Kritik an der WM 2014 wächst

»Ein Kampf gegen die Fifa ist wie David gegen Goliath«

Am vergangenen Wochenende tanzte ein animierter Sepp Blatter über die Fifa-Homepage, während darüber der Slogan »Für eine faire WM!« prangte. War die Seite des Fußballweltverbands gehackt worden? Wir fragten nach bei Solidar Suisse, den Urhebern der Aktion.

Andrea Arezina, seit dem Wochenende kursiert eine Seite im Netz, die exakt wie die offizielle Homepage der Fifa aussieht und auf der animierter Sepp Blatter über den Bildschirm tanzt. Viele Leute vermuteten einen Hacker-Angriff.
So ist es ja auch.
 
Auf fifa.com ist alles wie immer.
Gut, wir nennen unsere Aktion einen Samba-Hack, andere haben von einem Fifa-Hack gesprochen. Auf unserer Seite fifa-brazil-2014.com ist keine Kopie der Fifa-Seite zu sehen, sondern stets die aktuelle Version, die von unserer Seite überlagert wird. Letztendlich ging es darum, Aufmerksamkeit zu schaffen – und das haben wir geschafft. Wir sehen es so, dass wir wortwörtlich auf der Fifa-Seite demonstrieren, einfach online.


 
Ihre Organisation »Solidar Suisse« hat sich am Montag mit Sepp Blatter getroffen. Hat er mit Ihnen über Ihre Forderungen diskutiert?
Es ging zunächst um eine Petition, die wir der Fifa mit Ihrer Genehmigung überreichen wollten. Der Verband hatte uns informiert, dass der Generalsekretär sie in Empfang nehmen würde – wir waren sehr erstaunt, als Sepp Blatter selbst dort stand.
 
Was ist das für eine Petition?
Wir haben vor einem Jahr eine Aktion unter dem Slogan »Pfeifen Sie Sepp Blatter Ihre Meinung« lanciert. Wir haben darin eine faire Weltmeisterschaft 2014 gefordert.
 
Was heißt das konkret?
Keine Menschenrechtsverletzungen, keine Vertreibungen, keine Steuergeschenke für die Fifa. Wir haben im Internet 28.000 Stimmen für diese Petition zusammen.
 
War diese Petition der Startschuss für Ihre Kritik an der Fifa?
Nein, »Solidar Suisse« hat sich auch schon zur WM 2010 kritisch mit der Fifa auseinandergesetzt. Auch damals wusste man schon im Vorfeld, was dem Land nach der WM droht. Und es kam, wie wir es prophezeit hatten: Südafrika sitzt momentan auf einem Schuldenberg von 3 Milliarden Euro.
 
Die Fifa behauptet, eine WM bringe einem Land nur Vorteile.
Vor den Turnieren wird überall darüber gesprochen, wie sehr ein solches Turnier einem Land Geld, Renommee und Arbeitsplätze verschafft. Doch das ist ein Trugschluss. Zunächst investiert das Land immense Summen. Brasilien kostet die WM etwa 14,5 Milliarden Dollar – soviel kosten Flughäfen, Stadien und Transportsysteme. Damit ist das Turnier in Brasilien dreimal so teuer wie die WM in Deutschland – sie ist die teuerste aller Zeiten. Zudem verpflichtet sich ein Land zu zahlreichen Fifa-Standards, wenn es eine WM austragen will. Das Beispiel der Stadien zeigt es am anschaulichsten: In Südafrika verwaisen momentan die WM-Arenen, in Brasilien wird es genauso sein. Ein weiteres großes Problem ist, dass die Fifa und sämtliche WM-Sponsoren keine Steuern in dem jeweiligen Land zahlen müssen. Die Steuerverluste für Brasilien werden auf 680 Millionen Dollar geschätzt.
 
Woher beziehen Sie Ihre Daten? Sind Sie vor Ort?
Natürlich. In Südafrika hat »Solidar« eh Entwicklungsprojekte, von daher sind wir dort seit jeher sehr aktiv. Ob wir nach Brasilien fliegen, ist noch offen. Wir arbeiten dort aber mit Gewerkschaften und Volkskomitees zusammen, die sich für eine faire WM einsetzen.
 
Wie bekommen Sie aktuell Ihre Informationen über die Verhältnisse in Brasilien?
Über die Medien, persönliche Kontakte und Gewerkschaften der verschiedenen Industriezweige. So wissen wir, wie es momentan auf den Baustellen oder bei den Straßenhändlern zugeht. Für viele fliegende Händler sind etwa die Verkaufslizenzen nicht verlängert worden. Das gilt vor allem für solche Händler, die ihre Ware bislang dort verkauft haben, wo die Stadien stehen.

Weil die Fifa dort nur eigenes Merchandise verkauft?
Richtig. Das gilt für einen Umkreis von acht Kilometern. Weiterhin werden in diesen Arealen Menschen ohne Entschädigung oder Vorankündigung vertrieben. Auch viele Favaelas werden aus Imagegründen einfach plattgewalzt, schließlich soll das Land sauber aussehen. Man spricht von 250.000 Betroffenen. Momentan überlegt man, eine der besten Schulen Brasiliens neben dem Maracana Stadion abzureißen. Dort wurde auch schon ein Indio-Museum geschlossen – nur weil dort ein neuer und größerer Parkplatz gebaut werden musste.
 
Es gibt auch Stimmen, die behaupten, dass Brasilien viel sicherer geworden ist, seitdem das Land weiß, dass die WM ansteht.
Jeder hat eine andere Antwort. Seit zehn Tagen sind aber auch über eine Million Menschen auf der Straße, die gegen diese Verhältnisse demonstrieren.

Ex-Nationalspieler Romario hat jüngst die Fifa kritisiert. Der aktuelle Star Hulk sagt, er unterstütze die Proteste. Hat Sie ein solches Echo verwundert?
Ich finde es groß von den Fussballprofis, dass sie sich äußern und ihre kritische Meinung sagen. Nur so ist eine WM für alle statt für wenige möglich.
 
Gibt es eigentlich Forderungen von »Solidar«, die bislang durchgesetzt wurden?
Das Problem ist: Wir sind eine kleine NGO. Wenn wir uns mit der Fifa anlegen, ist das wie das Duell David gegen Goliath. Wir sehen uns als Türöffner für die verschiedenen Anliegen. Immerhin hat die brasilianische Regierung in punkto Eintrittspreise eingelenkt. Sie hat gegen die Fifa durchgesetzt, dass 300.000 verbilligte Tickets für Senioren und Schüler sowie 100.000 Gratistickets für Indigene und Sozialhilfeempfänger reserviert werden.
 
Andrea Arezina, was hat Sepp Blatter Ihnen denn am Montag versprochen, als Sie ihn getroffen haben?
Er hat gesagt, dass sich die Fifa zumindest für bessere Arbeitsbedingungen auf den Baustellen einsetzen will. Wir werden ihm auf die Finger schauen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!