Legende Henrik Larsson über Ronaldinho, Celtic und das Leben

»Dieser Schmerz wird immer bleiben«

Mit wehenden Dreadlocks eroberte er die Herzen der Fans, die Tritte seiner Verteidiger steckte er klaglos weg.

Martin Juul
Heft: #
152

Henrik Larsson, Sie sagten einmal: »Vor jedem Anpfiff denke ich: Gleich wird es weh tun!« Wie viel Schmerz mussten Sie während Ihrer Karriere ertragen?
Körperlicher Schmerz ist das eine, schlimmer war die psychische Belastung.

Sie meinen den Druck, immer zu funktionieren?
Verteidiger versuchen, dich mit allen Mitteln aus dem Konzept zu bringen. Wenn du auf ihr Spiel einsteigst, hast du verloren. Deswegen unterdrückte ich meine Gefühle. Wenn ich gefoult wurde, stand ich sofort auf und zeigte: »Ihr könnt mir nicht weh tun.« Diese Selbstkontrolle war das Schmerzhafteste überhaupt.

So hatten Sie den Ruf als Gentleman-Spieler. Kannten Sie keine dreckigen Tricks?
Sobald der Ball in der Nähe war, fand ich reichlich Wege, um Gegenspielern ihre Grenzen aufzuzeigen.

Berühmt wurden Sie auch durch Ihr Markenzeichen: die langen Dreadlocks. War diese Frisur nicht furchtbar unpraktisch?
Ich war jung und liebte meine Haare. Viele Gegenspieler trieb sie zur Weißglut. Die neunziger Jahre waren nicht die toleranteste Zeit im Fußball. Ich war ein gefundenes Fressen.

Sie jagten Sie wegen Ihrer Haare?
Sie ließen zumindest keine Gelegenheit aus, mich deswegen zu beschimpfen. Sie lachten, nannten mich einen Asozialen oder zogen an den Dreads.

Sie blieben trotzdem ruhig.
Ich hörte nicht hin und lächelte meine Gegner stattdessen freundlich an. Das machte sie noch wütender und brachte sie aus dem Konzept.

Wer war Ihr härtester Gegenspieler?
Craig Moore von den Glasgow Rangers. Er brüllte mich 90 Minuten an, trat mich über den Rasen und versuchte alles, um in meinen Kopf zu kommen. Doch eines muss man ihm lassen: Er hat nie gejammert, wenn er selbst was abgekriegt hat. Und ich habe ihn einige Male richtig hart erwischt.

Wo lernten Sie, sich zu wehren?
Mein Leben lang haben mir Leute gesagt, ich könne bestimmte Dinge nicht tun, weil ich klein und schmächtig sei. Niemand glaubte an mich, weil mein Vater nur ein Seemann von den Kapverden und meine Mutter eine Fabrikarbeiterin war. Ich musste mir immer Respekt verschaffen - auf dem Schulhof und auf dem Rasen. Ich lernte: Wenn du dich nicht wehrst, wirst du Freiwild.

Haben Sie beim Fußball Dinge kompensiert, die Sie im echten Leben erleiden mussten?
Ich habe Dinge erlebt, auf die ich gerne verzichtet hätte: Rassismus, Beleidigungen, Schicksalsschläge. Aber das gehört zum Leben. Ich habe nicht gegen eine große Wut angespielt, sondern für meinen Traum.

Colin Hendry, einst baumlanger Innenverteidiger der Rangers, sagte einmal: »Wenn ich gegen Larsson spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos.«
Wirklich? Gibt es ein schöneres Kompliment für einen Celtic-Spieler? (Lacht.)

Im Spiel waren Sie der entschlossene Schweiger, privat gelten Sie als Spaßvogel. Wie viele Rollen mussten Sie als Fußballer eigentlich spielen?
Zwei, neben meiner Rolle als Spieler war ich auch noch eine Medienperson. Als Fußballer will jeder etwas von dir. Diese extreme Form der Aufmerksamkeit muss man aber richtig einschätzen, um nicht überheblich zu werden.

Fehlt vielen Profis diese Demut?
Ein Beispiel: Anfang 2000 war ich für ein paar Tage in New York. Weil ich es gewohnt war, dass ich auf Autogramme angesprochen werde, setzte ich eine Cap und eine Sonnenbrille auf. Aber mich erkannte kein Mensch! Ich verstand, dass meine Verkleidung ziemlich albern war, und erlebte etwas, das mir fremd geworden war: Freiheit.

Erstaunlich, dass Sie niemand erkannte, immerhin ging Ihr Stern bei der WM 1994 in den USA endgültig auf, als Sie mit der schwedischen Nationalmannschaft sensationell Dritter wurden. Im Viertelfinale gegen Rumänien erzielten Sie ihr erstes Tor.
Im Elfmeterschießen gab es nach fünf Schützen noch keine Entscheidung und Trainer Tommy Svensson sagte zu mir: »Du bist der Nächste!« Ich war damals 22 und zitterte am ganzen Körper. Ich wollte nicht derjenige sein, der unseren WM-Traum beendet. Patrik Andersson hatte wohl erkannt, wie unruhig ich war. Er reichte mir eine kleine Metalldose und sagte: »Nimm etwas davon.«

Was war da drin?
Kautabak. Das Zeug ließ mich runterkommen. (Lacht.) Ich traf, und wir erreichten das WM-Halbfinale.

Seite 2: Henrik Larsson über weinende Fans und den nervösen Ronaldinho

Im Jahr 1997 wechselten Sie von Feyenoord Rotterdam zu Celtic Glasgow. Ihr wichtigster Transfer?
Ich suchte ein neues Abenteuer. Celtic war ein mystischer Klub, das faszinierte mich.

Können Sie in Worte fassen, welche Bedeutung der Verein für seine Fans hat?
In meinem ersten Jahr hätten die Rangers zum zehnten Mal in Folge Meister werden können. Am vorletzten Spieltag hatten wir die Chance, ihnen diesen historischen Titel zu entreißen und selbst Meister zu werden. Doch wir spielten nur Unentschieden, das Titelrennen war wieder offen. Nach dem Spiel fiel mir ein alter Mann in die Arme und weinte. Er sagte immer wieder: »Ihr müsst diesen Scheißtitel für uns holen.« Ich begriff, dass man nicht nur für sich und seine Mannschaft spielt, sondern für die Menschen, die für diesen Verein leben. Eine Woche später holten wir den Titel.

Bei Celtic erzielten Sie 174 Tore in 221 Spielen. Die Fans nennen Sie den »König der Könige«. Wann bekamen Sie mit, dass die Fans Sie in ihr Herz geschlossen hatten?
Ich habe das am Anfang nicht wahrgenommen. Eines Tages rief mich mein älterer Bruder an und erzählte, dass er ein Kind im Celtic-Trikot gesehen habe. Auf dem Rücken trug es meine Nummer. Die Sieben. Darüber stand: »God«!



Hat Sie die Liebe der Fans unter Druck gesetzt?
Für mich war es befremdlich, dass Menschen sich Poster von mir aufhängen oder mein Trikot tragen. Dafür bin ich nicht Profi geworden. Ich wollte nur auf dem höchstmöglichen Level Fußball spielen. Heute schmeichelt mir diese Verehrung natürlich. Ich bin glücklich, dass ich anderen so viel Freude machen konnte.

Haben Sie sich mal gefragt, warum die Fans gerade Sie als »König« auserkoren hatten?
Meine Tore waren sicher ein Grund. Der Gedanke, dass das Kollektiv über dem Einzelnen steht, war Teil der schwedischen Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe ihn auf mein Spiel übertragen. Auch wenn ich talentierter war als andere, habe ich Drecksarbeit verrichtet. So etwas erkennen Fans sofort. Außerdem lebte ich nach dem Motto: Sei ehrlich. Bevor du lügst, halt lieber die Klappe!

Mit Celtic spielten Sie regelmäßig im Europapokal und wurden Stammspieler in der schwedischen Nationalmannschaft. Sie waren endlich auf der großen Bühne angekommen.
Ich fand meine innere Ruhe und spürte, wie mein Selbstbewusstsein wuchs. Bis dahin hatte ich mich oft gefragt: »Bin ich überhaupt gut genug, um Profi zu werden?« Jetzt wusste ich: »Bin ich fit, führt kein Weg an mir vorbei.« Befreit von Selbstzweifeln, konnte ich mich auch auf dem Feld frei entfalten. Davon hatte ich immer geträumt.

Ein Selbstverständnis, das an Ihren Landsmann Zlatan Ibrahimovic erinnert.
Sein Ego wäre wertlos, wenn er nicht diese unglaublichen Fähigkeiten hätte. Begabung kann man eben nicht vortäuschen. Er steht aber auch für einen Wandel in unserer Gesellschaft. Zu meiner Zeit stand die Mannschaft über dem Einzelnen, heute regieren die Individualisten. Aber ohne Mannschaft ist jeder chancenlos – im Fußball wie im Leben.

Haben Sie je einen selbstbewussteren Spieler kennengelernt als Ibrahimovic?
Martin Dahlin. An ihm perlte jede Kritik ab. Wenn er sein Trikot überzog, sagte er immer: »Heute werde ich sowieso treffen.« Er behielt sehr oft recht.

Sie haben mit zahlreichen Weltstars zusammengespielt. Wer war der beste?
Ronaldinho. Er sah Lücken, wo andere längst aufgegeben hätten. Wenn er den Ball am Fuß hatte, war er der glücklichste Mensch. In jedem Training. 98 Prozent der Tage strahlte er, und das ist noch untertrieben. Wenn er morgens in die Kabine kam, warst du automatisch auch gut gelaunt.

Haben Sie ihn näher kennengelernt?
Als wir uns an meinem ersten Tag beim FC Barcelona trafen, war er sehr aufgeregt und erzählte, wie er mich bei der WM 1994 bewundert hatte. Seine Augen leuchteten. Ich dachte, er veralbert mich, aber er sagte: »Du bist mein Vorbild, Henke!« Fortan nannte er mich »Idolo«, also Idol. Ist das nicht bizarr?

Seite 3: Henrik Larsson über die Party seines Lebens und seine schwärzeste Stunde

Gemeinsam gewannen Sie im Jahr 2006 mit dem FC Barcelona die Champions League. Im Finale gegen den FC Arsenal wurden Sie erst in der 61. Minute beim Stand von 0:1 eingewechselt. 15 Minuten später bereiteten sie das 1:1 von Samuel Eto'o vor. Dann kam Ihr großer Auftritt.
Neun Minuten vor dem Abpfiff sah ich, wie Juliano Belleti in den Strafraum startete, und spielte ihn an. Er erzielte das 2:1 und schrie in den Abendhimmel: »Oh, mein Gott! Oh, mein Gott!« Die ganze Mannschaft stürzte auf ihn, alle Dämme brachen, Eto'o weinte vor Freude. Wir waren die Könige von Europa.



Nach dem Abpfiff sah man Sie alleine vor den Barça-Fans jubeln.
Das war purer Zufall. Ich dachte, dass meine Mitspieler mit mir zu den Fans laufen würden. Als ich mich umdrehte, war ich allein - die anderen waren schon bei der Siegerehrung.

Wussten die Barça-Stars etwa nicht, wie man feiert?
Die Party danach war die beste meines Lebens - und die erste, auf der ich komplett nüchtern blieb. Meine Frau war da, dazu mein großer Bruder, meine besten Freunde. Ich hatte mir geschworen, dass ich jeden Moment dieses Abends aufsaugen werde.

Der beste Moment des Abends?
Meine Frau und ich verließen als Letzte die Party-Location. Draußen war es bereits hell, und der Türsteher bot an, uns in seinem Van zum Hotel zu fahren. Wir saßen zwischen leeren Flaschen und Farbeimern und fuhren durch Paris. Meine Frau fing an zu singen: »Campeones, Campeones, Olé, Olé, Olé«. Am Hotel angekommen, sang sie einfach weiter und beschallte den ganzen Innenhof: »Campeones, Campeones«. Plötzlich öffnete sich ein Fenster, Thiago Motta streckte den Pokal raus und stimmte ein: »Olé, Olé, Olé«. Dann kamen Mark van Bommel, Giovanni van Bronckhorst und Deco an ihre Fenster. Alle sangen mit. Vielleicht der schönste Moment meiner Laufbahn.

Schöner als jeder Torerfolg?
Kennen Sie das Gefühl, wenn man als Kind seine Geburtstagsgeschenke auspacken darf?

Man ist aufgeregt.
Kurz bevor ich ein Tor erzielte, spürte ich diese kindliche Aufregung. Ein Wahnsinnsgefühl. Nur einmal konnte ich mich nicht freuen.

Lassen Sie uns raten: Nur knapp 100 Tage nachdem Sie Celtic im Jahr 2004 in Richtung Barcelona verlassen hatten, erzielten Sie in der Champions League für den FC Barcelona ein Tor gegen Celtic.
Sieben Jahre lang haben sie im Celtic Park nach jedem Tor von mir die Titelmelodie von »Die Glorreichen Sieben« gespielt. Dieses Mal war es totenstill, manche Zuschauer pfiffen sogar. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken.

Dabei hatten Sie nur Ihren Job gemacht.
Ich verdanke Celtic alles. Der Klub hat mein Haus bezahlt, mich finanziell unabhängig gemacht und zu dem Menschen werden lassen, der ich heute bin. Ich habe die Celtic-Fans geliebt! Und an diesem Abend stach ich ihnen mit meinem Tor mitten ins Herz. Aber ich war in diesem Moment nun mal Spieler des FC Barcelona.

Henrik Larsson, Sie haben nahezu alle großen Titel in Europa gewonnen und bei den größten Klubs gespielt. Was war die dunkelste Stunde in Ihrer Karriere?
Der 6. Juni 2009. Nach einem Länderspiel gegen Dänemark saß ich in der Kabine. Ein Betreuer gab mir mein Handy und sagte, ich solle sofort meine Frau anrufen. Ich antwortete, dass ich erst noch duschen wolle. Er sagte nur: »Es ist ernst!« Mein erster Gedanke war, dass unseren Kindern etwas passiert sei.

An diesem Tag starb Ihr jüngerer Bruder im Alter von nur 35 Jahren.
Er war seit Jahren drogenabhängig. Wir wussten, dass dieser Tag kommen würde. Ich habe mit ansehen müssen, wie er zugrunde ging, und konnte nichts tun. Ich, der Fußballstar, der in ganz Europa gefeiert wurde, der sich unbesiegbar fühlte, war hilflos. Ich hatte alles, er lebte in der Hölle. In diesen Momenten begriff ich, dass Fußball, mein Lebensinhalt, unwichtig ist. Ich beschloss, meine Karriere zu beenden.

In der Folge kritisierten Sie die schwedischen Medien für ihr Verhalten.
Sie verdienten Geld mit unserem Leid. Das hat mich angewidert. Journalisten verlangten immer von mir, dass ich mich professionell verhalte, weil ich ein Vorbild für viele sei. Doch in dieser Situation haben sie ihre Maske fallen lassen. Was war mit ihrer eigenen Vorbildfunktion?

Was hat Sie am meisten schockiert?
Die Abendzeitungen titelten bereits »Larssons Bruder tot aufgefunden«, als ich noch auf dem Platz stand. Das ganze Land wusste also Bescheid, bevor ich es erfuhr. Journalisten belagerten unser Haus, lauerten meinen Eltern auf und versuchten mit allen Mitteln, an Informationen zu kommen. Ich hätte das ausgehalten, aber meine Familie war ihnen schutzlos ausgeliefert. Das werde ich manchen Menschen niemals verzeihen.

Welches Verhältnis hatten Sie vor seinem Tod zu Ihrem Bruder?
Ich habe jeden Tag an ihn gedacht und tue es noch heute. Die Ungewissheit - Wie geht es ihm? Wo ist er gerade? - hat mich aufgefressen. Doch kein Arzt und kein Geld der Welt konnten seine Dämonen vertreiben. Er hat sogar seinen Namen gewechselt, um mich vor seinem Leben zu schützen.

Wie klein wird die Karriere, wenn man das erlebt hat?
Ich habe gesehen, wie meine Eltern um zehn Jahre alterten, als sie ihren Sohn zu Grabe trugen. Ich würde jeden Titel, jedes verdammte Tor und jeden Tag meiner Karriere eintauschen, wenn mein Bruder gesund unter uns weilen würde. Aber das geht nicht. Dieser Schmerz wird immer bleiben.

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