Knut Reinhardt über den Champions-League-Triumph 1997

»Ich saß im Anzug auf der Tribüne«

Es sollte das größte Spiel seines Lebens werden, doch statt für seine Mannschaft im Champions-League-Finale 1997 auf dem Rasen zu stehen, hockte Knut Reinhardt nur auf der Tribüne. Hier erinnert er sich an eine schlimme Nachricht von Ottmar Hitzfeld und eine Grätsche von Paul Gascoigne.

Knut Reinhardt, wir wollten eigentlich mit Ihnen über Final-Erfahrungen sprechen.
Aber?

Bei Dortmunds Champions-League-Sieg 1997 standen Sie ja gar nicht auf dem Platz!
Ich saß noch nicht mal auf der Bank.

Warum nicht?
Sie legen Ihren Finger in eine ganz alte Wunde, die aber inzwischen glücklicherweise vernarbt ist. In jener Saison stand ich regelmäßig für den BVB in der Champions League auf dem Platz, aber für das Finale durfte unser Trainer nur 16 Spieler nominieren. Wir flogen trotzdem mit der kompletten Mannschaft zum Finalort München, und bis wenige Stunden vor dem Anpfiff machte ich mir Hoffnungen, am Abend im Kader zu stehen. Bis Ottmar Hitzfeld Wolfgang Feiersinger und mich zu einem Gespräch bat.

Was wollte Hitzfeld von Ihnen?
Er sagte Wolfgang und mir, dass wir auf den Kaderplätzen 17 und 18 stehen, wir also nicht dabei sein würden. Hitzfeld hat das damals, glaube ich, richtig mitgenommen. Schließlich waren wir erfahrene Spieler und er wusste, was er an uns hatte.

Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?
Ich war auf einmal ganz leer. Den ganzen Tag lang hatte ich unter Strom gestanden, jetzt fiel das alles von mir ab. Natürlich war ich wahnsinnig enttäuscht und traurig.

Haben Sie die Entscheidung des Trainers nachvollziehen können?
Erst Wochen später. Dass sie nicht ganz falsch sein konnte, hatte da ja schon der Titelgewinn bewiesen. Aber ich brauchte meine Zeit, um die Enttäuschung zu verdauen.

Das Finale von München gegen Juventus Turin wäre das Spiel Ihres Lebens gewesen.
Und stattdessen saß ich im Ausgehanzug im Mannschaftsbus und verabschiedete mich auf die Tribüne, während die Jungs die Taschen schulterten und in die Kabinen gingen. Das war wirklich kein schönes Gefühl.

Wie haben Sie die 90 Minuten erlebt?
Erst saßen Wolfgang Feiersinger und ich wie begossene Pudel in unseren Anzügen auf der Tribüne, aber als Lars am Ende das Ding ins Tor lupfte, lagen wir uns schreiend in den Armen. Kurz nach dem Schlusspfiff enterten wir die Kabinen – da saßen die Kollegen in Unterhosen und bespritzten sich mit Champagner. Wir waren Champions-League-Sieger – und zwar die ganze Mannschaft.

Hat man Ihnen denn wenigstens eine Medaille übrig gelassen?
Natürlich! Und den Pott habe ich selbstverständlich auch mal streicheln dürfen. Außerdem hatte die Vereinsführung beschlossen, jedem Spieler aus der Mannschaft die volle Siegprämie für den Titel auszuzahlen – ein feiner Zug.



Wo lagert Ihre Champions-League-Medaille heute?
In einer Box in einem großen Karton mit vielen anderen Erinnerungsstücken.

Herr Reinhardt, Sie lassen Ihre Trophäen einfach so verstauben?
Wo denken Sie hin?! Bislang habe ich eben nur noch keinen passenden Platz gefunden.

Nach 16 Jahren?
Wenn die Kinder aus dem Haus sind, wollte ich mir vielleicht eh ein Fußballzimmer einrichten…

Weiß Ihre Frau davon?
Naja, das soll eine Überraschung werden…(lacht).

Eines Ihrer Erinnerungsstücke haben Sie jüngst dem Dortmunder Vereinsmuseum, dem »Borusseum« übergeben: Ein Trikot von Ole-Gunnar Solksjaer, dem Mann, der 1999 den Siegtreffer im legendären Finale gegen die Bayern schoss.
1997 trafen wir im Halbfinale auf Manchester United, daher habe ich sein Trikot. Und als das »Borusseum« nach ein paar Sammlerstücken fragte, fiel mir das Leibchen von Solskjaer wieder ein.

Natürlich nur, um an die Halbfinal-Spiele von 1997 zu erinnern und nicht, um die Bayern zu ärgern.
Doch, das war schon die Intention dabei (lacht). Im Ernst, das ist doch das Schöne am Fußball: Dass man sich über so eine Geschichte aufregen oder freuen kann.

Ist das Solskjaer-Shirt das spektakulärste Trikot in Ihrer Sammlung?
In der Champions-League-Gruppenphase 1995/96 trafen wir auch auf die Glasgow Rangers. Da spielte ein kleiner Engländer namens Paul Gascoigne, zufällig mein Gegenspieler. Nach wenigen Minuten trat er mich über den Haufen. Ich stand sofort wieder auf, rumjammern war ja noch nie mein Ding. Das imponierte ihm. Kurz danach haute ich ihn um. Da stand er auf, lachte nur und gab mir die Hand. Nach dem Spiel tauschten wir dann unsere Trikots. Das Teil ist mir also schon was wert.

Werden Sie eigentlich am Samstag im Wembley-Stadion anwesend sein?
Der BVB hat alle Sieger von 1997 samt Anhang nach London eingeladen, eine tolle Geste.

Dann sitzen Sie ja schon wieder im Anzug auf einer Tribüne, während unten Borussia Dortmund ein Champions-League-Finale bestreitet!
Der Dresscode lautet »sportlich-leger«. Das steht mir auch besser als so ein Anzug. Passt irgendwie auch besser zum Verein.

Hat Ihr ehemaliger Klub denn überhaupt eine Chance gegen die übermächtigen Bayern?
Bayern spielt eine großartige Saison, keine Frage. Aber der BVB hat seine wichtigen Spiele in dieser Saison auch deshalb gewinnen können, weil die Spieler Herzblut vergossen haben. Und das ist heute noch so wie damals: Das Herz gewinnt die großen Spiele.

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