Lars Leese über sein Praktikum beim FC Valencia

»Das würde hier keiner mitmachen«

Lars Leese stieg einst vom Kreisligatorwart in die Premier League auf. Heute arbeitet er als Trainer und machte vor kurzem ein Praktikum beim FC Valenica. Ein Gespräch über Plastikfiguren, ungeliebte Trainer und Bratwurst. Lars Leese über sein Praktikum beim FC Valencia

Lars Leese, wie kommt ein deutscher Oberliga-Coach als Trainer-Praktikant zum FC Valencia?

Lars Leese: Mit dem Flugzeug.

Da waren Sie aber erst am Flughafen Valencia, noch nicht beim Dritten der spanischen Liga.

Lars Leese: Als Trainer der Oberliga-Elf von Bergisch Gladbach hatte ich einmal einen spanischen Stürmer, Juan Monar. Er ist nun Assistenztrainer bei einem Drittligisten nahe Valencia und war meine Eintrittskarte zum einwöchigen Trainingsstudium beim FC Valencia.

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Sie haben mit 42 Jahren als Jungtrainer bislang nur Bergisch Gladbach trainiert, dort im Sommer sogar freiwillig aufgehört – normal ist es nicht, dass Trainer von Erkenschwick oder Eschborn beim FC Valencia aufkreuzen, oder?

Lars Leese: Ich habe einfach das Gefühl: Trainer sein, das ist das Größte. Deshalb betreibe ich meinen Traum, einmal ein Profiteam zu trainieren, mit einem Enthusiasmus und Engagement, der eventuell leicht überproportional anmutet, wenn man sieht: Aber der war bislang nur in der Oberliga! Doch für gewöhnliche Profispieler wie mich ist es das normale Los, als Trainer so weit unten anzufangen. Du musst dich hocharbeiten, hundertmal beweisen, dass du als Trainer besser bist als du als Torwart warst.

Beim FC Barcelona waren Sie auch schon.

Lars Leese: Da stand ich dann eine Woche neben dem anderen Trainer-Praktikanten: Claudio Ranieri. Er war gerade bei Chelsea entlassen worden. Ich war mit Bergisch Gladbach gerade von der sechsten in die fünfte Liga aufgestiegen.

Sie haben sich sicher gut verstanden. Was aber lernt ein Trainer bei solchen Praktika? Wird in Valencia wirklich anders trainiert als in der Bundesliga?

Lars Leese: Ich glaube, so wie in Valencia könnte man in Deutschland gar nicht trainieren. Das würden die Spieler nicht mitmachen. Der Trainer dort, Unai Emery, trainiert unglaublich akribisch Taktik. Mehrmals die Woche wiederholen die Spieler anderthalb Stunden lang dieselben Spielzüge, nur mit Plastikfiguren als Gegner. Und alle fünf Sekunden ein Pfiff oder ein Schrei vom Trainer: Stopp! Dann wird ein Spieler einen halben Meter verschoben.

Und dabei heißt es immer, die spanische Schule, das sei das totale Ballspiel.

Lars Leese: Bei Barça und Villarreal wird sehr viel mit Spielen auf kleinen Feldern trainiert, und weil Barça so erfolgreich ist, gilt es als stilbildend für Spanien. Valencia aber ist etwas ganz anderes: Die sind oft eine Stunde im Kraftraum, bevor sie anderthalb Stunden auf den Platz dürfen.

Valencia spielt auch anders als das, was man als spanischen Fußball bezeichnet?

Lars Leese: Valenica ist zwar technisch stark, aber es lässt den Ball nicht ewig zirkulieren wie Barça, sondern macht, was die meisten von Bayern bis Usbekistan tun: bei Ballbesitz sofort nach vorne stechen. Wenige spielen dabei so schnell, so vertikal wie Valencia. Das einzige, was an Barça erinnert, sind die extrem aufrückenden Außenverteidiger. Wird der Ball aus der eigenen Abwehr gespielt, stehen die schon in Gegners Hälfte, fünf Meter an ihrem eigenen Außenstürmer. Der defensive Mittelfeldspieler spielt den Außenstürmer an, und in seinem Rücken zieht der Außenverteidiger los, hinter die gegnerische Abwehr.

Moment, nicht so schnell, Sie reden ja mit uns schon wie mit Ranieri.

Lars Leese: Entschuldigung. Es ist auf jeden Fall eine Elf auf dem Niveau von Leverkusen. In Roberto Soldado haben sie einen Stürmer, der jedem Gegner richtig weh tut.

Kurioserweise ist Trainer Emery trotz des Erfolgs bei Valencias Fans unbeliebt.

Lars Leese: Das war wirklich komisch, überall in der Stadt hörte ich: »Ach, der Trainer.« Das zeigt, wie anderes der Blick von Fans und Trainern ist. Emery wechselt zum Beispiel an jeden Spieltag die Aufstellung, weil er die Taktik auf jeden Gegner neu zuschneidet. Das ist ein Grund für Valencias Erfolg. Aber die Fans sagen: Letzte Woche war Pablo Hernández so super, wie kann Emery ihn heute draußen lassen, der spinnt! Ich hatte da ein bizarres Erlebnis.

Erzählen Sie.

Lars Leese: Beim Spiel gegen Racing Santander ging Emery neben Racings Trainer Héctor Cúper ins Stadion. Cúper hatte vor zehn Jahren Valencia mit ziemlich defensivem Fußball zweimal ins Champions-League-Finale gebracht. Und die Fans von Valencia spendeten Cúper, nun Trainer des Gegners, stehend Applaus, während sie den Trainer, der sie trotz all der Schulden, trotz all der Starverkäufe in der Spitze hält, ignorierten.

Sie selbst erleben gerade auch ein Kuriosum: Sie sind für einen Oberliga-Trainer unglaublich kompetent, mit Fußball-Lehrer-Lizenz, Trainingsstudien bei Champions-League-Teams – aber haben keinen Verein.

Lars Leese: Ich war sechs Jahre in Bergisch Gladbach und hätte noch hundert Jahre bleiben können. Aber im Sommer habe ich gekündigt, weil ich jetzt einfach mal herausfinden will, wie weit ich als Trainer kommen kann. Ich will ehrlich sein: Ich war mir sicher, ich würde einen Regionalligisten oder ein Bundesliga-Reserveteam finden. War leider nicht so. Man muss aber auch sehen: Heute gehen selbst in der vierten, fünften Liga für eine Trainerstelle gerne mal 30 bis 50 qualifizierte Bewerbungen ein.

So bleibt Ihnen bis zum nächsten Ruf nur die Fortbildung?

Lars Leese: Ich bin ständig bei Bundesligisten beim Training, jedes Wochenende schaue ich drei Regional- und Oberliga-Spiele und esse dort viel Bratwurst – an der Bude werden die Kontakte gepflegt. Aber ein Ersatz ist das natürlich nicht. Oft sitze ich zuhause und tüftle Spielzüge oder Eckballvarianten aus. Da geht es dann darum, ob ich einen Spieler einen Meter weiter rechts positioniere. Darüber kann ich dann stundenlang nachdenken.

Viele Leute finden, Sie hatten die tollste Karriere als Torwart, als Traumhüter, von der Kreisliga Westerwald zum Premier-League-Helden des FC Barnsley beim Sieg in Liverpool. Was soll am Trainerjob toller sein?

Lars Leese: Trainer zu sein, ist eine höhere Stufe. Du bist für tausend Details verantwortlich, und wenn dann am Samstag ein Gesamtwerk daraus wird, das gibt dir den Kick.

Lesen wir irgendwann vom Traumtrainer?

Lars Leese: An Stoff mangelt es mir nicht. Nur am traumhaften Aufstieg muss ich noch ein bisschen arbeiten.

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