Lok-Fanbeauftragter Uwe Nollau im Interview

»Die Stadt ist geteilt«

Die Leipziger Klubs Lok und Chemie entzweit eine Fan-Rivalität, die weit über das normale Maß hinausgeht. Dumme-Jungen-Streiche oder organisierter Terror? Wir sprachen mit Loks Fanbeauftragtem Uwe Nollau. Lok-Fanbeauftragter Uwe Nollau im InterviewImago
Heft #75 02 / 2008
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Herr Nollau, wie erklären Sie sich, dass Leipzig, trotz unterklassigen Fußballs, ein so großes Gewaltpotential in den Fanszenen hat?

Im Vergleich zu den großen Fußballstädten, die ihre Stadien mit Zehntausenden gefüllt haben, ist in Leipzig der prozentuale Anteil an ultra- oder erlebnisorientierten Anhängern natürlich sehr groß. Deshalb fallen diese Gruppierungen hier stärker ins Gewicht. Ob sie faktisch auch größer sind als in München oder Berlin, wage ich zu bezweifeln.

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Ein Problem ist auch, dass es zwei etwa gleichgroße Vereine gibt. Würde die Hegemonie eines Vereins der Gewalt Einhalt gebieten?

Eine Fusion oder ein Retortenklub würde in Leipzig nicht funktionieren. Die Stadt ist in grün-weiß und blau-gelb geteilt. Bevor hier Kinder von Lok-Fans »Mama« oder »Papa« sagen können, können sie »Chemie-Schweine raus« sagen. Ein installierter Klub würde das Stadion nur im extremen Erfolgsfall füllen. Und die gewaltbereiten Fans würden sich ein anderes Feld suchen. Das Problem wäre dadurch nicht beseitigt. Wer das behauptet, ist kein Kenner der Leipziger Fußballszene.

Wenn man sich die Nachrichten um ihren Verein ansieht, muss man um die Existenz des 1. FC Lok Angst haben.

Die Leute bei Lok, die man der Kategorie C zuordnet, hätten im Zusammenspiel mit der Medienberichterstattung vielleicht die Macht, den Verein über den Abgrund hinaus zu stoßen.

Macht es sich der Verein nicht zu leicht, wenn er immer mit dem Finger auf die Medien zeigt?

Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben, denn meiner Meinung nach trägt der regionale Sender MDR mit seiner undifferenzierten und boulevardesken Berichterstattung viel zum Image des Vereins bei. Keine Frage ist, dass in der »Sachsenstube« eindeutig Grenzen überschritten wurden. Aber am Tag nach dem Überfall auf die Sachsenstube war ich in Leutzsch vor Ort, und dort hatte der MDR nur die Sorge, dass die kaputt geschlagenen Autos auch stehen bleiben, damit die Kameraleute ihre Bilder schießen konnten. Das ist doch bezeichnend.

Also findet von Seiten der erlebnisorientierten Anhänger doch eine mutwillige Schädigung ihres Vereins statt?

Keiner dieser so genannten Fans hat eigentlich bewusst vor, den Verein zu zerstören. Allerdings wird es doch irgendwie in Kauf genommen und riskiert, da die Randale bewusste Handlungen sind. Diesen Anhängern müsste aber schon klar sein, dass sie den Verein durch ihr Verhalten schädigen. Das ist das Unerklärliche für mich.

Sie sagen, dass keiner der Randalierer den Verein zerstören will. Trotzdem muss den Krawallmachern doch klar sein, dass die Rivalität der beiden Fanlager in den vergangenen Jahren an Intensität extrem zugenommen hat.

Früher gab es auch schon eine Rivalität, die über das Sportliche gegangen ist. Es gab regelrechte Hetzjagden in den Achtzigern. Aber wenn Berliner Mannschaften zu Gast waren, egal ob bei Lok oder Chemie, oder Lok im Europapokal gespielt hat, haben Fans beider Vereine für das Leipziger Team gehalten. Heute ist bloß wichtig, dass Chemie verliert. Die Qualität hat sich dahingehend verschärft, dass Emotionen und Hass gegen den Rivalen einfacher geschürt werden können als es früher der Fall war.

Welche Rolle spielt dabei die Politisierung beider Kurven?

Es gibt genügend alte Chemiker, denen die linken und antifaschistischen Parolen, die durch die »Diablos« ins Stadion getragen werden, richtig auf den Sack gehen. Es wird auch von außen viel Politik ins Stadion getragen. Die »Diablos« haben meiner Ansicht nach viel Lobbyarbeit betrieben, um eine linke Klientel anzuziehen – zumal Lok ja auch als rechter Verein verschrien ist.

Sie sind jetzt nur auf die linken »Diablos« eingegangen. Aber Lok hat auch ein großes politisches Problem mit rechtsextremen Fans.

Bei uns im Stadion hat das politische nicht zugenommen. Aber viele tendieren sicherlich als Gegenpart zu den linken Tendenzen nach rechts. Auch wenn ich der Meinung bin, dass viele überhaupt nicht wissen, was sie da schreien.

Aber rechte Tendenzen in Loks Fankurve sind unbestreitbar. Was entgegnen Sie persönlich oder ihre normalen Fans diesen?

Es gibt bei uns im Verein auch linke Fans, die ihre Haltung auch nicht verstecken und ihren Unmut offen zeigen, wie z. B. gegen diese idiotische Hakenkreuz-Aktion vor ein paar Jahren. Ich habe auch den Eindruck, dass ich zum Beispiel bei unserer Ultra-Gruppierung »Blue Side LOK« auf Verständnis für unser Anliegen stoße und auch während der Spiele in der Kurve auf die Sensibilität bestimmter Aktionen hinweise.

Die große Mehrheit schweigt dennoch bei rechten Parolen.

Unsere ganz normalen Fans haben das Bewusstsein, dass rechte Parolen im Stadion schnell auf den Verein zurückgeführt werden und ihn bedrohen. Sie schreiten dann auch verbal ein. Es kann aber nicht die Aufgabe des Fans sein, seinen Nebenmann politisch zu erziehen. Der Fan will zum Fußball gehen, ein schönes Spiel sehen, ein Bier trinken und danach unbeschadet nach Hause gehen. Er will sich mit Sicherheit nicht in Gefahr begeben, in Streitigkeiten zu geraten. Die besteht immer, da sich einige, gerade im alkoholisierten Zustand, nichts sagen lassen. Hier ist die Politik gefragt, die Gesellschaft, die Medien.

Viel Kritik fällt auf die Justiz ab, der zu lasche Auslegung der Gesetze vorgeworfen wird.

Solange der Gesetzgeber nicht schärfer gegen diese Auswüchse der Gewalt vorgeht, brauchen wir uns nicht darüber zu wundern. Die Polizei berichtete auf meine Nachfrage, wieso das Videomaterial von den Ausschreitungen am 10. Februar 2007 nach dem Pokalspiel gegen Aue nicht ausgereicht hat, um härtere Strafen auszusprechen als diesen berüchtigten Besinnungsaufsatz, Folgendes: Der Täter muss vom Aufheben des Steins über den Abwurf bis hin zum Treffer gefilmt werden, damit die Beweiskette lückenlos und somit Strafrechtlich und vor Gericht relevant wird. Bei so einer Gesetzgebung tut es mir leid. Wenn ich ins Auto steige, bin ich bei einem Unfall automatisch Mitschuld, aber der Abwurf eines Steines reicht nicht aus.

Nach dem Überfall auf die Sachsenstube gibt es immer noch die Befürchtung, dass es zu einem Gegenschlag in Richtung Lok kommen wird. Sehen Sie das genauso?

Ich denke nicht, dass es einen Gegenschlag geben wird, da die Frage des Stärkeren hier eigentlich geklärt ist. Wenn, dann passiert so etwas nur in Form von Guerilla-Schlägen.

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