21.12.2007

König Boris im Interview

„Schlimmes Wort: Kult“

König Boris von „Fettes Brot“ geht seit 1989 zu den Spielen des FC St. Pauli. Damals war der Verein eine neue, anarchische Erscheinung, nun droht er zum unreflektierten Kultobjekt zu werden. Wie begegnet der Erz-Fan den Event-Touristen?

Interview: Andreas Bock Bild: Promo
Wann waren Sie denn zum ersten Mal am Millerntor?

Das muss 1989 gewesen sein, der FC St. Pauli spielte gegen den 1. FC Köln. Das Spiel kickte mich total – eine Art Schlüsselerlebnis. Diese Mischung aus einem mitreißenden Spiel, den unterschiedlichen Leuten, der tobenden Stimmung und der politischen Komponente, die früher viel stärker als heute war, beeindruckte und verzauberte mich. Diese Mixtur war über die Jahre immens wichtig für mich.

Engagierten Sie sich damals politisch?

Ich war nicht mittendrin, aber durchaus politisch interessiert. Und so habe ich mich auch positioniert, etwa in der Antifa und verschiedenen anderen Politgruppen. Bei meinem ersten Millerntor-Besuch wurde ich von ein paar älteren Typen mitgenommen, die allesamt aus dem Hafenstraßenumfeld kamen. Ich stand dann im so genannten Hafenstraßenblock.

Sie sind in Schenefeld, einem Vorort von Hamburg, aufgewachsen. Es heißt häufig, dass die gut betuchten Vorstädter eher zum HSV gehen, die innerstädtischen Hamburger zum FC St. Pauli. Waren Sie damals als St. Pauli-Fan eine Art Outlaw in Schenefeld?

Nein, auf gar keinen Fall. Schenefeld ist das erste Städtchen hinter der Hamburger Grenze. Wir hatten damals den Vorteil, einen Nachtbusanschluss in die Hamburger City zu haben, und insofern habe ich mich schon in jungen Jahren sehr häufig in Hamburg herum getrieben. Ich war der Innenstadt und dem Kiez so gewissermaßen früh verbunden. Außerdem hatte ich viele Freunde und Bekannte in Schenefeld, die ebenfalls zum FC St. Pauli gingen.

Sie halten es demnach für ein abgenutztes Klischee, dass zum FC St. Pauli die Kiezbewohner gehen und die gutbürgerlichen Kaufleute zum HSV?

Ja. Man kann das nicht so schwarz/weiß trennen. Die These entspricht einfach nicht der Realität, sondern begreift das Phänomen nur an der Oberfläche. Es gibt ja mittlerweile auch beim HSV politische Gruppierungen, die nicht aus den Vororten kommen. Genauso gut sind viele St. Pauli-Fans aus Stade, Buxtehude oder Elmshorn. Es gibt hier sicherlich nicht nur Leute, die auf dem Kiez aufgewachsen sind oder im Schanzenviertel leben.

Ist der Stadtteil für den Club dennoch wichtig?


Sicherlich. Ich glaube nicht, dass man Stadtteil und Club voneinander trennen kann. Der Verein FC St. Pauli und der Stadtteil St. Pauli ist eine Einheit. Und ganz viel von der Magie des Clubs ist darin begründet, dass das Viertel so ist, wie es ist. Hier sind viele Gegensätze beheimatet, hier treffen die unterschiedlichsten Menschen und Kulturen aufeinander. Und hier gibt es auch noch eine lebendige Stadtteilkultur, hier ist Nachbarschaft mitunter etwas ganz anderes als in den übrigen Stadtteilen. Zumindest kennt man so etwas wie Nachbarschaft noch. Dann gibt es diese zahlreiche Szeneläden, viele alternative Clubs, viele politische Spots und ein Stadion mitten in der Stadt. Wo hast du das sonst?

Würde der Club in dieser Form in einem Vorort existieren?


Er würde existieren, aber er hätte sich so nicht entwickelt. Es wäre alles ganz anders gekommen...

Inwiefern hat sich die Fanstruktur des FC St. Pauli seit 1989 geändert?


Das kann ich als Fan, der seit 1989 stets mittendrin ist, schwer beurteilen. Mir fehlt oft etwas die Distanz. Natürlich ist es heute anders als vor 18 Jahren, es gibt mittlerweile viele Fans, die nur zum FC St. Pauli gehen, weil sie dieses Kult-Ding so toll finden. Schlimmes Wort alleine: Kult. Das Publikum ist insofern stärker in den Mainstream gerückt. Trotzdem finde ich, dass es der Club geschafft hat, bestimmte Werte und eine Haltung ins Jahr 2007 zu transportieren. Und daher denke ich, dass ich mit dem Kult-Ding leben kann. Und ich glaube auch, dass der Club das aushalten kann.

Für Sie steht weniger das Kultgefühl als vielmehr der Erfolg der Mannschaft im Vordergrund?

Ja. Ich kenne die Spieler, die Aufstellung, das Umfeld. Ich bin mit dem Herzen dabei. Und mittlerweile kenne ich sogar einige Spieler persönlich. Das ist ein ganz abgefahrenes Gefühl für mich, denn als Jugendlicher blickt man ja immer nach oben, die Spieler sind alle älter und größer. Und plötzlich ist man gleichaltrig oder sogar älter.

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