20.04.2008

Lars Leese im Interview

»Lehmann ist Löws Co-Trainer«

Lars Leese war der »Traumhüter« und wechselte von einer Kneipen-Riege in die Premier League. Hier erzählt er von der Lehmann-Legitimation, Alex Fergusons Erbe und verrät, warum es keine guten Torhüter in England gibt.

Interview: Alex Raack Bild: Imago
Lars Leese, auf ein Gute-Laune-Interview brauchen wir wohl nicht zu hoffen: Mit Ihrem Verein, der SG 09 Bergisch-Gladbach haben Sie endgültig die Chance auf den Klassenerhalt vertan.

Ja, leider. Es sind zwar noch einige Spiele zu absolvieren, aber praktisch ist der Abstieg nicht mehr zu verhindern. Wir mussten dem enormen Wettrüsten vor dieser Saison Tribut zollen. Sieben Mannschaften steigen in diesem Jahr ab, da war der Wettkampf brutal und den Gang in die Insolvenz, den so viele Amateurmannschaften in Nordrhein-Westfalen antreten mussten, wollten wir nicht riskieren. Immerhin: Wir haben einen guten Ball gespielt, oft nur knapp die Punkte verloren.



Können Sie die Struktur ihres Vereins erklären? So wie es sich anhört wird das Geld nicht mit vollen Händen aus dem Fenster geworfen…

Als ich vor drei Jahren hier als Trainer anfing, haben wir einen neuen Vorstand gegründet und ein neues Umfeld geschaffen. Ich habe jahrelang selbst in der Oberliga gespielt und kann deswegen behaupten: Einen seriöseren Verein habe ich in dieser Spielklasse noch nicht gesehen. Was man im Vertrag stehen hat, bekommt man auch, die Gehälter werden pünktlich ausgezahlt. Die Infrastruktur hier ist klasse, zusätzlich haben wir ein Stadion für 12.000 Zuschauer, außerdem zwei Rasen-Trainingsplätze, Kunstrasen und so weiter. Was uns fehlt ist der eine oder andere große Sponsor mit dem wir es uns mal erlauben können, einen Topstürmer zu holen, der dann 2000 Euro im Monat bekommt.

Nun stehen Sie ja kurz vor der Prüfung zum Fußballlehrer…


(unterbricht) Nein, mit Ausbildung beginne ich erst im Sommer. Das war jetzt zunächst die Eignungsprüfung. Die Ausbildung ist neu strukturiert worden. Von 80 anfänglichen Teilnehmern dürfen nun 20 die elfmonatige Ausbildung machen. Und ich bin, Gott sei Dank, dabei.

Für Sie gibt es also keinen Sonderstatus wie für Lothar Matthäus?


(lacht) Nein, ich habe auch keine 150 Länderspiele gemacht. Dass man Matthäus bevorzugt behandelt, finde ich vollkommen in Ordnung. Seien wir doch mal ehrlich: Ich habe zwar auch Fußball gespielt, ein Jahr sogar in der Premier League, aber ich bin kein Welt- und Europameister und habe auch nicht die Champions League gewonnen. Außerdem hatte Matthäus eine große Anzahl an absoluten Toptrainern, er hat sich seine Sonderbehandlung erarbeitet. Wahrscheinlich würde ich das für mich auch einfordern, wenn ich Matthäus hieße.

Als Fußballlehrer wären Sie aber trotzdem ein Sonderfall. Warum arbeiten eigentlich so wenige ehemalige Torhüter als Trainer?

Das hat mich auch total verwundert. Denn der Torhüter nimmt auf dem Platz eine ähnliche Position wie der Trainer ein, beobachtet die meiste Zeit das Spielgeschehen aus der Totalen. Ich bin der Meinung, dass ich als Torwart über 20 Jahre lang taktisch die beste Sichtweise hatte. Ein Mittefeldspieler beispielsweise kann diese Sicht gar nicht haben, weil er viel zu sehr involviert ist. Außerdem bin ich als Torhüter auch dafür zuständig, die einzelnen Mannschaftsteile so zu verschieben, dass das alles passt. Deswegen verstehe ich das eigentlich nicht, warum nur so wenige Torhüter gute Trainer geworden sind. Wen kann man da überhaupt nennen? Dino Zoff, aber der ist nun auch nicht als großer Trainer in Erinnerung geblieben. Dirk Hayne fällt mir noch, der ist in Magdeburg. Und sonst? In der Bundesliga gibt es aktuell jedenfalls keinen Torhüter, der als Cheftrainer fungiert. Da muss sich was ändern! (lacht)

Was verbindet Torhüter und Trainer?


Du kannst als Torwart in die Taktik eingreifen, du musst es sogar. Du bist die ganze Zeit am Rufen und ordnest die Abwehr. Das ist ja im Prinzip auch das, was der Trainer während des Spiels oder beim Training macht.

Auffällig ist allerdings, dass immer mehr ehemalige Abwehrspieler an der Außenlinie zu finden sind. Thomas Schaaf oder Ede Becker beispielsweise. Woran liegt das?

Der moderne Profifußball funktioniert heute nur mit enormer Kompaktheit, die Spieler müssen dafür tief stehen, die Räume zu laufen und sich permanent verschieben. Alles Aufgaben, die ein Verteidiger von der Picke auf lernen muss - anders als Mittelfeldspieler und Stürmer. Deswegen wundert mich dieser Trend nicht. Die Mannschaften sind auf Ergebnissicherung bedacht. Ein aggressives Forechecking auch beim Stand von 0:0, wie es in England gespielt wird, gibt es ja in Kontinentaleuropa so gut wie gar nicht mehr.

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