29.12.2009

KOS-Leiter Michael Gabriel über Fan-Gewalt

»Fans wollen ernst genommen werden«

Das Fußball-Jahr 2009 war nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen – die Gewalt hat wieder zugenommen. Fan-Experte Michael Gabriel spricht im Interview mit Thomas Hummel über jugendliche Ultras und die Konsequenzen im Stadion.

Interview: Thomas Hummel Bild: Imago
KOS-Leiter Michael Gabriel über Fan-Gewalt
Warum schützen die Fangruppen Straftäter in ihren Reihen und distanzieren sich nicht von ihnen?

Der Druck von außen auf die Fanszene ist groß. Alle verorten den gemeinsamen Feind außen, weshalb die Bereitschaft, sich selbst kritisch zu hinterfragen, nicht sehr ausgeprägt ist. Einige sprechen es an, werden aber immer weniger gehört.

Welcher Feind?

Die Fankultur sieht sich von zwei Seiten bedroht: Erstens durch die Kommerzialisierung des Fußballs. Die TV-Vermarktung steht an erster Stelle, dann kommen die Logen, die Business-Seats, die Bandenwerbung etc. Die Interessen der Stadionbesucher, der Fans , die dem Spiel die Emotionen geben, fallen zunehmend hinten runter.

Was wollen die Fans von den Klubs?

Ernst genommen werden und zuverlässige, authentische Kommunikation. Der Verein soll sich für die Menschen in der Kurve interessieren. In den Choreografien der Ultras etwa steckt viel Arbeit, Zeit, Liebe drin - das ist eine unglaubliche Leistung. Die Klubs haben das bis heute nicht verstanden. Warum geht kein Klub-Vorsitzender zu den Ultras und bedankt sich für deren Engagement, erkundigt sich, wie das gemacht wurde, was da für ein Aufwand drinsteckt? Dann würde er in der Fanszene auch ernst genommen werden.

Als zweiter Gegner bleibt vermutlich die Polizei.

Würden sich Klubvertreter mit der Lebenswelt der Fans auseinandersetzen, würde sie erkennen, welch enormer Druck von der Polizei auf die Szene wirkt und was das auslöst. Sie würden sehen, dass es bei Randalen meist nicht nur eine Wahrheit gibt, die in der Regel die Polizei über Pressemitteilungen an die Öffentlichkeit kommuniziert. Auch die Polizei kann Fehler machen und überzogen vorgehen. Klubvertreter würden realisieren, dass sie sich dann vor ihre Fans stellen müssen.

Das passiert aber nicht.

Und deshalb werden diejenigen in der Fankurve bestätigt, die dafür stehen, dass man sich wehren muss gegen Polizei und Ordnungsdienst. Es werden nicht die positiven Kräfte der Fankultur unterstützt.

Es scheint schwierig für Vereine, der Polizei zu widersprechen.

Viel wichtiger ist, dass die Vereine nach Vorfällen auch die Version der Fans anhören. Als Eintracht Frankfurt in der vergangenen Saison in Bremen spielte, wurden direkt nach der Ankunft und ohne dass eine Straftat begangen worden wäre, 260 Fans in Gewahrsam genommen. Da hat die Eintracht zu ihren Fans gehalten, die Unverhältnismäßigkeit des Einsatzes war einfach zu offensichtlich. Die Fans haben das begrüßt und wertgeschätzt.

Innenminister Thomas de Maizière fordert harte Maßnahmen gegen die Gewalt rund um den Fußball.

In vielen Aussagen aus Politik und Vereinen wird eine ganz große Hilflosigkeit deutlich. Dort versteht man das Phänomen der Fankultur nicht, weshalb man dazu neigt, einfache Lösungen zu fordern. Die Ergebnisse aus der Innenministerkonferenz haben uns schon überrascht, weil wir dachten, die Politik sei weiter. Der Vorschlag, die Tickets zu personalisieren wie bei der WM 2006 passt überhaupt nicht zur Lage. Es gibt keine Probleme in den Stadien, sondern außerhalb.

Was kann man da unternehmen?

Erstens erleben wir keine überraschende Entwicklung, sondern die Situation hat sich seit längerem entwickelt. Mit Schnellschüssen wird man da nichts lösen. Repressive Maßnahmen verschärfen die Situation, weil das Wasser auf die Mühlen der Gewaltbereiten ist.

Haben Sie die Entwicklung erwartet?

Die Fanprojekte warnen schon seit vielen Jahren. Der Verdruss unter den Fans staut sich seit längerem auf. Zum Beispiel beim Thema Stadionverbote: Wenn Vereine auf Vorschlag der Polizei ein bundesweites Verbot aussprachen, gaben sie den Fans lange Zeit nicht einmal die Möglichkeit, sich zu den Vorfällen zu äußern. Unter den Fans war bekannt, dass an einigen Orten vom Verein blanko unterschriebene Stadionverbots-Formulare bei der Polizei in der Schublade lagen und die Beamten nur noch den Namen eintragen mussten. Einmal schlug die Berliner Polizei nach einer Auseinandersetzung zwischen zwei Personen 21 Fans für Stadionverbote vor. Als Union Berlin damals die Leute anhörte, musste der Klub feststellen, dass einige Personen nicht mal beim Spiel waren. Die Vereine müssen verstehen, was Stadionverbote für junge Menschen bedeuten, damit muss man sehr sorgfältig umgehen.

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