Köbi Kuhn im Interview

„Ich werde lieber gestreichelt“

Die Schweiz gilt als Geheimfavorit für die EM im eigenen Land und Österreich. Weniger geheim ist, dass die Truppe sehr wechselhaft spielt. Wir sprachen mit Trainer Köbi Kuhn über die Gefahr einer nationalen Enttäuschung. Imago

Herr Kuhn, nach der 0:1-Niederlage gegen Nigeria wirkten Sie sehr nachdenklich. Der Schweizer Fußball hat tatsächlich schon bessere Tage gesehen. Sind Sie sieben Monate vor dem EM-Start in großer Sorge?

Nein, ich bin guter Dinge. Es ist nur so, dass die Leistungen in diesem Jahr sehr wechselhaft waren. Die Mannschaft hat ein schönes und dann wieder ein weniger schönes Gesicht gezeigt. Ich gehe davon aus, dass jenes gegen die richtig guten Gegner, also das schöne, ihr wahres ist.

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Gegen Deutschland, einen EM-Favoriten, gab es allerdings eine 1:3-Schlappe…

Das ist richtig. Doch wir haben Holland 2:1 geschlagen und gegen Argentinien 1:1 gespielt. Ich will ja nicht jammern, aber wir hatten auch viele Ausfälle zu beklagen. Ich könnte Ihnen eine ganze Mannschaft aus den Verletzten zusammenstellen.

Wie erklären Sie sich die fehlende Konstanz?


Das hat sicher auch damit zu tun, dass es nur Test- und keine EM-Qualifikationsspiele waren. Da kann man jedem einzelnen Spieler noch so oft sagen, dass es für ihn persönlich ein Qualifikationsspiel ist, nämlich um den Platz im Team. Ich weiß, wie Spieler denken und was ihnen die Klubtrainer mit auf den Weg geben, wenn sie zur Nationalmannschaft fahren. Pass auf, dass du dich nicht verletzt, heißt es.

Nach dem Nigeria-Spiel bemängelten Sie die unzureichende Fitness Ihrer Mannschaft.


Da habe ich mich zu allgemein ausgedrückt. Die allermeisten Spieler in meinem Kader sind in konditioneller Hinsicht auf der Höhe, einzelne jedoch nicht, und gegen ein starkes Team wie Nigeria fällt das eben ins Gewicht. Aber wir haben uns in diesem Punkt verbessert.

Sind Sie mit dem Zustand der Bundesliga-Legionäre in Ihren Reihen zufrieden?

Da gibt es keinen Grund zur Klage.

Immer wieder werden Sie mit dem Satz zitiert: „Wir wollen Europameister werden.“ Das hätten Sie wohl besser nicht gesagt…

Der Satz stammt aus einem internen Papier des Schweizerischen Fußballverbandes. Nageln Sie mich nicht fest, ob das Papier auf Ende 2002 oder Anfang 2003 datiert ist. Es war auf jeden Fall nach der Vergabe der Euro 2008 an die Schweiz und Österreich. Hätte ich damals der Verbandsspitze sagen sollen, ‚Meine Herren, sind wir froh, dass wir als Gastgeber ohne Qualifikation dabei sind’? Im Übrigen steht in dem Papier, wir wollen Europameister werden und nicht, wir werden Europameister – das ist ein großer Unterschied.

Was ist in Ihren Augen ein realistisches Ziel?

Die Vorrunde zu überstehen. Je nach Gruppenzusammensetzung kann aber auch das ein sehr hochgestecktes Ziel sein. Bei allem Selbstvertrauen, das wir in uns tragen, ist uns klar, dass wir nicht zu den großen Fußballnationen zählen. Wir müssen als starke Einheit auftreten – so wie die Griechen bei der Euro 2004.

Gibt es Teams, auf die Sie in der Vorrunde ungern getroffen wären?

(lacht) Soll ich Ihnen wirklich all die Länder aufzählen? Nein, in der Tat gibt es Gegner, gegen die wir in der Vergangenheit nichts zu bestellen hatten. Dazu zählen Deutschland und Spanien, insofern bin ich schon sehr froh, dass wir die nicht in unserer Gruppe haben.

Anfang dieses Jahres sind Sie zum „Schweizer des Jahres 2006“ geehrt worden. Nach der Niederlage gegen Deutschland und wenig berauschenden Leistungen auf einer USA-Reise gab es zwei Monate später erstmals heftige Kritik am Trainer Köbi Kuhn seitens der Schweizer Presse. Hat Sie der Stimmungsumschwung hart getroffen?

Damit habe ich kein Problem, da bleibt nichts hängen. Die Wahrheit liegt meist in der Mitte. Ich weiß den Titel „Schweizer des Jahres“ richtig einzuschätzen. In unserem Land gibt es großartige Wissenschaftler, die in aller Stille Aids-Medikamente entwickeln. Im Vergleich zu denen komme ich mir nicht allzu groß vor. Aber Fußball ist nun einmal in der Schweiz die Sportart Nummer eins und steht im Fokus. Auch hierzulande arbeitet die Boulevard-Presse mit Attributen wie Star und Superstar. Hat man Erfolg, kann es schnell mal auf der anderen Seite wieder runter gehen. Ich gebe zu, dass ich lieber gestreichelt als geschlagen werde.

Immerhin wird man als Promi in der Schweiz nicht auf Schritt und Tritt verfolgt.

Richtig. Ich bin froh, dass bei uns der ganze Starrummel bei weitem nicht so ausgeprägt ist wie anderswo. Ich kann gänzlich unbehelligt in einem Café sitzen oder in der Stadt bummeln.

Medienkritik ist die eine Seite. Wie gehen Sie mit Pfiffen der Fans um, die es zuletzt bei den Niederlagen gegen die USA und Nigeria gab?

Pfiffe vom eigenen Publikum sind sicher nicht angenehm. Aber ich habe mir beim USA-Spiel mal erlaubt, auf die Tribüne zu schauen. Die Leute steckten mit einem Lächeln die beiden Finger in den Mund. Wir haben es mit einem neuen Phänomen zu tun. Fußball ist für manche Leute nur noch der Anlass, sich selber zu feiern. Das muss ich als Trainer zur Kenntnis nehmen.

Die Schweizer gelten als eher zurückhaltend. Kann die Euro 2008 dennoch ein großes Fußball-Fest werden?

Da bin ich mir sicher. Es hängt natürlich auch viel von den Rahmenbedingungen ab, die bei der WM in Deutschland bestens waren. Das Wetter hat mitgespielt, und die deutsche Mannschaft zeigte einen begeisternden Fußball. Es wird also auch auf unser Auftreten ankommen.

Ist mit einem frühen Ausscheiden der Schweiz die Stimmung dahin…


Nein, nein. In der Schweiz leben viele Italiener, Spanier, Portugiesen und inzwischen ja auch einige Deutsche (lacht).

Sie machen nach der EM Schluss. Ihr Nachfolger soll noch im Frühling, also vor der Euro 2008, vorgestellt werden. Ist das ein klug gewählter Zeitpunkt?

In meinen Augen ja.

Weil sonst das Turnier von Diskussionen über den richtigen Mann überschattet sein könnte?

Ja, das ist ein wichtiges Argument.

Fürchten Sie nicht einen Autoritätsverlust innerhalb der Mannschaft?


Nein. Die Gefahr bestünde, wenn ich Vereinstrainer wäre. Aber als Nationaltrainer ist das anders.

Können Sie sich auch einen Ausländer als Nachfolger vorstellen?

Prinzipiell halte ich es für sinnvoll, wenn der Nationaltrainer ein Einheimischer ist. Unter meinen Vorgängern waren Leute aus Argentinien, Portugal und sonst woher, teilweise mit weniger großem Erfolg. Am Ende ist es aber wie überall: es zählen die Resultate und wie die Mannschaft auftritt.

Kommt für Sie Ottmar Hitzfeld in Frage, obwohl er Deutscher ist?

Ottmar kann eigentlich nicht als Ausländer bezeichnet werden. Er hat viel Zeit in der Schweiz verbracht und ist immer noch oft hier. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob Ottmar wirklich Interesse hat oder ob das nur die Medien aufbauschen. Letztendlich ist es die Entscheidung von Ottmar. Eigentlich interessiert mich das Thema auch nicht. Ich kann nur sagen, dass ich meinem Nachfolger eine intakte Mannschaft übergeben werde.

Was wünschen Sie sich ganz persönlich von Ihren Landsleuten für die EM und die Zeit danach?

Sie sollen mich als Menschen nehmen, wie ich bin. Es liegt mir nicht, in irgendwelche Rollen zu schlüpfen. Das wäre viel zu anstrengend, wie ich meinen Spielern einmal erklärt habe.

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