Lars Ricken über das Spiel seines Lebens

»Schieß - von wo auch immer«

Mit dem Tor des Jahres 1997 schoss Lars Ricken Borussia Dortmund zum Champions League-Gewinn gegen Juventus Turin. Ein Gespräch über Peruzzis permanente Flucht aus dem Gehäuse und den geplanten 30-Meter-Heber.

Lars Ricken über das Spiel seines Lebens

Lars Ricken, Sie werden regelmäßig mit dem Champions League-Finale gegen Juventus Turin konfrontiert. Gibt es bei solchen Anfragen bestimmte Fragen, die Sie besonders stören?
Das würde ich nicht sagen. Aber es ist ganz interessant, dass ich immer wieder gefragt werde, wie oft ich mir das Tor zum 3:1 angeschaut habe. Anscheinend sind manche Menschen der Meinung, dass ich mir das Tor nachts ansehe, damit ich besser schlafen kann.

Wie ist es mit Fragen zur konkreten Spielsituation vor dem Tor?
Ich werde häufig gefragt, wie oft ich die Geschichte dieses Tores schon erzählen musste. Dabei ist es doch so, dass jeder die Geschichte des Tores gesehen hat. Daher ist es meistens genau umgekehrt: Ich muss nicht meine Geschichte erzählen, sondern die Leute erzählen mir, wie sie das Tor erlebt haben.

Ist Ihnen eine der Geschichten besonders in Erinnerung geblieben?
Ein Fan hat mir erzählt, wie sehr er mich für meinen Schuss verflucht hat. »So ein Idiot, wie kann der aus dieser Situation aufs Tor schießen«, hat er gewütet und sich abwinkend weggedreht. Wenige Sekunden später brach der Jubel los und seine Freunde und er lagen quer übereinander. Das ist für mich die größtmögliche Bestätigung: Mit einem Tor habe ich den Menschen einen unvergesslichen Augenblick beschert.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie vor ihrem Tor von der Bank aus beobachtet haben, dass Peruzzi oft zu weit vor seinem Kasten stand. Das heißt, Sie hatten diesen 30-Meter-Heber von der Bank aus geplant?
Vor der Halbzeit gab es eine Situation, in der er sich rund 30 Meter von seinem Gehäuse entfernt hatte. Als ich das von der Bank aus sah, habe ich gesagt, dass ich den Ball bei meinem ersten Ballkontakt blind draufhaue.

Ganz so blind geschossen sah der Heber später nicht aus.
Andreas Möller hatte mich ein paar Sekunden nach meiner Einwechslung so frei gespielt, dass ich nicht mehr blind draufhauen musste. In dieser Situation war der Distanzschuss die beste Variante. Aber ich hatte schon die ganze Zeit im Hinterkopf: Schieß – von wo auch immer.



So einen Heber im Champions Legaue-Finale hätte sich nicht jeder 20-jährige zugetraut. Woher haben Sie das Selbstbewusstsein genommen?
Mein Ruf, ein Mann für die wichtigen Tore zu sein, kam ja nicht von ungefähr. Ich habe mir diesen Ruf mit erarbeitet. Da es damals noch das Golden Goal gab, hat Jürgen Kohler vor dem Spiel gesagt: »Wenn jemand das Tor schießt, ist es Lars.« Letztlich hatte ich ein gewisses Selbstverständnis und wusste, dass ich in bedeutenden Spielen immer da bin.

Dennoch hat Sie Ottmar Hitzfeld im Finale zunächst auf der Bank sitzen lassen. Teilte er Ihnen diese Entscheidung in einem persönlichen Gespräch mit?

Er hat mich einen Abend vorher angerufen und es mir gesagt. Ich war natürlich schon enttäuscht, weil ich die entscheidenden Tore gegen Auxerre und Manchester geschossen hatte. Und es ging schließlich um die Möglichkeit, Vereins- und Europapokalgeschichte zu schreiben.

Was war der Grund für Ihre Nichtberücksichtung?
Unser Team war gespickt mit Nationalspielern. Da alle fit waren, habe ich schon vorher geahnt, dass ich auf der Bank sitzen muss. Aber nach einem sehr guten Gespräch mit Ottmar Hitzfeld wusste ich, dass ich nah an der Mannschaft bin und zu meiner Chance kommen würde.

Juventus Turin galt als die spielstärkste Mannschaft der Welt. Haben Sie sich auf der Bank Sorgen gemacht, dass der BVB untergeht, bevor Sie eingewechselt werden?
In dem Spiel ging es nicht um mich, sondern darum, dass die Mannschaft gewinnt. Natürlich war Juventus Turin ein tolles Team – als Titelverteidiger waren sie klarer Favorit. Aber man konnte dem Spiel der Italiener ansehen, dass sie sich schon als sicherer Sieger fühlten, was wir dann mit unserem zugegebenermaßen glücklichen Führungstreffer konterkarierten.

Gleich darauf köpfte Riedle das 2:0. Wie haben Sie diese Szene von der Bank aus erlebt?
Wir haben uns auf der Bank ungläubig angeschaut. Einerseits war diese Führung für uns unfassbar, andererseits sind unsere Hoffnungen gewachsen, das Spiel tatsächlich gewinnen zu können. Wir haben auf der Bank alle mitgefiebert, aber niemand hat ausgesprochen, was diese Führung in letzter Konsequenz bedeuten könnte.

Hat es für Sie eine besondere Rolle gespielt, dass Sie den Titel im Stadion Ihres Hauptrivalen im Kampf um die Meisterschaft gewonnen haben?
Es ist schon etwas Besonderes, in der Münchener Kabine den Champions League-Sieg zu feiern. Ich habe in der Meisterschaft während meiner ganzen Karriere nicht in München gewonnen. Gleichzeitig habe ich aber in diesem Stadion meine größten Erfolge gefeiert. Das war die Deutsche Meisterschaft 1996 und der Gewinn der Champions League 1997.

Einen Tag nach dem Finalsieg wartete der Empfang in Dortmund auf Sie. Können Sie sich an einen bestimmten Moment besonders gut erinnern?
Wir sind in einem offenen Bus durch ganz Dortmund gefahren. Es war ein Meer in schwarz-gelb. Mir haben am Borsigplatz sogar Fans ihre Kinder entgegenhalten, damit ich sie kurz berühre. In diesem Moment ist mir bewusst geworden, was diese Erfolge für die Fans von Borussia Dortmund bedeuten.

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