Liga-Experten über neue Sicherheitsmaßnahmen

»Druck erzeugt Gegendruck«

Nach den Ausschreitungen in Berlin werden die Forderungen nach verschärften Sicherheitsmaßnahmen in Bundesligastadien wieder laut. Was sagen Klub-Verantwortliche wie Wolfgang Holzhäuser und Fanvertreter dazu? Liga-Experten über neue Sicherheitsmaßnahmen

Die Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende im Berliner Olympiastadion haben dazu geführt, dass nun wieder verstärkt Konsequenzen hinsichtlich der Sicherheit im Stadion angemahnt werden. Doch wie schätzen Vorstandsmitglieder und Fanvertreter die Situation ein? Unser Expertengremium:

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Wolfgang Holzhäuser ist Geschäftsführer von Bayer Leverkusen und war langjähriger Präsident des Ligaverbandes. Er plädiert für Aufklärungsarbeit und eine Kampagne gegen Gewalt bzw. Pyro im Stadion, und bezweifelt, dass die Fanprojekte die gewaltbereiten Fans noch erreichen.

Oliver Scheel ist Vorstandsmitglied des Hamburger SV und vertritt die Interessen der »HSV Supporters«. Er kann die Forderung, Stehplätze in Stadien abzuschaffen, nicht nachvollziehen und ist überzeugt, dass die bestehenden Stadionverbotsrichtlinien richtig sind.

Klaus Lötzbeier sitzt im Vorstand der Frankfurter Eintracht und ist verantwortlich für die Zusammenarbeit mit den Fans. Seiner Meinung nach würden drastische Sicherheitsvorkehrungen die Situation eher verschlechtern: »Es ist wie in der Physik. Druck erzeugt Gegendruck.«

Volker Goll von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) bezeichnet die Anzahl an Forderungen als »Repressionsfetischismus«. »Würden diese Forderungen durchgesetzt«, sagt er, »dann wäre das ein riesiger Einschnitt für die Fußballkultur in Deutschland.«

Was sagen die Befragten zu ...

... den geforderten Konsequenzen wie die Abschaffung der 
Stehplätze ?

Holzhäuser: »Ich würde es für bedauerlich halten, wenn die Stehplatzkultur aufgrund derartiger Vorfälle vernichtet wird. Es ist nämlich im wahrsten Sinne des Wortes eine Kultur. Man sollte nun nicht alles verallgemeinern, etwa wie am vergangenen Wochenende ist jahrelang nichts vorgefallen.«

Scheel: »Die Abschaffung der Stehplätze wäre höchstgradig widersinnig. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Gewalt im Fußball und Stehplätzen. Auch diejenigen, die in Berlin aufs Feld gelaufen sind, kamen nicht aus einem Stehplatzbereich.«

Goll: »Hinter der Forderung nach einer Versitzplatzung der Stadien steckt doch eigentlich etwas anderes: Mit überteuerten Ticketpreisen soll das derzeitige lebendige wie bisweilen auch problematische Klientel aus den Stadien verdrängt werden! Ohne Stehplätze in den Stadien würden wir uns etwas zerstören, um das uns Fußballfans in vielen anderen Ländern beneiden. Am Ende wäre alles bloß noch ein Event ohne jegliches Flair.«

 ... den personalisierten Eintrittskarten?

Holzhäuser: »Ich halte dies generell für eine sinnige Lösung, da man die Verursacher von Straftaten dadurch dingfest und sie für die verhängten Strafen haftbar machen kann. Auch wenn dies die Vorkommnisse vom letzten Wochenende nicht verhindert hätte.«

Lötzbeier: »Personalisierte Tickets gibt es bei uns nicht. Man muss bei den aktuellen Forderungen auch aufpassen. Es ist wie in der Physik: Druck erzeugt Gegendruck. Deswegen darf man nicht vorschnell Maßnahmen gegen die Fans ergreifen.«

Goll: »Personalisierte Tickets einzuführen wäre Unsinn. Diese Maßnahme würde als  Schikane wahrgenommen, stellt es doch heutzutage in keinem Fußballstadion ein großes Problem dar, jemanden ausfindig zu machen, der straffällig wird.«  

... der Verantwortung der Vereine ?

Holzhäuser: »Die Vereinsverantwortlichen sollten sich nun zusammensetzen. Nicht die Politiker oder Gewerkschaftler, sondern die Verantwortlichen aus den Clubs. Man muss eine Kampagne starten, um den Leuten zu verdeutlichen, wie gefährlich diese Aktionen sind. Hier geht es darum, das Bewusstsein der Fans dahingehend zu schärfen, dass gewaltbereite Zuschauer ausgegrenzt werden müssen. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten.«

Scheel: »Es gibt Stadionverbotsrichtlinien der Vereine, die richtig sind und greifen. Dennoch sollte zunächst der Dialog im Vordergrund stehen, Aussperren ist nicht die ultimative Lösung.«

Lötzbeier: »Es ist wichtig, mit den Verantwortlichen der Ausschreitungen zu sprechen. Deren Motivation muss man herausfinden und zusammen mit den gemäßigten Fans auf diese Leute einwirken.«

Goll: »Insbesondere Vereine und Fans müssen im Gespräch bleiben. Auf Ultraseite muss es zu einer Klärung kommen, insbesondere was das Verhältnis zur Gewalt angeht. Die Polizei sollte ebenfalls bereit sein, ihre Einsätze selbstkritisch zu reflektieren – und dies nicht nur hinter verschlossenen Türen. Zudem muss die Fanprojektarbeit auf eine angemessene Basis gestellt werden. 90 Hauptamtliche in den bislang 47 Fanprojeken sind zu wenig.«

  ... den Pyrovorfällen in der jüngeren Vergangenheit ?

Holzhäuser: »Das ist eine ganz gefährliche Geschichte. Wir müssen dies auf Plakaten oder in TV-Spots klar machen. Auf den Autobahnen gibt es auch Plakate, die auf die Folgen von Raserei hinweisen. So etwas stelle ich mir auch im Hinblick auf die Pyrovorfälle vor. Ich halte es für verantwortungslos, wie manche Medien Bilder von Pyroaktionen verherrlichen und diese als Indikator für Stimmung ansehen.«

Scheel: »Auch hier sollte man den Dialog mit den Fans suchen. Die Protagonisten der Fanszene müssen für einen Selbstreinigungsprozess sorgen und dafür, dass Trittbrettfahrer von diesen Aktionen Abstand nehmen.«

Goll: »Das Markenzeichen der Ultra-Bewegung ist das inzwischen verbotene Abbrennen von bengalischen Feuern. Jahrelang war es fester Bestandteil in den Stadien, alle fanden es für die Atmosphäre toll. Dann kam vor etwa zehn Jahren das Verbot, das ohne jede Rücksprache mit der Fanbasis oder den Fanprojekten verhängt und durchgesetzt wurde.
Gerade in der illegalen Anwendung liegen besondere Gefahren, die es bei erlaubter und kontrollierter Anwendung nicht gäbe. Aber dieses Rad wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen.«

... der diskutierten Gewaltzunahme in Stadien ?

Holzhäuser: »Es gibt in meinen Augen keine Zunahme der Gewalt. Im Bereich des Ordnungsdienstes hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Auch die Fanprojekte machen eine großartige Arbeit. Doch ich bezweifle, dass sie die Zielgruppe, um die es jetzt geht, noch erreichen. Deshalb muss ein allgemeines Bewusstsein in der Fanszene geschaffen werden.«

Scheel: »Eine Gewaltzunahme im Fußball kann ich nicht feststellen. Man muss alles in Relation sehen; die absolute Mehrheit der Fans ist friedlich. Es geht nicht darum etwas schönzureden. Doch in der Nachbetrachtung der Ereignisse vom letzten Wochenende wurden Begriffe verwandt, die den Geschehnissen nicht angemessen sind. Da wurde unsachlich dramatisiert.«

Lötzbeier: »Die Fanszene ist nicht gewalttätig, es gibt nur einzelne gewaltbereite Leute, die die Fanszene unterwandern. Es gilt, diese frühzeitig herauszufiltern. Sämtliche Auseinandersetzungen in Fußballstadien sind auch immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Deshalb ist nicht nur der Fußball, sondern die Politik gefordert. Wir müssen verhindern, dass Kinder in die Gewaltszene abdriften.«      

Goll: »Derzeit spürt man einen Anstieg – oder ist es nur die erhöhte Aufmerksamkeit für diese Vorfälle? Vergleicht man die Situation mit den achtziger und dem Anfang der neunziger Jahren, stellt man fest, dass das wesentlich schlimmere Zeiten waren. Damals setzte man ausschließlich auf Repression. Prävention auch zu finanzieren wurde 1992 beschlossen, erst seitdem haben wir jedes Jahr neue Zuschauerrekorde – auch so kann man es mal sehen.«

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