20.04.2008

Lars Leese im Interview

»Lehmann ist Löws Co-Trainer«

Lars Leese war der »Traumhüter« und wechselte von einer Kneipen-Riege in die Premier League. Hier erzählt er von der Lehmann-Legitimation, Alex Fergusons Erbe und verrät, warum es keine guten Torhüter in England gibt.

Interview: Alex Raack Bild: Imago
Ist es das, was man vom so genannten modernen Torhüter verlangt, eine Art Co-Trainer-Dasein auf dem Platz?

Auf jeden Fall. Ich meine, das ist die Lehmann-Legitimation. Wenn der Bundestrainer gefragt wird, warum ausgerechnet Jens Lehmann seine Nummer Eins ist, dann wird damit argumentiert, dass er ein mitspielender Torwart ist, einer, der die Abwehr gut stellen kann. Eben ein Torhüter mit moderner Prägung, wie es so schön heißt. Das war auch die Legitimation für den Bundestrainer, vor der WM 2006 Oliver Kahn abzusägen. Dieses Mitspielen wird halt erwartet, es ist Teil des Torwartspiels.

Wie reden Ihre Spieler Sie eigentlich an: Mit »Trainer« oder »Traumhüter«?

Als »Traumhüter« jedenfalls nicht. Entweder mit »Trainer« oder »Du«.

Was sind Sie für eine Trainer-Type? Der harte Hund oder doch eher der Kumpel an der Außenlinie?

Naja, wahrscheinlich bin ich eher so ein Mittelding zwischen beiden Typen. Mit einigen meiner Spieler habe ich noch zusammengespielt, außerdem bin ich mit 38 auch altersmäßig nicht so weit entfernt. Ich versuche, mir das gewisse Maß an Autorität über die fachliche Kompetenz zu erarbeiten. Bei mir gibt auch einen Strafenkatalog, ohne Disziplin geht es eben nicht. Man versucht halt seine Schäfchen in die richtige Spur zu lenken. Allerdings kommt man bei einem Amateurverein, wo jeder Spieler einen Job hat und man tatsächlich zusammen in einem Boot sitzt, gar nicht um diese Kumpelgeschichte herum. Meine Jungs kommen teilweise noch mit dem Blaumann zum Training, wenn ich die abends noch zusammenscheiße und drille wie bei der Bundeswehr, würde das alles gar nicht funktionieren. Ein gewisses Maß an Spaß gehört dazu.

Gibt es eine bestimmte Spielphilosophie, die der Trainer Lars Leese vertritt?

Ich habe schon ein System, auf das ich vertraue. Wir spielen meistens 4-2-3-1, also ganz modern mit zwei Sechsern vor der Abwehr, wie das auch bei vielen Spitzenklubs inzwischen üblich ist. Dann versuchen wir natürlich noch zwei, drei andere Spielsysteme einzustudieren, um auf bestimme Spielstände zu reagieren. Zurzeit schießen wir zwar viele Tore, bekommen aber auch eine Menge eingeschenkt. Wir arbeiten also noch an der Balance, wie es so schön in der neuen Trainersprache heißt…

Haben Sie sich in Ihrer aktiven Zeit etwas von den Trainern abschauen können, die Sie trainiert haben?

Natürlich nimmt man ein bisschen was mit. Man versucht dann, das Gute zu übernehmen und das Schlechte zu verändern. Jeder Fußballer hat sich ja schon einmal gefragt: »Hat der Alte sie heute noch alle, was soll der Scheiß denn?« So ist das als Trainer, man kann es nie jedem recht machen.

Wem macht es denn nun Joachim Löw recht und stellt ihn ins Tor bei der EM 2008?

Es wird wohl Jens Lehmann werden. Gegen die Schweiz hat er ein gutes Spiel abgeliefert und so, wie man es aus der Presse herauslesen konnte, war es für ihn auch das wichtigste Spiel. Wenn er bis zum jetzigen Zeitpunkt die Nummer Eins ist, wird er das auch in den nächsten drei Monaten sein.

Sein selbst auferlegtes Interviewverbot…

…fand ich so in Ordnung. Er weiß ja genau, welche Fragen ihm gestellt werden. Und es gibt keine Frage, die in diesem Rahmen nicht schon einmal beantwortet wurde. Er hätte ja auch nur sagen können: Ich kann hoffen, dass ich spiele, ich will spielen, und ich hoffe, dass sich der Bundestrainer für mich entscheidet, und so weiter. Seit mehr als drei Monaten sitzt er bei Arsenal dauerhaft auf der Bank, und seit drei Monaten kommen die gleichen Fragen. Da kann man seine Reaktion verstehen.

Gibt es eigentlich etwas Unnötigeres als eine Torhüter-Diskussion in Deutschland?

Nein, das ist schon nötig! Wir hatten die Konstellation noch nicht, dass ein Torhüter, der bei seinem Verein auf der Bank sitzt für die Nationalmannschaft bei einem großen Turnier aufläuft. Das ist einzigartig, und insofern ist eine Diskussion darüber durchaus gerechtfertigt.

Warum gibt es überhaupt so viele gute deutsche Torhüter? In der Bundesliga spielen doch mindestens fünf deutsche Keeper, die internationalen Ansprüchen genügen…

(unterbricht) Das sehe ich anders. Wir haben sehr gute Torhüter in der Bundesliga, aber keine fünf oder sechs sind davon deutsch. Wenn man beispielsweise Manuel Neuer betrachtet, muss man sagen: Ja, er hat ein großartiges Talent. Aber in dieser Spielzeit hat er sich auch schon einige Patzer geleistet, wie jetzt auch wieder gegen Barcelona. Nach dem Spiel gegen Porto wurde er plötzlich gefeiert und nur auf ein Spiel reduziert. Neuers Elfmeterparade war natürlich grandios, aber jeder, der mal selber Torwart war, wird bestätigen, dass Elfmeterduelle überhaupt nichts mit dem Torhüterspiel an sich zu tun haben. Es kommt darauf an, mal mindestens ein Jahr konstant und ohne Fehler zu spielen. Deswegen ist für mich der René Adler am weitesten. Ich glaube, der hat noch keinen Fehler in dieser Saison gemacht!

Was macht Adler so stark?

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