Köln-Fan Remo über DFB-Sanktionen

»Es tut verdammt weh«

Remo Cennamo ist Chef und Sprachrohr des Kölner Fanclubs Ultima Ratio Colonia. Beim heutigen Auswärtsspiel in Hoffenheim wird wohl auch er nicht ins Stadion gelassen – Kölner Fans bleibt der Eintritt verwehrt. Köln-Fan Remo über DFB-Sanktionen

Die Vorfälle in fünf Auswärtsspielen der vergangenen Monate hat das DFB-Sportgericht zum Anlass genommen, eine Strafe gegen die Fans vom 1. FC Köln auszusprechen, die es so noch nie gab. Sowohl für Steh- als auch Sitzplätze beim heutigen Auswärtsspiel in Hoffenheim dürfen keine Karten an Kölner Fans verkauft werden. Eine Entscheidung mit Konsequenzen für die Kölner Fanszene.  

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Remo, wie beurteilst Du die Strafe mit der das Sportgericht vom DFB den 1. FC Köln bedacht hat?

Ich bin traurig, das ist die Prämisse. Wir fühlen uns verfolgt. Die Strafe ist überzogen und ihr Zustandekommen ist schlichtweg im medialen Hype der letzten Wochen begründet.

Das Strafmaß rechtfertigt sich laut DFB durch wiederholtes Fehlverhalten von Kölner Fans innerhalb der letzten fünf Monate...

Klar, in der Vergangenheit wurden Fehler gemacht und es wurde somit auch immer absehbarer, dass eine Strafe unausweichlich auf uns zukommen würde. Ich empfinde die Problematik zwar gravierend, aber die Lösung völlig unangemessen. Man trifft letztendlich zu 95% Unschuldige, die sich nie etwas haben zuschulde kommen lassen.

Schon vor einiger Zeit gab es Gerüchte über verschiedene Bestrafungsoptionen...

Unter den Fans wurden seit längerem mehrere mögliche Szenarien skizziert, auch der Begriff »Geisterspiel« machte die Runde. Das Schlimmste wäre natürlich ein Heimspiel vor komplett leeren Rängen gewesen. Für den FC eine Katastrophe!

Ist der 1. FC Köln mit der Bestrafung also glimpflich davongekommen?

Auf gewisse Weise schon, wobei die Strafe auch gleichzeitig ein Einschnitt in die Fankultur in Deutschland ist. Einen Komplettausschuss der Fans einer Mannschaft hat es so wohl vorher noch nie gegeben. Man sollte die Strafe aus dieser Perspektive nicht als kleines Übel abtun.

Als Fan und Organisator von Auswärtsfahrten – wie sehr trifft Dich die Strafe?

Es tut verdammt weh! Ich habe seit zehn Jahren kein Pflichtspiel des FC verpasst, egal ob Heim- oder Auswärtsspiel. Außerdem hat es für viele von uns Tradition, gemeinsam zu den Spielen zu fahren und dabei auch etwas Spaß bei der Fahrt zu haben!

Werden Kölner Fans trotzdem versuchen das Spiel im Stadion zu sehen?

Etliche werden mit Sicherheit versuchen sich unter das Heimpublikum zu mischen. Um zu randalieren fährt aber sicher niemand nach Hoffenheim. Nach den 135 Stadionverboten von Leverkusen lässt sicher keiner mehr zu irgendwelchen Dummheiten hinreißen. Jeder müsste nun verstanden haben, wie schnell man abgekocht werden kann.


Bleibt am Samstag also nur die Option auf Fußball in der Kneipe?

Von wegen! Unsere Jungs von der zweiten Mannschaft benötigen ebenfalls Unterstützung, die spielen an diesem Wochenende ein wichtiges Heimspiel gegen Mannheim im Müngersdorfer Stadion.  Genauso wie unsere Frauenmannschaft. Da werden wir am Start sein.

Hätte man eigentlich Karten für das Spiel gegen Hoffenheim bekommen können?

Das wäre bis zu einen bestimmten Zeitpunkt durchaus möglich gewesen, aber ich habe mich bewusst dagegen entschieden, Karten zu bestellen. Ich habe bis zuletzt gehofft, dass das Spiel für uns stattfinden kann. Hätte ich Karten geordert und wir wären trotz Verbot als größere Gruppe hingefahren, wäre die Wahrscheinlichkeit vor Ort abgewiesen zu werden natürlich größer gewesen. Mit der Aktion hätte ich unseren Mitfahrern sicher keinen Gefallen getan.

Bezogen auf die Probleme, die am Stadion auf Euch zugekommen wären?

Die Unzufriedenheit wäre nach der langen Fahrt und der gewachsenen Vorfreude auf das Spiel mit Sicherheit sehr groß. Wenn es dann stressig wird, ist mir diese Aussicht auf  Probleme mit der Polizei einfach zu riskant.

Wo siehst Du die Neuerung im Vorgehen des DFB?

Die Form der Sanktionierung hat sich verändert. Früher war es meist so, dass die Vereine den Schaden randalierender Auswärtsfans übernehmen und die gesamte Verantwortung allein tragen mussten. Doch nun stellen wir das Paradebeispiel der Entwicklung dar.

Diese soll laut DFB den Anstoß zur Selbstreinigung der Fanszene führen...

Nur steckt hinter der Forderung leider ein hohles Konzept. Leute, die nur einen beschränkten Bezug zur Fanszene haben oder Einzeltäter – solche wie den Kerl der in Bochum gezündelt hat – würde man damit nicht so einfach in den Griff bekommen können.

Ist die Forderung nach einer Selbstreinigung der Kurve umsetzbar?

Sicher nicht solange die Verhältnismäßigkeit zwischen Forderung und Realität nicht übereinstimmen. Keine der geforderten Maßnahmen kann wirkungsvoll umgesetzt werden, wenn gleichzeitig finanzielle Mittel für Sozialreferate und sozialpädagogische Fanprojekte gekürzt werden. Hier müsste man ansetzen, ansonsten kann man genauso gut mit Kanonen auf Spatzen schießen.


Wie beobachten Fans in Deinem Alter eigentlich generell die aktuelle Entwicklung?

Diejenigen, die nicht zur aktiven Szene gehören, kümmert die Thematik kaum. Die würden sich sogar freuen wenn es im Stadion ein bisschen ruhiger werden würde. Diese Einstellung teile ich allerdings nicht.

Welche Standpunkte der Ultras sind vetretbar?

Sicherlich die zum Thema Stadionverbote. Viele der verhängten Verbote sind willkürlich und diskutabel. Bemühungen seitens der Ultras Farbe, Optik und auch Akustik in die Kurve zu bringen unterstütze ich ebenfalls. Es ist ja nicht so, dass jung und alt in völlig unterschiedlichen Welten leben.

Und was stört Dich?

Auch wenn mir das Bild einer stimmungsvollen und farbenfrohen Kurve gefällt, zum Thema Leuchtmittel und Pyrotechnik habe ich eine andere Ansicht. Solange Pyrotechnik sanktioniert ist, muss man zu der Thematik eine andere Meinung haben. Wer das Verbot ignoriert sorgt dafür, dass es uns nur weiter an den Kragen geht.

Ist die »rot-weiße Wand« bloß eine rückhaltlose Inszenierung, wenn diejenigen, die sie bilden nur bei Siegen oder größeren Choreografien als Einheit in Erscheinung treten?

Bei einigen Punkten gehen die Meinungen auseinander und gewisse Fronten sind sogar tatsächlich verhärtet. Die älteren Jungs im Oberrang Süd sind beispielsweise den Aufforderungen der Vorsänger gegenüber total negativ eingestellt. Die Capos der Horde sollten stärker versuchen die Ideen der gesamten Kurve aufzunehmen, situationsbezogener supporten und nicht ständig ihr Geleier abspulen.

Gibt es keine Versuche seitens der Vorsänger die ganze Kurve in die Ideenfindung zu den Gesängen mit einzubeziehen?

Doch, natürlich! Die Vorwürfe kennen die dort unten doch selbst. Nur kommen sie aus der Situation auch teilweise nicht mehr so einfach raus. Oftmals fehlen aber auch Impulse von außen, die es wert wären weiterverarbeitet zu werden Und zum anderen werden die Guten häufig schlichtweg überhört. Leider haben die einen ein Mikrofon und die anderen eben nur ihre Stimme.    

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