01.06.2012

Legende Carlos Alberto über Lahm, Grillwurst und das perfekte Tor

»Was ist nur mit den Deutschen los?«

Carlos Alberto Torres war bei Brasiliens WM-Gewinn 1970 Kapitän der Selecao und gilt als einer der besten Verteidiger aller Zeiten. Mit ihm sprachen wir über das perfekte Spiel, Barbecue während der EM und Philipp Lahm.  

Interview: Sebastian Knoth Bild: Imago

In der Amsterdam Arena, der Heimat von Ajax Amsterdam, wurde am vergangenen Freitag das Brazilian Football Café eingeweiht, die erste VIP-Loge, die speziell einer Fußballnation gewidmet ist. Carlos Alberto Torres (67), Kapitän der legendären brasilianischen Nationalmannschaft der WM 1970, nahm als Repräsentant einer brasilianischen Delegation an dieser Feier teil und stellte sich danach unseren Fragen.

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Carlos Alberto Torres, Sie führten die brasilianische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1970 als Kapitän mit Traumfußball zum Titel. Ihr Finaltreffer zum 4:1 gegen Italien wurde Jahre später sogar zum »perfekten Tor« gewählt. Wie wichtig ist Ihnen dieser inoffizielle Titel überhaupt?
Natürlich ehrt mich diese Auszeichnung. Ob der Treffer allerdings perfekt ist, weiß ich nicht. Was ist schon Perfektion? Ein guter Pass? Eine gute Idee? Ein feines Dribbling? Darüber kann man lange diskutieren. Vor allem freut es mich, dass man sich nach über 40 Jahren noch gerne an diesen Treffer erinnert. Und wenn unsere Fans und unsere Kritiker dieses Tor gemeinsam für eines der schönsten in der Fußballgeschichte halten, bin ich einfach geschmeichelt.

Bei der WM 1970 galt die Selecao als Gralshüter des schönen Fußballs. Welche Mannschaft sehen Sie heute als ihre Nachfolger?

Der Fußball hat sich gewandelt. Früher konnte man ein Spiel als Zuschauer anders genießen, es floss dahin wie ein langsamer Fluss. Heute hingegen ist jedes Spiel wie ein reißender Strom. Sehr hektisch, sehr kraftvoll, geradezu mitreißend. Und in diesem Kosmos gibt der FC Barcelona das Tempo vor. Diese Mannschaft hat in den letzten Jahren überirdisch schön gespielt. Aber auch ihre Spielweise hat sich im Laufe der Zeit mehr und mehr verschlissen. Chelsea hat ihnen gezeigt, dass auch sie sich endlich weiterentwickeln müssen. Wer hätte das gedacht? Ich bin mir aber sicher, dass diese Mannschaft passend reagieren wird und über Jahre weiter als Vorbild dient. Aber jetzt habe ich auch einmal eine Frage an Sie?

Nur zu.

Was ist nur mit den Deutschen los?

Was meinen Sie?

Zu meiner Zeit war Deutschland vor allem für seine Kampfkraft und Disziplin bekannt. Schön spielte damals nur Franz Beckenbauer. Er hätte sogar problemlos in die Selecao gepasst. Die restlichen deutschen Spieler waren Maschinen. Und heute? Ich traue es mich ja kaum zu sagen, aber: Deutschland spielt richtig schön.

Was bringt Sie so zum Schwärmen?

Die vielen jungen und talentierten Spieler haben frischen Wind in die Mannschaft gebracht und den deutschen Fußball stark verbessert. In Brasilien fragen wir uns manchmal: Wo kommen diese Jungs plötzlich alle her? Özil, Götze, Kroos, Khedira – vor Monaten kannte sie kein Mensch und heute rauben sie einem beim Zuschauen fast den Atem.

Haben Sie die neue, deutsche Fußballkunst schon live bewundern dürfen?

In diesem Jahr habe ich leider noch keines der deutschen Spiele im Stadion gesehen, aber die Fernsehübertragungen ihrer Spiele sind für mich Pflichttermine.

Welcher Spieler der derzeitigen Mannschaft imponiert Ihnen am meisten?

Ganz klar: Thomas Müller. Bei der WM 2010 in Südafrika kam er aus dem Nichts und hat gezeigt, dass aus ihm ein ganz großer Spieler werden kann. Ich bin gespannt, wie er die bittere Niederlage im Champions-League-Finale verkraftet hat. Diese Spiele können dich zu einem großen Spieler machen. Ich traue ihm das zu. Und dann ist da natürlich Philipp Lahm.

Sie gehören zu den besten Außenverteidigern aller Zeiten. Kann Philipp Lahm auch in diesen exklusiven Klub aufsteigen?

Philipp Lahm hat überragende Qualitäten. Er ist zwar körperlich unscheinbar, aber trotzdem souverän. Für mich ist er ein echter Leader. Er wäre in jeder Mannschaft der Welt gesetzt. Deswegen würde ich ihm raten, endlich auch Erfahrungen im Ausland zu suchen. Das fehlt ihm. Für mich kommen die besten Außenverteidiger seit Jahren aus Brasilien. Denken Sie an Cafu oder Roberto Carlos! Sie hatten das Besondere, den Mut und die Explosivität, die man auf dieser Position braucht. Manchmal ist mir Philipp Lahm einfach zu zurückhaltend.

Er macht kaum Fehler. Vielleicht ist er eine Maschine?
Oh nein, Philipp Lahm ist keine Maschine. Weber, Schulz, Höttges – das waren Maschinen. Philipp Lahm ist ein Künstler, er müsste nur wagen, uns mehr von seiner Kunst zu zeigen.

Wer ist dann derzeit die Nummer eins auf der defensiven Außenbahn?

Momentan liefern sich Maicon und Dani Alves ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Pole Position. Maicon überzeugt in der Seleção und scheint bei Trainer Mano Menezes gesetzt, da Dani Alves leider seine guten Auftritte im Trikot des FC Barcelona nur selten bei der Nationalmannschaft zeigt.

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