haben wir 2:0 gewonnen. Verdient, wie Rudi Völler, Reiner Calmund und Wolfgang Holzhäuser nach dem Abpfiff zugeben mussten.

Wie ist zu erklären, dass eine Mannschaft, für die es um nichts mehr geht, über sich hinauswächst?


Schwer zu sagen, das ergibt sich einfach aus dem Spiel heraus. Wir sind ja nicht mit der Einstellung in die Partie gegangen, Leverkusen die Meisterschaft zu vermasseln. Später hieß es, Unterhaching habe den FC Bayern zum deutschen Meister gemacht. Das stimmt nicht. Die Bayern haben sich selbst zum Meister gemacht.

Den Bremern, die diesmal das Zünglein an der Waage spielen können, wird in Wolfsburg nicht mehr viel zugetraut. Vor allem, weil in den Köpfen womöglich nur noch das DFB-Pokal-Finale steckt.


Aber die Bremer wissen doch genau, dass ganz Fußball-Deutschland am Samstag auf sie schaut. Es ist die unangenehmste Mannschaft, die man sich nur vorstellen kann.

Warum?


Bremen zählt zu den stärksten Teams in ganz Europa, wenn es in Ballbesitz ist. Dass Werder das Uefa-Cup-Finale verloren hat, macht die Sache nicht leichter. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass der VfL Wolfsburg das schafft.

Was macht Wolfsburg so stark?


Die Mannschaft ist absolut fit, und sie lässt sich gut führen. Felix Magath hat ein prima Gespür dafür, wann er die Spieler an der langen Leine führen kann und wann er sie wieder anziehen muss. Und dann hat der VfL natürlich zwei Topstürmer. Wenn eine Mannschaft weiß, dass sie solche Leute vorne hat, dann spielt sie ruhiger.

In der Vorrunde befand sich der VfL noch im Niemandsland der Bundesligatabelle.


Das Problem war die Auswärtsschwäche. Zu Hause lief es ja prima. Es gab zwei, drei Knackpunkte: Zum Beispiel den ersten Auswärtssieg in Frankfurt. Dann war da noch das Spiel gegen den damaligen Tabellenführer Hertha BSC. Der VfL lag 0:1 hinten. Dass die Mannschaft diese Partie noch gedreht hat, war eminent wichtig. Nach der Winterpause startete der VfL eine Erfolgsserie mit zehn Siegen am Stück. Dass sie in Cottbus endete, war in zweifacher Hinsicht gut: Es passierte nicht gegen eine Spitzenmannschaft und es geschah nicht im vorletzten Spiel, sondern am 29. Spieltag.

Nachdem Felix Magath zugeben musste, dass er in der kommenden Saison zu Schalke wechselt, wurde viel über die möglichen Folgen diskutiert. Selbst eine Entlassung lag in der Luft.


Felix Magath nicht zu entlassen, war wohl die wichtigste Entscheidung überhaupt. Er hat die Mannschaft zu dem gemacht, was sie heute ist. Wenn ein Spieler ankündigt, er verlässt den Verein nach Ende der Saison, wird er doch auch nicht weggejagt.

Was kann man als Trainer vor so einem entscheidenden Spiel noch machen?


Nichts Übertriebenes. Man darf nicht die Nerven verlieren und sich von anderen beeinflussen lassen. Und man muss ganz einfach an seinen Kader glauben.

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