Klaus Toppmöller über Bayern-Lyon

»Wie auf der Playstation«

2002 gelang Klaus Toppmöller mit Bayer Leverkusen der Durchmarsch bis ins Champions-League-Finale – als bislang letzte deutsche Mannschaft. Ein Gespräch über Arjen Robben, Michael Ballack und Konsolenspieler. Klaus Toppmöller über Bayern-LyonImago

Klaus Toppmöller, welche Chancen räumen Sie den Bayern im Halbfinale gegen Olympique Lyon ein?

Das ist eine Fifty-Fifty-Paarung. Wer da weiterkommt, ist vor allem von der Tagesform abhängig.

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Was ist aus Ihrer Sicht das entscheidende Kriterium, dass die Bayern international schon so weit gekommen sind und in der letzten Runde Manchester United ausschalten konnten?

Dass Ribery wieder fit ist und gemeinsam mit Robben auflaufen kann, ist für mich entscheidend. Die beiden sind absolute Weltklasse, wobei ich auch Bastian Schweinsteiger in dieser Kategorie sehe.

Was macht einen Spieler wie Arjen Robben im Vergleich zu anderen Fußballern aus?

Seine Stärke in Eins-gegen-eins-Situationen. Einer wie Robben muss ja permanent gedoppelt werden, was natürlich viele Freiräume für die Mitspieler schafft. Robben hat außerdem enorm viele entscheidende Tore gemacht, nicht nur neulich gegen Manchester. Ohne ihn ist die Erfolgsserie der Bayern undenkbar!

2002 standen Sie mit Leverkusen als bislang letzte deutsche Mannschaft im Champions-League-Finale. Wer war denn damals Ihr Arjen Robben?

Bei uns war das auf mehrere Schultern verteilt. Michael Ballack hat seine beste Saison als Fußballer gespielt, er war taktisch und läuferisch hervorragend und hat damals auch die beste Torausbeute seiner Karriere gehabt. Aber auch Leute wie Lucio, Ze Roberto und Bernd Schneider waren Weltklasse.

Lucio schoss Sie damals mit seinem 4:2 gegen Liverpool ins Halbfinale...


Wenn es mal vorne nicht so lief, hatte Lucio immer den Drang, es selbst zu probieren. Aber alles in Maßen, Carsten Ramelow sicherte zumeist hinten ab. Aber seine Dynamik war unwahrscheinlich: Der ist ja an fünf, sechs Mann vorbeigedüst, da dachte man, die seien gar nicht auf dem Platz...

Von der Dramaturgie ist das Liverpool-Spiel wohl kaum zu überbieten.

Absolut! Es ging hin und her, mal waren wir weiter, dann wieder die, dann wieder wir... Das Spiel ist eine meiner schönsten Erinnerungen an diese Saison.

Bis heute schwärmen die Leute vom begeisternden Offensivfußball, den Sie damals spielen ließen. Sie selbst waren einer der erfolgreichsten Bundesliga-Angreifer. Liegt es da nahe, ein offensiv denkender Trainer zu sein?

Das kann man so nicht verallgemeinern. Ich wollte als Trainer immer spielstarke Mannschaften haben, mit Leuten, die kicken können. Darauf habe ich bei Transfers immer geachtet, und so habe ich es überall gehalten. In Bochum schwärmt man heute noch von unserem 5:3 gegen Trabzonspor oder dem 4:1 gegen Brügge. Das waren Spiele vom Allerfeinsten!

In Leverkusen konnten Sie aber auf die Kaderplanung nicht wirklich einwirken, Sie kamen ja erst im Sommer 2001 an Bord.

Das stimmt, mit Emerson ging zudem noch ein sehr guter Spieler weg. Ich musste mit den Spielern arbeiten, die ich hatte. Ich kannte die Mannschaft sehr gut und entwickelte aufgrund der Spieler und meiner Vorstellungen eine Philosophie. Bernd Schneider beispielsweise hatte vorher nie gespielt, bei mir wurde er ein Schlüsselspieler.

Die Saison war ein einziger Kraftakt. Alleine in der Champions League mussten Sie mit Qualifikation und Zwischenrunde 19 Mal antreten, zusammen mit Pokal und Liga kamen Sie auf 59 Pflichtspiele. Ging Ihre Mannschaft am Ende schlicht auf dem Zahnfleisch?

Auf jeden Fall. Wir hatten nur 14 Mann, die mehr oder weniger auf einem Niveau spielen konnten, groß rotieren konnte ich also nicht. Jens Nowotny fiel gegen Ende mit einem Kreuzbandriss aus. Im Jahr darauf machte es sich noch mehr bemerkbar. Ballack war weg und die anderen Leistungsträger hatten ja alle auch die WM noch bis zum Ende durchgespielt. Wir waren plötzlich nur noch halb so gut.

Louis van Gaal kann heute auf einen deutlich breiter aufgestellten Kader zurückgreifen.

Die Bayern können außer Robben und Ribery praktisch jeden Spieler eins zu eins ersetzen. Klose würde vermutlich genau so treffen wie Gomez, wenn er spielen würde.

Finden Sie es ungerecht, wenn manche dennoch sagen, das »Jahr der zweiten Plätze« sei am Ende enttäuschend gewesen, weil kein einziger Titel dabei heraussprang?

Das ist doch ein Witz. Diejenigen, die das sagen, sollen mal schauen, was vor der Saison über uns geschrieben wurde. Udo Lattek tippte uns auf Platz 7, alle anderen noch schlechter. Von Champions League war da überhaupt keine Rede. Wir mussten ja auch erst gegen Roter Stern Belgrad durch die Qualifikation. Dass wir am Ende der Saison eine solche Leistung gegen das Star-Ensemble von Real mit Zidane und Co. abliefern würden, hätte kein Mensch für möglich gehalten. Deshalb ist es dumm und lachhaft, von einer enttäuschenden Saison zu reden.

Warum hat Michael Ballack, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, seitdem bei keiner Mannschaft eine solch dominante Rolle eingenommen?

Die Taktik war damals ganz auf ihn zugeschnitten. Michael wusste genau, wann er in der Defensive gebraucht wurde und wann es vorne abging. Heute spielt er bei Chelsea und in der Nationalmannschaft deutlich defensiver – das ist verschenktes Potenzial, weil seine Torgefahr völlig verloren geht. Er hat ja damals bei uns alleine in der Bundesliga 17 Tore geschossen.

Noch einmal zurück in die Gegenwart: Denken Sie, dass Barca zu stoppen ist?

Ich kann es kaum glauben. Wenn Iniesta noch mitspielt, sind sie im Grunde nicht zu schlagen. Messi sticht heraus, aber Xavi und Iniesta sind ebenfalls Weltklasse. Mit denen kann man auch jede Taktik spielen, Xavi ist ja wie ein Playstation-Spieler: Er macht alles richtig, steht richtig, läuft richtig, schlägt perfekte Pässe... Als Trainer muss man da gar nicht mehr viel machen. So einen hatten wir damals auch, der wird nur immer gerne vergessen. Beim Taktiktraining hätte ich den am liebsten heimgeschickt, weil er schon alles konnte: Diego Placente.

Letzte Frage: Was ist ihr Tipp für das Spiel heute Abend?


Das ist schwierig. Ich würde sagen, ein knapper Sieg für die Bayern. Aber im Rückspiel wird das nochmal richtig schwierig. Lyon ist eine richtig starke Mannschaft. Es hängt sicher auch davon ab, wie viele von den sieben Franzosen, die mit Gelb vorbelastet sind, ausfallen.

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