22.02.2009

Leverkusens Headscout im Interview

»Wozu Messi beobachten?«

Norbert Ziegler ist »Headscout« bei Bayer Leverkusen. Er entdeckte unter anderem Kirsten, Emerson und Ze Roberto. Wir sprachen mit ihm über seine Methoden, den Charakter eines Fußballers und die Konkurrenz.

Interview: Milan Jaeger Bild: Imago
War die systematische Erfassung der DDR-Spieler die Motivation dafür, ein grundlegendes Scouting-Konzept zu erarbeiten?  

Ja, meine erste große Aufgabe war es, die Masse der DDR-Spieler im Vergleich zu unseren Spielern richtig einzuschätzen. Im Zuge dessen habe ich mein Scouting-Konzept entwickelt. Vorher war ich als Jugend-Scout tätig, bin ganz bescheiden meinen Weg gegangen, mit einer Lehre und Praktika. Rainer Calmund hat mir schließlich in dieser Sache sein Vertrauen geschenkt. Das war keine leichte Aufgabe.  

Wie haben Sie die Spieler konkret miteinander verglichen?  

Bis dahin hieß es immer: »Das ist ein Guter«, oder: »Das ist kein Schlechter«. Mir war aber klar, dass man Scouting so nicht betreiben kann. Man braucht klar definierte Aussagen und ein Bewertungssystem. Ich habe dann ein Rankingsystem geschaffen, indem ich den beobachteten Spielern Nummern von eins bis zehn gegeben habe.   

So simpel?  

Moment! Hinter jeder mathematischen Zahl muss auch eine klare Aussage stehen. »10« wäre absolute Weltklasse gewesen, »2,5« Regionalliganiveau. So habe ich dann Andreas Thom und Ulf Kirsten mit ihren westdeutschen Pendants Rudi Völler und Jürgen Klinsmann verglichen. Völler habe ich mit »9,5« bewertet, Klinsmann mit »8,0«, Kirsten mit »8,5« und Thom mit »7,5«. Völler war in meinen Augen Weltklasse, Kirsten und Klinsmann waren immerhin internationale Spitzenspieler und Thom ein Bundesliga-Spitzenspieler. In diesem Wertungssystem haben wir uns dann langsam vorgearbeitet. Vor allem wenn es um Millionenbeträge geht, ist eine Kategorisierung zentral. Kirsten und Thom haben jeweils etwa drei Millionen DM gekostet. Im Vergleich zu Völler und Klinsmann waren die beiden natürlich ein Schnäppchen, obwohl sie ähnlich gut waren. Das Bewertungssystem hat somit auch einen wirtschaftlichen Rahmen gesetzt.   

Was ist ihr Mindest-Ranking um einen Transfer vorzuschlagen?  

Es geht darum, was gerade gewünscht wird. Prinzipiell wollen wir immer einen Spieler mit Tendenz zum internationalen Spitzenspieler verpflichten. Aber es gibt auch spezielle Kadersituationen, die ein positionsbezogenes Handeln erfordern. Die Frage, welche Rolle der neue Spieler im Kader spielen soll, ist sehr wichtig. Man muss daher als Scout immer den Kontakt zur eigenen Mannschaft halten und diese alle paar Monate durchranken. Dann kann man strategisch vorgehen und alle gesichteten Spieler in einem einheitlichen Programm zusammenführen. Die Länderverantwortlichen geben mir ihre jeweils besten Spieler für eine bestimmte Position. Daraus erstellen wir eine Kandidatenliste. Mindestens ein Beobachter muss aber alle Kandidaten gesehen haben, um sie vergleichen zu können.  

Haben sich die Anforderungen in Leverkusen an neue Spieler verändert?  

Nein. Der Anspruch an neue Spieler ist immer, dass sie uns weiterbringen. Wenn ich eine Liste erstelle, kann es aber schon passieren, dass ein Transfer einer der genannten Spieler einfach nicht realisierbar ist. Ich habe immer im Auge, welcher Transfer auch wirklich machbar ist. Wozu wochenlang Messi beobachten, wenn ich doch weiß, dass er nicht realisierbar ist? Wir müssen immer neue Wege gehen und dort sichten, wo dies nicht jeder tut, um zuerst den Fuß in der Tür zu haben.  

Waren Sie auch der Erste, der in Brasilien einen Fuß in der Tür hatte?  

Aus der Bundesliga ja, aber die spanischen Klubs waren damals auch schon vor Ort. Als ich dort jemanden von Valencia kennenlernte entstand ein Kerngedanke meines Konzepts – die Langzeitbeobachtungen. Dazu muss man aber auch sagen, dass ich das anfangs nur nebenberuflich gemacht habe. Das war der Wahnsinn in den ersten Jahren. Ich habe damals bis Freitags noch in der Bayer AG gearbeitet und bin abends nach Brasilien geflogen. Dort habe ich mir Spiele angeschaut und war Montag wieder im Büro. Das haben wir geändert, weil man so keinen Markt erobern kann.   

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