06.12.2007

Köbi Kuhn im Interview

„Ich werde lieber gestreichelt“

Die Schweiz gilt als Geheimfavorit für die EM im eigenen Land und Österreich. Weniger geheim ist, dass die Truppe sehr wechselhaft spielt. Wir sprachen mit Trainer Köbi Kuhn über die Gefahr einer nationalen Enttäuschung.

Interview: Roland Wiedemann Bild: Imago
Immer wieder werden Sie mit dem Satz zitiert: „Wir wollen Europameister werden.“ Das hätten Sie wohl besser nicht gesagt…

Der Satz stammt aus einem internen Papier des Schweizerischen Fußballverbandes. Nageln Sie mich nicht fest, ob das Papier auf Ende 2002 oder Anfang 2003 datiert ist. Es war auf jeden Fall nach der Vergabe der Euro 2008 an die Schweiz und Österreich. Hätte ich damals der Verbandsspitze sagen sollen, ‚Meine Herren, sind wir froh, dass wir als Gastgeber ohne Qualifikation dabei sind’? Im Übrigen steht in dem Papier, wir wollen Europameister werden und nicht, wir werden Europameister – das ist ein großer Unterschied.

Was ist in Ihren Augen ein realistisches Ziel?

Die Vorrunde zu überstehen. Je nach Gruppenzusammensetzung kann aber auch das ein sehr hochgestecktes Ziel sein. Bei allem Selbstvertrauen, das wir in uns tragen, ist uns klar, dass wir nicht zu den großen Fußballnationen zählen. Wir müssen als starke Einheit auftreten – so wie die Griechen bei der Euro 2004.

Gibt es Teams, auf die Sie in der Vorrunde ungern getroffen wären?

(lacht) Soll ich Ihnen wirklich all die Länder aufzählen? Nein, in der Tat gibt es Gegner, gegen die wir in der Vergangenheit nichts zu bestellen hatten. Dazu zählen Deutschland und Spanien, insofern bin ich schon sehr froh, dass wir die nicht in unserer Gruppe haben.

Anfang dieses Jahres sind Sie zum „Schweizer des Jahres 2006“ geehrt worden. Nach der Niederlage gegen Deutschland und wenig berauschenden Leistungen auf einer USA-Reise gab es zwei Monate später erstmals heftige Kritik am Trainer Köbi Kuhn seitens der Schweizer Presse. Hat Sie der Stimmungsumschwung hart getroffen?

Damit habe ich kein Problem, da bleibt nichts hängen. Die Wahrheit liegt meist in der Mitte. Ich weiß den Titel „Schweizer des Jahres“ richtig einzuschätzen. In unserem Land gibt es großartige Wissenschaftler, die in aller Stille Aids-Medikamente entwickeln. Im Vergleich zu denen komme ich mir nicht allzu groß vor. Aber Fußball ist nun einmal in der Schweiz die Sportart Nummer eins und steht im Fokus. Auch hierzulande arbeitet die Boulevard-Presse mit Attributen wie Star und Superstar. Hat man Erfolg, kann es schnell mal auf der anderen Seite wieder runter gehen. Ich gebe zu, dass ich lieber gestreichelt als geschlagen werde.

Immerhin wird man als Promi in der Schweiz nicht auf Schritt und Tritt verfolgt.

Richtig. Ich bin froh, dass bei uns der ganze Starrummel bei weitem nicht so ausgeprägt ist wie anderswo. Ich kann gänzlich unbehelligt in einem Café sitzen oder in der Stadt bummeln.

Medienkritik ist die eine Seite. Wie gehen Sie mit Pfiffen der Fans um, die es zuletzt bei den Niederlagen gegen die USA und Nigeria gab?

Pfiffe vom eigenen Publikum sind sicher nicht angenehm. Aber ich habe mir beim USA-Spiel mal erlaubt, auf die Tribüne zu schauen. Die Leute steckten mit einem Lächeln die beiden Finger in den Mund. Wir haben es mit einem neuen Phänomen zu tun. Fußball ist für manche Leute nur noch der Anlass, sich selber zu feiern. Das muss ich als Trainer zur Kenntnis nehmen.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden