Liverpool-Fan James McKenna im Interview

»Bald kaufen wir uns frei«

James McKenna (23) ist Fan des FC Liverpool und hat als Kopf der Bewegung »Spirit Of Shankly« den Protest gegen die verhassten amerikanischen Eigentümer Hicks und Gillet organisiert. Nun sind sie weg. Was kommt danach?  Liverpool-Fan James McKenna im Interview

James McKenna, nach fast drei Jahren Kampf sind Sie am Ziel: Die US-amerikanischen Geschäftsleute Tom Hicks und George Gillett haben den FC Liverpool verkauft. Sind Sie glücklich?

Ich fühle mich wie nach einer Teufelsaustreibung. Ich bin wahnsinnig erschöpft, könnte nur noch schlafen. Aber mein Klub braucht mich. Ich gehöre ins Stadion, nicht auf die Straße, um Flugblätter zu verteilen. So wichtig unser Protest auch war.

[ad]

Wie groß ist Ihr Anteil daran, dass Hicks und Gillet sich zurückgezogen haben?

Die beiden wollten so wenig von uns lassen wie ein Dämon, deshalb benutze ich ja auch das Bild vom Exorzismus. Wir haben aber ein öffentliches Bewusstsein dafür geschaffen, dass hier die falschen Leute am Werk sind. Dass der Verein nicht zwei Amerikanern gehört. Sondern uns, den Fans. 

Störte Sie besonders, dass die beiden Amerikaner waren – »Yanks«, wie Sie sie nennen?

Natürlich wäre mir wohler, wenn ich wüsste, dass die Eigner mit Fußball und nicht mit Baseball aufgewachsen sind. Aber das war nicht das Problem. Es war ihre himmelschreiende Dekadenz. 

Gillett und Hicks hielten den Klub wie einen Chihuahua, den sie in ihrer Swarovski-Handtasche rumtrugen.

Genau. Und wissen Sie, was das Schlimmste ist? Sie haben vergessen, ihn zu füttern! Sie haben Schulden in Höhe von 300 Millionen Euro hinterlassen, das neue Stadion, das sie uns versprochen hatten, nicht gebaut, unseren verehrten Trainer Rafael Benítez vertrieben und es versäumt, ein Team für die Zukunft aufzubauen. Sie haben versagt.

Dabei sagte Gillett doch so vollmundig: »Wenn Benítez Snoogy Doogy haben will, kaufen wir ihn!« Alles schien möglich.

Versprechungen haben sie viele gemacht. Aber wer noch nicht mal Snoop Doggy Doggs richtigen Namen kennt, dem beginnt man ziemlich schnell zu misstrauen. Und es dauert nicht lange, bis man merkt, dass er lügt.

Warum haben Sie Ihre im Januar 2008 gegründete Fan-Initiative »Spirit Of Shankly« genannt?

Wir dachten, wenn unsere verblichene Trainerikone Bill Shankly selbst schon nicht mehr sprechen kann, dann müssen wir es eben in seinem Sinne tun. Auch wenn wir nur von draußen reinschreien können.

Was hätte Shankly gesagt?

Das wissen wir recht genau, weil seine Enkelin Karen Gill Patronin unserer Vereinigung ist. Seine Einstellung war stets: Der Klub gehört den Fans, die ihn unterstützen. Direktoren sind nur dazu da, um Schecks abzuzeichnen. 

Shankly trainierte den Klub von 1959 bis 1974. Er starb 1981, sechs Jahre vor Ihrer Geburt. Was verbindet Sie mit diesem Mann?

Manchmal hasse ich es, dass ich so jung bin, verdammt! Shankly war es, der diesen Klub groß gemacht hat. Groß im sportlichen, aber auch in einem ritterlichen Sinne: Wir sind groß, weil wir uns nicht kleinmachen lassen. Das ist Shanklys Erbe, und wir müssen es fortsetzen.

Seit wann sind Sie schon Fan des FC Liverpool?

Gegenfrage: Seit wann sind Sie schon Mensch? 

Seit ich denken kann und noch ein bisschen länger.

Sehen Sie! Und so ist es bei mir auch. Nur dass Menschsein und Fansein für mich untrennbar zusammengehören. Ich gehöre zur Spezies der Reds.

Und wenn Ihr Sohn sich für einen anderen Klub entscheiden würde, im schlimmsten Fall den Lokalrivalen FC Everton?

Was reden Sie da? Das ist vollkommen ausgeschlossen! Das wäre ja so, als würde ein Löwe einen Dackel zeugen.  

Ist der FC Liverpool für Sie eine Religion?

Wenn man den Fußball an sich ernst nimmt, kann er nichts anderes sein als eine Religion. Man muss sich zu ihm bekennen, es gibt eigene Liturgien und Heilige. Meine Konfession ist der FC Liverpool, meine Kirche ist Anfield .

Und Bill Shankly ist Jesus.

Nichts gegen Jesus, aber Shankly ist Shankly. 

»Built by Shanks, broke by Yanks« war auf einem Transparent zu lesen.

Genial, oder? Wir dachten: Was sich reimt, prägt sich ein. So wurde dieser Slogan das Motto unseres massiven Protests.

Der massivste Protest wäre doch gewesen, nicht mehr ins Stadion zu gehen.

Hatten wir das nicht schon? Also noch mal: Sowenig ich aufhören kann, Mensch zu sein, kann ich aufhören, Fan zu sein. Und wer nicht ins Stadion geht, ist kein Fan. That’s it.

Lieber setzten Sie sich dafür ein, dass Gillett und Hicks den Klub an Scheichs aus Dubai verkaufen sollten.

Wahnsinn, oder? Aber es wäre das geringere Übel gewesen.  

Ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, einen eigenen Klub zu gründen, wie die Fans von Manchester United es getan haben?

Nein. Es gibt nur einen FC Liverpool. Ohnehin halte ich das für eine Verdrängung der Realität. Der FC United of Manchester wird sich dem gleichen Problem stellen müssen wie der Verein, von dem er sich abgespalten hat. 

Und zwar?

Geld! Obwohl ich ein Traditionalist bin, bin ich nicht naiv. Geld regiert den Fußball, sobald er professionell sein will. Professioneller Fußball heißt aber nicht unbedingt seelenloser Fußball. 

Wären Sie lieber Fan eines Klubs, der eine Seele hat und gegen den Abstieg spielt, oder eines seelenlosen, der die Champions League gewinnt?

Die haben wir 2005 gewonnen, obwohl wir eine Seele haben. Reicht das?

Nun wurde der Klub vom US-Unternehmen »New England Sports Ventures« (NESV) übernommen. Dabei riefen Sie doch: »Thanks, but no Yanks!«

Ironie des Schicksals! Aber es ist zweitrangig, woher der neue Besitzer stammt. Die NESV hat im Baseball bewiesen, dass sie erfolgreich arbeitet, die Boston Red Sox sind zwei Jahre nach der Übernahme erstmals seit 1918 wieder Meister geworden. Über allem steht aber: Wir sind Hicks und Gillett los!

Die beiden wollten die Übernahme verhindern. Der Prozess am Londoner High Court elektrisierte halb England.

Ich saß am PC und habe zwischen zwei Livetickern hin- und hergeklickt: dem über den Prozess und dem zur Rettung der Bergleute in Chile. 

Haben Sie in dieser Zeit zu Shankly gebetet?

Nennen wir es eine stille Zwiesprache. Er sagte zu mir: »Hoffentlich wird bald wieder Fußball gespielt!«

Am 15. Oktober wurde der Verkauf für rechtsgültig erklärt. Ist der FC Liverpool denn jetzt auch so befreit wie die chilenischen Kumpels?

Die dunkle Zeit wird niemand von uns vergessen. Nun aber werden wir versuchen, mit der NESV in den Dialog zu treten. Vor allem was den Neubau des Stadions anbelangt, der bitter notwendig ist und von Hicks und Gillett verschlampt wurde, halten wir uns für die besten Experten, die die NESV kriegen kann.  

Wie wichtig sind den Amerikanern die Legende Shankly und die Tradition des Vereins?

Ohne Tradition hätten sie doch bloß einen Verein gekauft, der aktuell im Tabellenkeller steht – und das für 300 Millionen Euro. Sie sehen Tradition sicherlich anders als wir, nicht als ideellen Wert, sondern als Marketingpotential. Aber sie sehen sie, da bin ich mir sicher.

Also sitzen Sie bald mit den Schlipsträgern aus den USA im Pub und singen ihnen »You’ll Never Walk Alone« vor?

Warum nicht? Wir wollen ein Mitspracherecht. Nicht Demokratie als Selbstzweck, sondern weil ich glaube, dass keiner den Klub so gut kennt und so ernst nimmt wie wir.

Warum übernehmen sie den Klub nicht gleich selbst?

Das ist das langfristige Ziel. Wir wollen zwar vertrauensvoll mit der NESV zusammenarbeiten, aber eines Tages kaufen wir uns frei. Es wird zehn, vielleicht zwanzig Jahre dauern. Aber dann wird es so weit sein. Der Klub ist unser Leben. Und das unserer Söhne. Wir haben Zeit.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!