Knut Reinhardt über den Lehrerberuf

»Viele haben mich belächelt«

Knut Reinhardt über den Lehrerberuf

Knut Reinhardt, Sie arbeiten seit Februar als Grundschullehrer in Dortmund. Warum sind Sie nicht den Weg vieler Ex-Profis gegangen und einfach Trainer geworden?

Nach meinem Karriereende stand ich vor der Entscheidung, ob ich jetzt einfach irgendwas mache oder etwas, wo ich selbst voll dahinter stehe. Und ich wollte eben schon immer unbedingt mit jungen Menschen arbeiten. Nicht nur auf dem Platz. Deshalb habe ich dann angefangen, Lehramt zu studieren.

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Man hört in letzter Zeit ja immer wieder Horromeldungen aus deutschen Schulen. Überforderte Leherer, zu große Klassen, Burnout-Syndrom. Wäre es da nicht doch der einfachere Weg gewesen, in der Bundesliga zu bleiben?

Vielleicht. Ich habe es ja auch kurzzeitig versucht, habe sogar mal meine A-Lizenz gemacht. Aber das ist eben nicht meine Welt. Gerade als Trainer im Profibereich, in einem Geschäft das so schnellebig geworden ist. Da lebst du dann wieder nur aus dem Koffer, stehst ständig unter Strom. Das wollte ich nicht.   

Also keine schwere Entscheidung.

Nein. Ich habe einfach gemerkt, dass ich etwas komplett anderes machen will. Auch, weil mir die damaligen Tendenzen im Profifußball, die zunehmende Kommerzialisierung nicht gefallen haben Der Sport hat sich gerade am Ende der 90er Jahre massiv verändert.   

Was genau meinen Sie?
Die Spieler haben sich in dieser Zeit immer mehr von den Fans entfernt. Da ist eine Distanz entstanden, die es noch nicht gab, als ich angefangen habe. Damals war das normal, dass der Vater mit seinem Sohn nach dem Spiel oder dem Training zu uns kam und wir haben eben noch die Zeit genommen und Autogramme geschrieben.   

Sie haben mehr als sieben Jahre studiert, waren dann zwei Jahre Referendar. Waren Sie in all der Zeit immer überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben?
 
Natürlich gab es Momente, in denen ich gezweifelt habe. Da steckt man sich ein Ziel, das sieben Jahre weg ist und weiß gar nicht, ob das alles so klappt, wie man sich das vorstellt. Am Anfang haben mich ja auch noch viele Leute belächelt. Das war nicht einfach.  

Die Zweifel und der anfängliche Spott waren aber nicht die einzigen Herausforderungen, vor denen Sie während des Studiums gestanden haben.
Ich musste mich natürlich auch komplett umstellen, erst wieder lernen zu lernen. Außerdem habe ich Familie, vier Kinder, da war es oft schwer, beides unter einen Hut zu bringen. Es war auch nicht so, dass ich da einen Star- oder Profibonus hatte. Im Gegenteil. An der Uni wurde mir nichts geschenkt, da haben die Dozenten eher noch genauer hingeschaut. Da ist es gar nicht so gut gewesen, “berühmt” zu sein.  

War es schwierig für Sie, nicht mehr im Bundesliga-Rampenlicht zu stehen und nur noch einer unter vielen Studenten zu sein?

Für mich war es nie wichtig, im Rampenlicht zu stehen. Ich habe mich damit sehr wohl gefühlt, habe es genossen, an der Uni einfach abzutauchen und Leute kennen zu lernen, die eine ganz andere Lebensgeschichte haben als ich.   

Trennen Sie Ihre beiden Leben, den Spieler und den Lehrer Knut Reinhardt, heute voneinander?
Ich denke schon. Aber es gibt natürlich immer wieder Überlappungen. Immerhin war ich als Profi schon mal da, wo viele von den Jungs, die ich hier in Dortmund unterrichte, gerne hinwollen. Wenn ich mit meiner Klasse mal einen Ausflug zum Trainingsgelände mache, und dann kommt der Jürgen Klopp und schüttelt mir die Hand, macht das auf die Kinder einen enormen Eindruck. Zumindest da habe ich dann doch noch meinen Profibonus.  

Wieviel von dem, was Sie aus dem Fußball mitgenommen haben, lässt sich auf die Arbeit als Lehrer übertragen?

Einiges. Ich denke, dass gerade der Fußball dafür prädestiniert ist, Kinder auf das Leben vorzubereiten. Ähnlich wie in einer Fußballmannschaft kommt es in der Schule auf Teamgeist und Hilfsbereitschaft an. Eben jene grundlegenden Sozialkompetenzen, die heute mehr denn je gefragt sind.   

Gibt es noch andere Erfahrungen aus Ihrer aktiven Zeit, die sich heute als besonders nützlich erweisen? 

Ganz klar. Ich arbeite hier in Dortmund an einer Brennpunktschule, 83 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund. In meiner Zeit als Fußballer habe ich aber gelernt, mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und Mentalitäten umzugehen und zusammen zu arbeiten. Das hilft mir heute sehr. Der Sport in dieser Hinsicht einfach ein roter Faden für mich.   Sie haben mal gesagt, der Stress während des Studiums sei für Sie eine absolut grenzwertige Erfahrung gewesen. Jetzt reden Fußballer ja auch oft von dem Druck, der auf ihnen lastet. Kann man das vergleichen?

Nein. Das waren teilweise Stresssituationen, die ich aus dem Fußball nicht kannte. Besonders während der Zeit als Referendar. Die Unterrichtsbesuche, die Prüfungen. In der Schule sind es eben nicht nur 90 Minuten. Da hängt viel mehr dran. Aber grundsätzlich gilt bei beidem, dass du nur bestehen kannst, wenn du gut vorbereitet bist.  

Hat dieser neue Blickwinkel, den Sie durch das das Studium und die Arbeit an der Schule erhalten haben. die Verbissenheit des Fußballgeschäfts relativiert?
Jetzt im Nachhinein denke ich, dass viele Fußballer gar nicht wissen, dass sie so mit den schönsten Beruf der Welt haben. Die sind unzufrieden oder erzählen eben von diesem ständigen Druck. Dabei stehen andere Menschen vor viel größeren Herausforderungen. Ich sehe das ja oft bei den Kindern,  die zuhause in schwierigen Verhältnissen aufwachsen, wo die Familien jeden Tag schauen müssen, dass sie irgendwie über die Runden kommen.   

War es auch dieser Blick über den Tellerrand, der Sie gereizt hat?
Es ist einfach eine riesige Herausforderung. Gerade in der Grundschule ist es meine Aufgabe, die Begeisterung, die die Kinder oft am ersten Schultag noch mitbringen, so lange wie möglich zu erhalten. Wenn man Kindern etwas beibringt und dann sieht, dass sie das umsetzen, das gibt mir unheimlich viel zurück.   

Also war die Entscheidung, Lehrer zu werden, die richtige?
Ich kann heute sagen, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich bin meinen Weg gegangen und fühle mich sehr wohl in meinem Job. Schule ist mittlerweile positiver Stress für mich.  

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