Korruptionskämpferin Schenk im Interview

»Kultur des Wegschauens«

Sylvia Schenk ist Vorsitzende der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International. Bis 2004 war sie Präsidentin des Bunds Deutscher Radfahrer. Wir sprachen mit ihr über den Manipulationsskandal im Fußball. Korruptionskämpferin Schenk im Interview

Frau Schenk, hat Sie das Ausmaß des Wettskandals überrascht?

Nein, zumal ich gerade das Buch »Sichere Siege« von Declan Hill lese, der Manipulationen im Fußball beschreibt. Es war mir klar, dass das Problem einen riesigen Umfang und eine hohe Dunkelziffer hat. 

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Müssen wir feststellen, dass wir es mit einem unlösbaren Problem zu tun haben und im Grunde nur Schadensbegrenzung betreiben können?

Unlösbar nicht und Schadensbegrenzung wäre auch zu wenig. Sie können Wettbetrug zwar genauso wenig auf null bringen wie Doping oder Bankeinbrüche. Aber man kann strukturelle Defizite abbauen, die Hemmschwellen erhöhen und damit das Problem eingrenzen. Spielmanipulation darf kein Kavaliersdelikt sein.

Was wäre zum Beispiel zu tun?

Der Deutsche Fußball-Bund setzt Schiedsrichter nur noch kurzfristig an, der europäische Fußballverband Uefa hat ein Frühwarnsystem gemeinsam mit Wettanbietern aufgebaut. Das reicht aber nicht – neben einem verstärkten Ermittlungsdruck der Behörden muss grundlegend präventiv gearbeitet werden. Aber selbst mit einem perfekten System in Deutschland bekommen wir das Problem nicht in den Griff. In Osteuropa etwa sieht es ganz anders aus.

Dass der Fußball international spielt, ist Teil des Problems.

Die Uefa macht schon einiges, da ist das Problembewusstsein viel ausgeprägter als in anderen Sportarten. Aber auch die Uefa kann nicht in die Nationalverbände und Vereine hineinregieren, sie kann nur bestimmte Standards setzen.

Was bleibt also den Verbänden an Spielraum?

Eine Verfeinerung der Systeme, eine groß angelegte Aktion für null Toleranz bei Manipulation, Schulungsmaßnahmen für Schiedsrichter und Funktionäre und Bewusstseinsbildung bis in die unteren Ligen. Deutschland muss in Sachen Transparenz und Integrität voranmarschieren. Aber ich bezweifle bereits, dass alle Transfergeschäfte deutscher Vereine sauber sind. 

Würden gesetzliche Regelungen etwas bringen?

Ich habe allgemeine Rufe nach einem Gesetz gehört ohne zu erfahren, wo ein Straftatbestand fehlt. Hoyzer und seine Komplizen sind doch verknackt worden. 

Vieles läuft bei der Manipulation auf der persönlichen Ebene, ist dem überhaupt beizukommen? 

Einzelfälle kann man nicht ausschließen. Es geht jedoch nicht um ein paar schwarze Schafe. Es sind viele beeinflussbar und dass dies ausgenutzt wird, hat auch etwas mit einer Kultur des Wegschauens zu tun und mit bestimmten eingeübten Verhaltensweisen im Fußball. Schwarzgeld wird oft bis in untere Ebenen gezahlt. Mal hier 50 Euro für den Torwart, mal da ein Handgeld. Wer so aufwächst, der ist empfänglicher. 

Warum ist der Sport so anfällig?

Es ist die Überidentifikation mit dem Sport, dass Leute für ihren Verein Sachen machen, die sie im Geschäftsleben nie machen würden. Im Sport ist es oft so: Wer die größte Show macht, wird gewählt, egal, ob die Qualifikationen stimmen. 

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