08.06.2008

Leo Beenhakker im Interview

»Das ist mein wichtigstes Spiel«

Die Widerstände im Land waren massiv: Ein Holländer wird polnischer Nationaltrainer? Inzwischen ist Leo Beenhakker ein Held im Land. Und das Spiel am Sonntag gegen die Deutschen hat nicht bloß für ihn eine überragende Bedeutung.

Interview: Oliver Trust Bild: Imago
Herr Beenhakker, von Niederländern heißt es, sie hätten keine Vorhänge.

Ich habe Vorhänge, und wissen Sie warum?

Wir sind gespannt.

In meinem Beruf hat man immer viele Leute um sich herum, da muss man manchmal die Vorhänge schließen. Ich kann allein sein und bin gerne allein. Man kann in Ruhe nachdenken und seinen Gedanken vertrauen. Und manchmal muss man innerlich Vorhänge zu machen und sich aus dem Geschäft raus nehmen.



Und so richtig raus nehmen Sie sich in Ihrer Basis in Holland?

In diesem Beruf ist es immer besser, so etwas wie eine Basis zu haben, es kann manchmal schnell gehen. Meine Kinder leben in Holland, und ich habe dort ein paar persönliche Sachen.

Warum denken Sie eigentlich nicht ans Aufhören, Sie haben als Klubtrainer so viel erreicht?


Ich liebe das Leben, und ich liebe meine Arbeit. Es macht mir viel Freude, jungen Menschen zu helfen, sich zu verbessern, Karriere zu machen und ins Leben zu finden. Für mich ist die emotionale Seite meines Job sehr wichtig. Was das angeht, bin ich eher Südeuropäer oder Südamerikaner. Emotionen und die richtige Chemie mit den Leuten, das ist das Schönste an meinem Job.

Haben Sie deshalb in so vielen Ländern gearbeitet?


Das klingt vielleicht arrogant. Aber Holland ist klein, und irgendwann hat man alles gesehen. Fußball aber ist eine internationale Sache. Man kann ein paar kleine eigene Dinge einbringen und dafür die kleinen sozialen Unterschiede im normalen Leben kennen lernen.

Sie haben ziemlich viel eingebracht: Sie haben die polnische Nationalmannschaft zur EM geführt. Zum »Mann des Jahres« wurden Sie auch noch gewählt, sogar einen Orden haben Sie erhalten.


Wenn man mit einem Nationalteam Erfolg hat, hat das Einfluss auf das Leben im ganzen Land. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass sich in Polen etwas geändert hat. Das Selbstwertgefühl ist gestiegen.

Bedeutet das, dass ein ausländischer Trainer mehr ist als nur ein Fußballcoach?


Wir wollen mal keinen Diplomaten aus mir machen. Ein gestiegenes Selbstwertgefühl gab es auch bei der WM 2006 in Deutschland. Jeder hängt heute seinen individuellen Sorgen nach, und es gibt wenige Dinge, die alle Leute verbinden. Fußball ist so eine gemeinsame Sache.

Das Gefühl von Gemeinsamkeit hat allerdings bei den Fotos der polnischen Boulevardzeitung »Super Express« geendet. Viele Polen fanden es abstoßend, dass Sie auf einer Fotomontage die abgeschlagenen Köpfe von Michael Ballack und Bundestrainer Joachim Löw halten. Titelzeile: »Leo bring uns ihre Köpfe«. Es gab aber auch Polen, die empfinden das als zulässige Übertreibung, die man ertragen müsse.

Ich habe diese Bilder als absolut abstoßend empfunden. Ich habe mich auch im Namen der gesamten polnischen Nationalmannschaft entschuldigt, und ich habe den Eindruck, dass das, was ich gesagt habe, auch in Deutschland angekommen ist. Und ich kann Ihnen versichern, dass mindestens 95 Prozent der Polen so denken wie ich.

Der deutsche Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte: Millionen von Fans in beiden Ländern hätten Ihre Geste gewürdigt.

Ich kann mich da nur wiederholen. Ich schäme mich für diese Bilder.

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