Die Saison war ein einziger Kraftakt. Alleine in der Champions League mussten Sie mit Qualifikation und Zwischenrunde 19 Mal antreten, zusammen mit Pokal und Liga kamen Sie auf 59 Pflichtspiele. Ging Ihre Mannschaft am Ende schlicht auf dem Zahnfleisch?
Auf jeden Fall. Wir hatten nur 14 Mann, die mehr oder weniger auf einem Niveau spielen konnten, groß rotieren konnte ich also nicht. Jens Nowotny fiel gegen Ende mit einem Kreuzbandriss aus. Im Jahr darauf machte es sich noch mehr bemerkbar. Ballack war weg und die anderen Leistungsträger hatten ja alle auch die WM noch bis zum Ende durchgespielt. Wir waren plötzlich nur noch halb so gut.
Louis van Gaal kann heute auf einen deutlich breiter aufgestellten Kader zurückgreifen.
Die Bayern können außer Robben und Ribery praktisch jeden Spieler eins zu eins ersetzen. Klose würde vermutlich genau so treffen wie Gomez, wenn er spielen würde.
Finden Sie es ungerecht, wenn manche dennoch sagen, das »Jahr der zweiten Plätze« sei am Ende enttäuschend gewesen, weil kein einziger Titel dabei heraussprang?
Das ist doch ein Witz. Diejenigen, die das sagen, sollen mal schauen, was vor der Saison über uns geschrieben wurde. Udo Lattek tippte uns auf Platz 7, alle anderen noch schlechter. Von Champions League war da überhaupt keine Rede. Wir mussten ja auch erst gegen Roter Stern Belgrad durch die Qualifikation. Dass wir am Ende der Saison eine solche Leistung gegen das Star-Ensemble von Real mit Zidane und Co. abliefern würden, hätte kein Mensch für möglich gehalten. Deshalb ist es dumm und lachhaft, von einer enttäuschenden Saison zu reden.
Warum hat Michael Ballack, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, seitdem bei keiner Mannschaft eine solch dominante Rolle eingenommen?
Die Taktik war damals ganz auf ihn zugeschnitten. Michael wusste genau, wann er in der Defensive gebraucht wurde und wann es vorne abging. Heute spielt er bei Chelsea und in der Nationalmannschaft deutlich defensiver – das ist verschenktes Potenzial, weil seine Torgefahr völlig verloren geht. Er hat ja damals bei uns alleine in der Bundesliga 17 Tore geschossen.
Noch einmal zurück in die Gegenwart: Denken Sie, dass Barca zu stoppen ist?
Ich kann es kaum glauben. Wenn Iniesta noch mitspielt, sind sie im Grunde nicht zu schlagen. Messi sticht heraus, aber Xavi und Iniesta sind ebenfalls Weltklasse. Mit denen kann man auch jede Taktik spielen, Xavi ist ja wie ein Playstation-Spieler: Er macht alles richtig, steht richtig, läuft richtig, schlägt perfekte Pässe... Als Trainer muss man da gar nicht mehr viel machen. So einen hatten wir damals auch, der wird nur immer gerne vergessen. Beim Taktiktraining hätte ich den am liebsten heimgeschickt, weil er schon alles konnte: Diego Placente.
Letzte Frage: Was ist ihr Tipp für das Spiel heute Abend?
Das ist schwierig. Ich würde sagen, ein knapper Sieg für die Bayern. Aber im Rückspiel wird das nochmal richtig schwierig. Lyon ist eine richtig starke Mannschaft. Es hängt sicher auch davon ab, wie viele von den sieben Franzosen, die mit Gelb vorbelastet sind, ausfallen.