Klopp-Berater Marc Kosicke im Interview

»Die Frage nach einem Wechsel stellt sich nicht«

Marc Kosicke ist der Berater von Jürgen Klopp. Laut des Dortmunder Trainers verhandelte er ihn einst »in Grund und Boden«. Im Interview spricht Kosicke über das Image des Dortmunder Trainers und Gerüchte um einen Wechsel ins Ausland.

Marc Kosicke, es gibt viele Spielerberater, Trainerberater sind da eher seltener. Wie kam es dazu, dass Sie sich gerade für dieses Klientel interessiert haben?
Ich habe vorher in der Sportartikelbranche gearbeitet und hatte dabei viel mit Spielern, deren Beratern, aber auch mit Trainern zu tun. Ich fand es spannender, Leute aus der Führungsebene zu beraten. Und ich habe auch einen Bedarf gesehen. Die Trainer von heute brauchen Unterstützung. Ihr Aufgabenfeld ist sehr umfangreich geworden. Ein Trainer muss inzwischen Managementfähigkeiten mitbringen. Er ist darüber hinaus sein eigener Pressesprecher und wie kein anderer im Klub für die Außendarstellung des Vereins verantwortlich.
 
Jürgen Klopp war einer Ihrer ersten Klienten.
Er war Markenbotschafter für das Sportartikelunternehmen, für das ich  arbeitete. In der Zeit hat sich eine Freundschaft entwickelt. Als ich dort kündigte, um mit Oliver Bierhoff eine eigene Agentur zu gründen, ist Jürgen auf mich zugekommen und meinte: »Du hast mich in Grund und Boden verhandelt, kannst du jetzt nicht deine Fähigkeiten zu meinen Gunsten einsetzen?«
 
Aus dem netten Herrn Klopp ist ein Journalistenschreck geworden. Sie wissen, was man Jürgen Klopp fragen darf und was nicht?
Ja, das weiß ich. Jürgen hat ein Problem damit, wenn er etwas gefragt wird, worauf er nur eine blöde Antwort geben kann. Wie beim Interview nach der Hinspielniederlage gegen Real Madrid. Soll er sagen, ja ich gebe auf? Wir telefonieren regelmäßig und sprechen über solche Situationen. Aber ich gebe ihm keine Ratschläge, wie er sich in der Öffentlichkeit oder Journalisten gegenüber am besten verhalten soll. Jürgen weiß selbst, wenn er übers Ziel hinausschießt. Und er ist sich dann auch nicht zu schade für eine Entschuldigung.
 
Giftige Antworten auf Interviewfragen, Auseinandersetzungen mit den Vierten Offiziellen – müssen Sie sich nicht Sorgen um Jürgen Klopps Image machen?
Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Jürgen ist, wie er ist. Ich kenne keinen Menschen, der sich weniger strategisch verhält als er. Man kann ihn nicht für seine totale Authentizität wertschätzen und gleichzeitig von ihm verlangen, sich zu verbiegen. Ich berate auch Torsten Lieberknecht und der fand sich zuletzt in seinem Coaching eingeschränkt, weil er sich in seiner Arbeit am Spielfeldrand total beobachtet gefühlt hat – von den Fernsehkameras, vom Vierten Offiziellen, von den Journalisten. Man darf sich nicht wundern, wenn beispielsweise die Spieler immer stromlinienförmiger werden.
 
Aber Fakt ist: Jürgen Klopp hat auch eine Vorbildfunktion und sollte sich deshalb manchmal besser im Griff haben. Warum gelingt ihm das manchmal nicht?
Weil er ein Mensch mit Stärken und Schwächen ist, dem wie Ihnen oder mir leider auch nicht alles gelingt, was er sich vornimmt.
 
Gibt es einen Trainer, mit dem Sie gerne arbeiten würden?
Markus Weinzierl. Er scheint ein großer Fachmann zu sein. Seine Art des Coachings gefällt mir. Eine professionelle Mischung aus Engagement und Gelassenheit.
 
Und Pep Guardiola?
Natürlich auch ein super Typ. Mir hat Ottmar Hitzfeld als Trainer und Persönlichkeit immer sehr imponiert.

Sie kannten das Fußballgeschäft schon vor Ihrer Tätigkeit als Berater ganz gut. Gab es dennoch Überraschungen, als Sie noch tiefer in diese Welt eintauchten?
Vieles hatte ich mir so vorgestellt. Überrascht hat mich dann aber doch, wie unstrukturiert die Besetzung des Trainerpostens oftmals abläuft. Ich war es gewohnt, dass in einem Unternehmen auf der Grundlage der Unternehmensphilosophie ein Profil erstellt und danach die Führungskraft gesucht wird. Das hätte ich für die Trainerposten auch so erwartet. Doch das war und ist häufig nicht der Fall.
 
Hat sich die Herangehensweise der Klubverantwortlichen bei der Trainersuche im Laufe Ihrer Tätigkeit geändert?
Ich bin jetzt seit sieben Jahren selbstständig im Geschäft. Und ich habe schon den Eindruck, dass die Verantwortlichen in den Klubs sensibler geworden sind. Es wird auch stärker auf die  Ausbildung des eigenen Trainernachwuchses geachtet. Man sieht das an den Beispielen Christian Streich oder Thomas Tuchel. Inzwischen gibt es Beispiele, dass mehr Wert auf eine bestimmte Philosophie gelegt und danach das Trainerpersonal ausgesucht wird. Aber wenn der Druck wächst, wird der Pfad nur allzu schnell wieder verlassen. Nehmen wir das Beispiel Stuttgart, wo ein Thomas Schneider durch einen Huub Stevens ersetzt wurde.
 
Ist der Trainer das schwächste Glied im Profifußball?
Nicht unbedingt. Nehmen wir Dortmund, Braunschweig, Freiburg oder Mainz. Dort genießen die Trainer einen besonderen Stellenwert im Klub. Man spürt, dass sie die wichtigsten Mitarbeiter sind. Und dann gibt es wieder andere Vereine, die schon viele Trainer verschlissen haben, während die Sportdirektoren immer noch die selben sind. In Deutschland beträgt die durchschnittliche Verweildauer eines Trainers bei einem Klub – bezogen auf die letzten fünf Jahre – elf Monate. Dabei reden alle von Nachhaltigkeit. Ein guter Trainer und ein guter Verein zeichnen sich dadurch aus, dass sie gemeinsam auch mal durch eine Krise gehen.
 
Erfährt der Trainer in anderen Ländern mehr Wertschätzung als in Deutschland?
In England oder Italien ist das schon anders. In England ist der Trainer der Manager und in Italien der Mister. Das sagt schon einiges aus.
 
Was sind Sie, wenn einer Ihrer Klienten das Schicksal einer Entlassung ereilt: der Seelentröster oder vor allem der Mann, der möglichst schnell wieder einen neuen Arbeitgeber finden soll?
Eine Mischung aus beidem. Tatsächlich muss ich die meisten Gespräche mit jenen Klienten führen, die entweder kurz vor einer Entlassung stehen oder einen neuen Job suchen. Der Job ist ja nicht nur für den Trainer, sondern auch für Sie und mich eine der wichtigsten Identifikationssäulen. Als Trainer verliert man  seinen Job  öffentlich – das darf nicht unterschätzt werden.
 
Was macht man als Trainer als erstes nach der Entlassung?
Am besten Urlaub. Man fährt weg, um Abstand zu gewinnen. Aber es gibt auch Trainer, die am nächsten Wochenende schon wieder im Stadion sitzen und dem Nachfolger Beifall klatschen.
 
Kommt es vor, dass ein Trainer seine Entlassung wie eine Art Befreiung erlebt, weil der ganze Druck dann von ihm abfällt?
Ja, dieses Gefühl gibt es. Aber es kommt erst später. Ich habe noch keinen Trainer erlebt, der sich eine Entlassung förmlich herbeigesehnt hat, damit das Leiden ein Ende hat. Die würden alle gerne weiter machen. Manchmal wundert es mich auch, wie viele Leute unbedingt als Profifußballtrainer arbeiten wollen. Es ist ein sehr harter Job. Als Trainer steht man permanent unter Beobachtung. Und die Journalisten bewerten die Arbeit des Trainers ausschließlich aufgrund der 90 Minuten am Wochenende. Die Arbeit unter der Woche, wie er das Training gestaltet, seine Trainingsformen, den Umgang mit der Mannschaft, das spielt alles keine Rolle. Und vom ersten Tag an wird die Uhr zurück gezählt. Man weiß als Trainer, dass die Zeit bei einem Verein begrenzt ist.
 
Jürgen Klopp genießt bei seinen Vorgesetzten den uneingeschränkten Rückhalt. Und dennoch steht auch er scheinbar unter großem Druck.
Es gibt auch den positiven Druck. Da hast du als Trainer mit deiner Mannschaft ein bestimmtes Niveau erreicht und dann verlierst du Spieler wie Götze oder Lewandowski. Aber du willst das Niveau und deine eigenen Erwartungen nicht herunter schrauben und sagst: wir müssen auf diesem Niveau bleiben. Ich weiß, dass Jürgen Klopp sehr großen Respekt vor der Leistung von Ottmar Hitzfeld hat, wie er bei Dortmund und beim FC Bayern München mit dieser immensen Doppelbelastung von Bundesliga und Champions League umgegangen ist, einer Belastung, die auch einem Trainer schwer zu schaffen macht. Man hat keine Zeit, sich  auszuruhen, einen Sieg zu genießen.
 
Wie gehen Sie vor, wenn Sie für einen Ihrer Klienten einen neuen Arbeitgeber suchen müssen?
Oftmals ist die Zahl der in Frage kommenden Klubs nicht so groß. Man schaut dann: Wie hat sich der betreffende Klub entwickelt. Passt mein Klient dorthin oder nicht? Wie lange ist man dort Trainer? Welches Budget für Spieler steht zur Verfügung? Am Ende entscheiden die Faktenlage, aber auch das Bauchgefühl. Es gibt Angebote, da sage ich: »Das würde ich lassen und lieber noch ein bisschen warten.«
 
Diese Woche tauchten Gerüchte aus Spanien auf, wonach der FC Barcelona an Jürgen Klopp interessiert sei. Würde er dorthin passen?
Aufgrund seiner Kompetenz passt Jürgen zu jedem Topklub der Welt. Allerdings ist seine Eloquenz, die Sprache ein sehr wichtiges Stilmittel seiner Arbeit. Und Jürgen spricht kein Spanisch. Sein Englisch ist inzwischen schon sehr gut. Aber die Frage nach einem Wechsel stellt sich derzeit absolut gar nicht. Jürgen Klopp und Borussia Dortmund – das ist einfach echte Liebe.

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