König Boris im Interview

„Schlimmes Wort: Kult“

König Boris von „Fettes Brot“ geht seit 1989 zu den Spielen des FC St. Pauli. Damals war der Verein eine neue, anarchische Erscheinung, nun droht er zum unreflektierten Kultobjekt zu werden. Wie begegnet der Erz-Fan den Event-Touristen? Promo
Heft #74 01 / 2008
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König Boris, stellen Sie sich vor, ein russischer Ölmilliardär kauft den FC St. Pauli. Welchen Spieler hätten Sie gerne?

Das will ich mir nicht vorstellen, denn es wäre vermutlich das Ende des Vereins.

Ein Verkauf des Stadionnamens wäre demnach für Sie ebenfalls inakzeptabel?

Auf jeden Fall. Wenn ein solcher Stein erst einmal ins Rollen gebracht wird, gibt es kein Halten mehr. Dann wird mit allem Geld gemacht. Natürlich kann man gewisse kommerzielle Tendenzen am Millerntor auch positiv sehen, doch ich bin nach wie der Meinung: Wehret den Anfängen.

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Und das wird am Millerntor noch getan?

Natürlich wird hier auch viel genörgelt. Und gelegentlich bin ich auch besorgt über manch eine Entwicklung. Doch wenn ich zu Auswärtsspielen etwa in die Allianz-Arena fahre und mir das Rahmenprogramm dort angucke, wird mir stets bewusst, wie wenig der Kommerz am Millerntor bis dato Einzug erhalten hat. Man merkt dann, dass es auf St. Pauli eben doch noch etwas anders läuft, dass man immer noch nicht versucht, aus jedem Scheiß Geld zu machen.

Kann man einen solchen Prozess überhaupt aufhalten, wenn man mittelfristig wieder in der 1. Bundesliga spielen will?

Ich glaube schon. Ich bin natürlich kein Geschäftsmann, aber ich denke, dass es einfach möglich sein muss. Sonst stirbt der Fußball der jetzigen Form irgendwann. Und dann haben wir Verhältnisse wie beim American Football, wo die Spiele eher Picknick-Veranstaltungen gleichen.

Bis zur Saison 2010/11 soll ein komplett neues und modernes Stadion mit 27.000 Plätzen gebaut werden. Wird der Charakter des Clubs dadurch Schaden nehmen?

Ich glaube kaum. Alles, was ich bis jetzt gesehen habe, ist cool. Die Südtribüne steht nun fast und sieht super aus. Und ich bin froh über diesen Schritt. Zwanzig Jahre wurde darüber geredet, und nun passiert endlich mal etwas.

Sie glauben nicht, dass der marode Charme des alten Stadions das „St. Pauli-Gefühl“ trägt?

Nein. Das ist mir auch ein bisschen zu nostalgisch gedacht. Ich finde ein neues Fußballstadion schon sehr cool. Und das Millerntorstadion bleibt ja an derselben Stelle. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dadurch die Stimmung geschmälert wird. Außerdem glaube ich, dass da nicht irgendetwas entsteht, sondern die Verantwortlichen darauf achten, dass das neue Stadion dem Charakter des Clubs entspricht.

Die Fans des FC St. Pauli gelten gemeinhin als sehr reflektierend was Werbung, Sponsoring und Marketingaktionen angeht. Viele Hardcore-Fans lehnten die „Retter“-T-Shirt-Aktion daher kategorisch ab. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Ich fand, die „Retter“-Aktion war noch im Rahmen. Aber es stimmt, viele PR-Maßnahmen sind übertrieben, und vieles, was nach dem „Retter“-Hype kam, war richtig hart...

Sie haben sich mit Ihrer Band „Fettes Brot“ selbst in das PR-Karussell gesetzt und eine Werbebande mit dem Slogan „Fettes Brot ist doof“ gemietet. Eine Ironisierung der Verhältnisse?

Nein, das haben wir schlicht und einfach aus Geilheitsgründen gemacht. Das war ein Traum – eine Werbebande an der Eckfahne im Lieblingsstadion. Für eine halbe Saison haben wir die von der Plattenfirma bezahlt bekommen. Heute wäre das gewiss viel zu kostspielig.

War das für Sie eine Bestätigung, dass am Millerntor Dinge gehen, die sonst nirgendwo gehen?

Ja, absolut. Genau so habe ich das damals erlebt – und da glaube ich nach wie vor fest dran. Dieses Gefühl ist seit meinem ersten Spiel in mir.

Wann waren Sie denn zum ersten Mal am Millerntor?

Das muss 1989 gewesen sein, der FC St. Pauli spielte gegen den 1. FC Köln. Das Spiel kickte mich total – eine Art Schlüsselerlebnis. Diese Mischung aus einem mitreißenden Spiel, den unterschiedlichen Leuten, der tobenden Stimmung und der politischen Komponente, die früher viel stärker als heute war, beeindruckte und verzauberte mich. Diese Mixtur war über die Jahre immens wichtig für mich.

Engagierten Sie sich damals politisch?

Ich war nicht mittendrin, aber durchaus politisch interessiert. Und so habe ich mich auch positioniert, etwa in der Antifa und verschiedenen anderen Politgruppen. Bei meinem ersten Millerntor-Besuch wurde ich von ein paar älteren Typen mitgenommen, die allesamt aus dem Hafenstraßenumfeld kamen. Ich stand dann im so genannten Hafenstraßenblock.

Sie sind in Schenefeld, einem Vorort von Hamburg, aufgewachsen. Es heißt häufig, dass die gut betuchten Vorstädter eher zum HSV gehen, die innerstädtischen Hamburger zum FC St. Pauli. Waren Sie damals als St. Pauli-Fan eine Art Outlaw in Schenefeld?

Nein, auf gar keinen Fall. Schenefeld ist das erste Städtchen hinter der Hamburger Grenze. Wir hatten damals den Vorteil, einen Nachtbusanschluss in die Hamburger City zu haben, und insofern habe ich mich schon in jungen Jahren sehr häufig in Hamburg herum getrieben. Ich war der Innenstadt und dem Kiez so gewissermaßen früh verbunden. Außerdem hatte ich viele Freunde und Bekannte in Schenefeld, die ebenfalls zum FC St. Pauli gingen.

Sie halten es demnach für ein abgenutztes Klischee, dass zum FC St. Pauli die Kiezbewohner gehen und die gutbürgerlichen Kaufleute zum HSV?

Ja. Man kann das nicht so schwarz/weiß trennen. Die These entspricht einfach nicht der Realität, sondern begreift das Phänomen nur an der Oberfläche. Es gibt ja mittlerweile auch beim HSV politische Gruppierungen, die nicht aus den Vororten kommen. Genauso gut sind viele St. Pauli-Fans aus Stade, Buxtehude oder Elmshorn. Es gibt hier sicherlich nicht nur Leute, die auf dem Kiez aufgewachsen sind oder im Schanzenviertel leben.

Ist der Stadtteil für den Club dennoch wichtig?


Sicherlich. Ich glaube nicht, dass man Stadtteil und Club voneinander trennen kann. Der Verein FC St. Pauli und der Stadtteil St. Pauli ist eine Einheit. Und ganz viel von der Magie des Clubs ist darin begründet, dass das Viertel so ist, wie es ist. Hier sind viele Gegensätze beheimatet, hier treffen die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen aufeinander. Und hier gibt es auch noch eine lebendige Stadtteilkultur, hier ist Nachbarschaft mitunter etwas ganz anderes als in den übrigen Stadtteilen. Zumindest kennt man so etwas wie Nachbarschaft noch. Dann gibt es diese zahlreiche Szeneläden, viele alternative Clubs, viele politische Spots und ein Stadion mitten in der Stadt. Wo hast du das sonst?

Würde der Club in dieser Form in einem Vorort existieren?


Er würde existieren, aber er hätte sich so nicht entwickelt. Es wäre alles ganz anders gekommen...

Inwiefern hat sich die Fanstruktur des FC St. Pauli seit 1989 geändert?


Das kann ich als Fan, der seit 1989 stets mittendrin ist, schwer beurteilen. Mir fehlt oft etwas die Distanz. Natürlich ist es heute anders als vor 18 Jahren, es gibt mittlerweile viele Fans, die nur zum FC St. Pauli gehen, weil sie dieses Kult-Ding so toll finden. Schlimmes Wort alleine: Kult. Das Publikum ist insofern stärker in den Mainstream gerückt. Trotzdem finde ich, dass es der Club geschafft hat, bestimmte Werte und eine Haltung ins Jahr 2007 zu transportieren. Und daher denke ich, dass ich mit dem Kult-Ding leben kann. Und ich glaube auch, dass der Club das aushalten kann.

Für Sie steht weniger das Kultgefühl als vielmehr der Erfolg der Mannschaft im Vordergrund?

Ja. Ich kenne die Spieler, die Aufstellung, das Umfeld. Ich bin mit dem Herzen dabei. Und mittlerweile kenne ich sogar einige Spieler persönlich. Das ist ein ganz abgefahrenes Gefühl für mich, denn als Jugendlicher blickt man ja immer nach oben, die Spieler sind alle älter und größer. Und plötzlich ist man gleichaltrig oder sogar älter.

Gehen Sie heute noch ins Stadion?

Ich gehe seit 1989 eigentlich sehr regelmäßig hin, obwohl ich nicht jede Saison eine Dauerkarte hatte. Diese Saison aber habe ich eine. Allerdings stehe ich nicht mehr. Mein Platz ist mittlerweile auf der Haupttribüne.

Sind Stadionbesuche Bandausflüge?


Manchmal. Beton hat auch eine Dauerkarte. Doktor Renz teilt sich eine mit einem Kollegen. Doch ich gehe auch mit Leuten dahin, die mit der Musik gar nichts zu tun haben.

Ihr Bandkollege Doktor Renz sagte einmal: „Das finde ich an St. Pauli auch so toll, dass dieses Auf und Ab ein Gleichnis fürs Leben ist.“ Wie wäre es, wenn der Club dauerhaft an der Spitze stehen würde?

Ach, das fände ich super. Ich habe nichts gegen Erfolg, ich muss nicht immer im Tabellenkeller umher kriechen und ständig Angst vor einem möglichen Abstieg haben. Der FC St. Pauli in der Champions League – das wäre doch ganz fein. (lacht)

In der Realität eines St. Pauli-Fans gehört ein chronisches Leiden dazu.


Das stimmt. Am Millerntor muss man schon arg leidensfähig sein. Aber ich denke, das macht jeder Anhänger mit. Außer vielleicht der erfolgsverwöhnte Bayern-Fan...

In einer Textzeile von „Fettes Brot“ heißt es: „Man muss es lieben wie St. Pauli schlägt den HSV.“ Der letzte Sieg datiert auf den 3. September 1977. Leidet der St. Pauli-Fan darunter, dass es seitdem im Derby nichts zu holen gibt oder ist es ihm mittlerweile egal?

Natürlich leide ich, wenn St. Pauli gegen den HSV verliert. Ich gehe schon jedes Mal mit großen Hoffnungen ins Stadion und denke nicht an ein Unentschieden oder eine Niederlage.

Gibt es heute noch diese Rivalität zwischen dem FC St. Pauli und dem HSV, oder ist sie mittlerweile verflogen, weil die Clubs in unterschiedlichen Ligen spielen?


Die Rivalität ist ungebrochen. Ich sehe diese allerdings auf rein sportlicher Ebene. Ich habe viele Freunde, die HSV-Fans sind, und es macht manchmal ja auch Spaß, sich mit denen zu kabbeln. Es ist gewiss nicht so, dass ich HSV-Fans hasse. Es sind immer noch nur zwei Fußballvereine.

Stellen Sie sich vor, beide Hamburger Vereine wären eine Musikgruppe, dann wäre St. Pauli „Fettes Brot“ und der HSV...

Nein, St. Pauli ist für mich immer noch eine Rockband. Und der HSV? Der HSV ist dann wohl Lotto King Karl.

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