21.12.2007

König Boris im Interview

„Schlimmes Wort: Kult“

König Boris von „Fettes Brot“ geht seit 1989 zu den Spielen des FC St. Pauli. Damals war der Verein eine neue, anarchische Erscheinung, nun droht er zum unreflektierten Kultobjekt zu werden. Wie begegnet der Erz-Fan den Event-Touristen?

Interview: Andreas Bock Bild: Promo
König Boris, stellen Sie sich vor, ein russischer Ölmilliardär kauft den FC St. Pauli. Welchen Spieler hätten Sie gerne?

Das will ich mir nicht vorstellen, denn es wäre vermutlich das Ende des Vereins.

Ein Verkauf des Stadionnamens wäre demnach für Sie ebenfalls inakzeptabel?

Auf jeden Fall. Wenn ein solcher Stein erst einmal ins Rollen gebracht wird, gibt es kein Halten mehr. Dann wird mit allem Geld gemacht. Natürlich kann man gewisse kommerzielle Tendenzen am Millerntor auch positiv sehen, doch ich bin nach wie der Meinung: Wehret den Anfängen.



Und das wird am Millerntor noch getan?

Natürlich wird hier auch viel genörgelt. Und gelegentlich bin ich auch besorgt über manch eine Entwicklung. Doch wenn ich zu Auswärtsspielen etwa in die Allianz-Arena fahre und mir das Rahmenprogramm dort angucke, wird mir stets bewusst, wie wenig der Kommerz am Millerntor bis dato Einzug erhalten hat. Man merkt dann, dass es auf St. Pauli eben doch noch etwas anders läuft, dass man immer noch nicht versucht, aus jedem Scheiß Geld zu machen.

Kann man einen solchen Prozess überhaupt aufhalten, wenn man mittelfristig wieder in der 1. Bundesliga spielen will?

Ich glaube schon. Ich bin natürlich kein Geschäftsmann, aber ich denke, dass es einfach möglich sein muss. Sonst stirbt der Fußball der jetzigen Form irgendwann. Und dann haben wir Verhältnisse wie beim American Football, wo die Spiele eher Picknick-Veranstaltungen gleichen.

Bis zur Saison 2010/11 soll ein komplett neues und modernes Stadion mit 27.000 Plätzen gebaut werden. Wird der Charakter des Clubs dadurch Schaden nehmen?

Ich glaube kaum. Alles, was ich bis jetzt gesehen habe, ist cool. Die Südtribüne steht nun fast und sieht super aus. Und ich bin froh über diesen Schritt. Zwanzig Jahre wurde darüber geredet, und nun passiert endlich mal etwas.

Sie glauben nicht, dass der marode Charme des alten Stadions das „St. Pauli-Gefühl“ trägt?

Nein. Das ist mir auch ein bisschen zu nostalgisch gedacht. Ich finde ein neues Fußballstadion schon sehr cool. Und das Millerntorstadion bleibt ja an derselben Stelle. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dadurch die Stimmung geschmälert wird. Außerdem glaube ich, dass da nicht irgendetwas entsteht, sondern die Verantwortlichen darauf achten, dass das neue Stadion dem Charakter des Clubs entspricht.

Die Fans des FC St. Pauli gelten gemeinhin als sehr reflektierend was Werbung, Sponsoring und Marketingaktionen angeht. Viele Hardcore-Fans lehnten die „Retter“-T-Shirt-Aktion daher kategorisch ab. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Ich fand, die „Retter“-Aktion war noch im Rahmen. Aber es stimmt, viele PR-Maßnahmen sind übertrieben, und vieles, was nach dem „Retter“-Hype kam, war richtig hart...

Sie haben sich mit Ihrer Band „Fettes Brot“ selbst in das PR-Karussell gesetzt und eine Werbebande mit dem Slogan „Fettes Brot ist doof“ gemietet. Eine Ironisierung der Verhältnisse?

Nein, das haben wir schlicht und einfach aus Geilheitsgründen gemacht. Das war ein Traum – eine Werbebande an der Eckfahne im Lieblingsstadion. Für eine halbe Saison haben wir die von der Plattenfirma bezahlt bekommen. Heute wäre das gewiss viel zu kostspielig.

War das für Sie eine Bestätigung, dass am Millerntor Dinge gehen, die sonst nirgendwo gehen?

Ja, absolut. Genau so habe ich das damals erlebt – und da glaube ich nach wie vor fest dran. Dieses Gefühl ist seit meinem ersten Spiel in mir.

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