24.03.2010

Liga-Experten über neue Sicherheitsmaßnahmen

»Druck erzeugt Gegendruck«

Nach den Ausschreitungen in Berlin werden die Forderungen nach verschärften Sicherheitsmaßnahmen in Bundesligastadien wieder laut. Was sagen Klub-Verantwortliche wie Wolfgang Holzhäuser und Fanvertreter dazu?

Interview: Lukas Föhres und Ron Ulrich Bild: Imago
Liga-Experten über neue Sicherheitsmaßnahmen
Die Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende im Berliner Olympiastadion haben dazu geführt, dass nun wieder verstärkt Konsequenzen hinsichtlich der Sicherheit im Stadion angemahnt werden. Doch wie schätzen Vorstandsmitglieder und Fanvertreter die Situation ein? Unser Expertengremium:



Wolfgang Holzhäuser ist Geschäftsführer von Bayer Leverkusen und war langjähriger Präsident des Ligaverbandes. Er plädiert für Aufklärungsarbeit und eine Kampagne gegen Gewalt bzw. Pyro im Stadion, und bezweifelt, dass die Fanprojekte die gewaltbereiten Fans noch erreichen.

Oliver Scheel ist Vorstandsmitglied des Hamburger SV und vertritt die Interessen der »HSV Supporters«. Er kann die Forderung, Stehplätze in Stadien abzuschaffen, nicht nachvollziehen und ist überzeugt, dass die bestehenden Stadionverbotsrichtlinien richtig sind.

Klaus Lötzbeier sitzt im Vorstand der Frankfurter Eintracht und ist verantwortlich für die Zusammenarbeit mit den Fans. Seiner Meinung nach würden drastische Sicherheitsvorkehrungen die Situation eher verschlechtern: »Es ist wie in der Physik. Druck erzeugt Gegendruck.«

Volker Goll von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) bezeichnet die Anzahl an Forderungen als »Repressionsfetischismus«. »Würden diese Forderungen durchgesetzt«, sagt er, »dann wäre das ein riesiger Einschnitt für die Fußballkultur in Deutschland.«

Was sagen die Befragten zu ...

... den geforderten Konsequenzen wie die Abschaffung der 
Stehplätze ?

Holzhäuser: »Ich würde es für bedauerlich halten, wenn die Stehplatzkultur aufgrund derartiger Vorfälle vernichtet wird. Es ist nämlich im wahrsten Sinne des Wortes eine Kultur. Man sollte nun nicht alles verallgemeinern, etwa wie am vergangenen Wochenende ist jahrelang nichts vorgefallen.«

Scheel: »Die Abschaffung der Stehplätze wäre höchstgradig widersinnig. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Gewalt im Fußball und Stehplätzen. Auch diejenigen, die in Berlin aufs Feld gelaufen sind, kamen nicht aus einem Stehplatzbereich.«

Goll: »Hinter der Forderung nach einer Versitzplatzung der Stadien steckt doch eigentlich etwas anderes: Mit überteuerten Ticketpreisen soll das derzeitige lebendige wie bisweilen auch problematische Klientel aus den Stadien verdrängt werden! Ohne Stehplätze in den Stadien würden wir uns etwas zerstören, um das uns Fußballfans in vielen anderen Ländern beneiden. Am Ende wäre alles bloß noch ein Event ohne jegliches Flair.«

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