L. M. Fröhlich über das Reformpapier

»Es gibt eine Konfliktquelle«

Nach den Turbulenzen der letzten Wochen tagt der DFB. Dann wird auch das Reformpapier für die Schiedsrichter vorgestellt. Lutz-Michael Fröhlich hat es zusammen mit Herbert Fandel erarbeitet. Wir sprachen mit Fröhlich darüber. L. M. Fröhlich über das Reformpapier

Lutz-Michael Fröhlich, am Freitag soll ein Reformpapier vorgelegt werden. Was sind die wesentlichen Inhalte?

Grundsätzlich geht es um eine Strukturreform. Die Anforderungen an die Schiedsrichter im Spitzenfußball und an den Umgang mit den Schiedsrichtern haben sich in den letzten Jahren geändert. Zudem steht in der Führung des Schiedsrichterwesens ein Wechsel in der Spitze bevor, da der bisherige Vorsitzende, Volker Roth, nicht mehr kandidiert. Da ist es zeitgerecht, sich Gedanken zu machen.

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Ist diese Neustrukturierung Resultat der aktuellen Ereignisse?

Sie bringen sicher etwas Dynamik in die Angelegenheit. Es geht z.B. auch um Unabhängigkeit, Transparenz und Neutralität. Z.B. wäre es besser, wenn Ansetzungen nur von Personen vorgenommen werden, die keine speziellen Interessen vertreten, wie z.B. auch Funktionsträger aus den Verbänden.

Warum?

Ein Beispiel: Momentan sind fünf Regionalverbandsvertreter im Schiedsrichterausschuss, die zum Teil auch Spiele ansetzen. Dadurch entsteht einerseits ein Konflikt zwischen der Tätigkeit als Ansetzer und der Vertretung von Interessen des Regionalverbandes und andererseits eine Ungleichbehandlung. Denn ein Interessenvertreter setzt Schiedsrichter an, ein anderer kann das nicht tun. Das ist eine Konfliktquelle.  

Gerade die Rolle der Beobachter steht momentan im Fokus. Was muss sich auf diesem Sektor ändern?

Auch hier sind Unabhängigkeit und Distanz gefragt. Ziel ist es, dass die Rolle des Beobachters für die Spielbewertung klarer im Sinne einer Gutachterfunktion verstanden wird.  Das fördert die Glaubwürdigkeit und die Transparenz. Der zweite Aspekt, nämlich die Weiterentwicklung der Schiedsrichter muss auf einer anderen Ebene umgesetzt werden, z. B. durch die Aufarbeitung von Spielen über ein spezielles Coaching.

Wie lief die Bewertung eines Schiedsrichters denn bisher ab?

Es geht weniger um die Abläufe zur Bewertung. Es geht vielmehr um eine klare Trennung zwischen Leistungsbewertung und Weiterentwicklungsimpulsen einerseits und der konkreten Arbeit mit den Schiedsrichtern andererseits.

Warum sind die Strukturen nicht vorher hinterfragt worden?

Das deutsche Schiedsrichterwesen zählt nach wie vor zur Weltspitze. Dieses Erfolgserlebnis stand bisher im Vordergrund. Eine strukturelle Weiterentwicklung, um z.B. diesen Spitzenplatz auch langfristig zu halten, stand eher im Hintergrund.



Wie wird ein normaler Bundesligaspieltag für Schiedsrichter analysiert?

Das geschieht auf der Basis der Beobachtungsberichte und der Aufarbeitung der Spielleitungen mit Mentoren. Zusätzlich werden die wichtigen und strittigen Szenen vom Wochenende im Schiedsrichter-Video-Portal präsentiert und müssen dann von den Schiedsrichtern der Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga abgerufen werden. Zudem werden junge Schiedsrichter von sogenannten Mentoren betreut. Dies soll auf einen größeren Kreis der Schiedsrichter ausgeweitet werden.

Wer soll denn zu diesen Mentoren gehören?

Das ist derzeit ein engerer Kreis aus dem Schiedsrichter-Ausschuss und einer speziellen Arbeitsgruppe „Mentoring“. Es ist eine Idee, künftig mehrere Personen dafür zu gewinnen, durch Qualifizierung, Anforderungsprofile und einem gesonderten Auswahlverfahren. Wichtig sind Fachkompetenz und persönliche Kompetenz, wozu letztendlich auch die notwendige Distanz gehört.

Aber warum macht man es sich nicht einfacher und setzt sowohl einen Beobachter als auch einen Coach oder Mentor für jeden Schiedsrichter ein?

Das ist auch eine Frage der Personalkapazität. Aber ein solches Modell ist für die Zukunft denkbar. Nichts darf so statisch sein, dass es nicht weiterentwickelt werden kann.

Der Fall Amerell/Kempter hat die Frage aufgeworfen, warum einzelne Personen über die Zukunft eines Schiedsrichters entscheiden können...

So ist es nicht. Letztendlich entscheidet ein Gremium von derzeit elf Leuten über die Nominierung eines Schiedsrichters. Und für die Bundesliga und 2. Bundesliga ist das dann auch noch von der Bestätigung durch das Präsidium abhängig. Das ist aber ohne Frage ein wichtiger Prozess, in dem Transparenz und Sensibilität in Einklang zu bringen sind. Auch das wird ein künftiges Arbeitsfeld sein.

Michael Kempter sagte, dass er Angst hatte, dass Manfred Amerell seine Karriere willkürlich beenden würde.  Gab es diese Machtstrukturen und wenn ja, wie wollen Sie diesen begegnen?

Wir wollen eine andere Mentalität. Wir wollen Schiedsrichter, die sich authentisch präsentieren. Nur dann ist eine effektive Weiterentwicklung möglich, in der auch die Persönlichkeit wächst. Durch Teamarbeit, damit verbundenen Dialog und durch Qualifizierungsarbeit werden Voraussetzungen geschaffen, um die Macht einzelner über bestimmte Personen frühzeitig zu identifizieren. Die Ausnutzung von Macht und fehlende Distanz im Umgang mit den Schiedsrichtern sind Ausdruck mangelnder Kompetenz. 

Zu einem anderen Thema: Was halten Sie von den Vorschlägen von Louis van Gaal?

Bei den Themen Chip im Ball sind die Schiedsrichter durchaus offen, wenn es da ein hundertprozentig funktionierendes System gibt. Momentan läuft das Projekt mit den fünften und sechsten Offiziellen, deswegen hat man sich erst einmal darauf fokussiert. Beim Spiel Frankreich gegen Irland hätte ein Torrichter z.B. das Handspiel sicher gesehen. Dieses Projekt muss man weiter beobachten. Zu den anderen Ideen: Man sollte offen sein und sich damit auseinandersetzen. Aber es gibt auch gute Gründe, warum man den Fußballsport nicht ständig einem Ideenwettbewerb unterwirft.

Viele Schiedsrichter äußern sich in dieser Saison nach den Spielen nicht mehr vor der Kamera. War das vom DFB angeordnet?

Nein. Sicherlich gab eine Phase in der Hinrunde, wo Schiedsrichter ihr Statement schon mal verweigerten. Das hängt dann aber mehr damit zusammen, wie auf Schiedsrichter nach dem Spiel zugegangen wird. Da gibt es auch Journalisten, die schon im Ton vorwurfsvoll auf Schiedsrichter zugehen und deren Ansinnen, eine Fehlleistung darzustellen, nur zu vordringlich erscheint. Da ist es dann auch verständlich, dass man sich dann nicht äußert.

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