Klaus Täuber über Schalke, Leverkusen und Whiskey-Cola

»Wir torkelten von der Disco zum Frühstück«

Der »Boxer« war in den achtziger Jahren gefürchtet –  als Torjäger und Klopper der Liga. Hier spricht er über Kieferbrüche,  Whiskey-Cola-Abende und einen Affektsprung vom Balkon

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Klaus Täuber, lassen Sie uns zunächst über ein Tennisspiel mit einer Bratpfanne sprechen. 
Ach ja, diese Geschichte hatte ich ganz vergessen. Mein Schwiegervater hatte sich damals etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt, was seine sportlichen Fähigkeiten anbelangte. Da sagte ich zu ihm: »Komm, wir spielen Tennis um ein Essen für die Familie. Du spielst mit dem Tennisschläger und ich mit einer Bratpfanne.« Nun ja, ich habe eindeutig gewonnen.

Wie haben Sie die Rückhand gemeistert?
Ich habe versucht zu umlaufen, das war gar nicht so einfach. Außerdem habe ich eine sehr große Bratpfanne genommen, da wurde nach dem zweiten Satz der Arm ganz schwer. 

Doch der Ehrgeiz war zu groß, um aufzuhören?
Ja, sicher. Ich war immer ein Kämpfertyp. Aufgeben gilt nicht, das war mein Grundsatz. Mit 13 Jahren zog ich mir den ersten Schien- und Wadenbeinbruch zu, nur sieben Monate später den zweiten. Schon damals habe ich mir geschworen, dass ich nie mit einer Trage vom Platz getragen werde, sondern immer selbst rausmarschiere. Diesen Kodex habe ich während meiner gesamten Karriere aufrechterhalten.

Da war der Spitzname »Boxer« nur folgerichtig.
Spitznamen hatte ich immer: »Oberstier« oder »Rambo«, doch »Boxer« hat sich durchgesetzt. Den verpasste mir Alfred Draxler von der »Bild«-Zeitung, als er sah, wie ich im Training auf Schalke zur Sache gegangen bin. Außerdem erzählte ich ihm, dass ich am gleichen Tag Geburtstag habe wie Muhammad Ali. Von da an war nur noch von »Boxer Täuber« die Rede, das hat mir gehörig Respekt in der Liga verschafft.

In einer »Stern«-Umfrage unter allen Bundesligaspielern wurden Sie damals zum »größten Klopper der Liga« gewählt.
Als Stürmer, das muss man sich mal vorstellen, vor Leuten wie Buchwald und Förster. Kurz vor der Umfrage hatten sich dummerweise ein paar Gegenspieler in Zweikämpfen mit mir verletzt. Karsten Surmann von Hannover hatte sich den Kiefer gebrochen und solche Sachen. Wenn mir einer weh tat, habe ich das jahrelang nicht vergessen und auch etwas zurückgezahlt. Aber ich habe nie unfair gespielt. Und: Ich habe viel mehr einstecken müssen, als ich ausgeteilt habe.

Was stand in Ihrer Krankenakte?
Also mal überlegen, zwei Mal Schien- und Wadenbein, Innenbandriss, drei Meniskus-OPs, Kieferbrüche, Handgelenk durch, Daumen, Fußgelenk. Am Ende hat es mir dann noch die Bandscheibe zerfetzt.

Dennoch liefen Sie über 300 Mal in der ersten und zweiten Liga auf.
Ich war eben sehr hart zu mir selbst. In einer Saison spielte ich monatelang mit einem gebrochenen Zeh, vor jedem Spiel kam der Doc mit einer Betäubungsspritze. Die Haut war dann so dick, dass der mit der Spritze gar nicht mehr rein kam. Ich hatte Schweiß auf der Stirn, weil ich wusste: Die Spritze muss er jetzt mit Gewalt reinhauen.

Warum haben Sie nicht ausgesetzt?
Die Trainer kamen immer zu mir und sagten: »Klaus, du musst spielen.« Einmal rammte mir ein Assistent des Arztes eine Spritze rein, traf aber aus Versehen den Muskel. Ich konnte mich gar nicht mehr bewegen, in der ersten Viertelstunde des Spiels stand ich nur an der Außenlinie. Meinen Mitspielern rief ich zu: »Spielt mich bloß nicht an, spielt mich bloß nicht an.«

Legendär ist ein Spiel von Ihnen mit Schalke 04 gegen den VfB Stuttgart, als Sie dick bandagiert waren.
Und zwar vom Bauch bis zur Fußspitze. Es lief erst richtig gut, ich schoss zwei Tore und wir führten 4:0 gegen den VfB, den amtierenden Meister. Doch der Verband war zu eng und schnürte mir so ab der 70. Minute die Durchblutung ab. Das waren höllische Schmerzen. Ich musste raus und bin fast durchgedreht, weil es plötzlich 4:3 stand. Aber das dollste Ding war ein Spiel gegen Rot-Weiss Essen.

Warum?
Wir waren mit Schalke aufgestiegen und kurz vor Schluss belagerten die Fans schon die Außenlinie. Der Schiedsrichter pfiff Foul und die Zuschauer hielten es für den Abpfiff. Sie stürmten den Rasen, doch der Schiedsrichter wollte die letzten fünf Minuten noch zu Ende spielen lassen. Die Fans hatten mir aber schon Trikot, Stutzen und Fußballschuhe weggerissen. Also lieh ich mir von einem Anhänger ein Shirt und von unserem Masseur die Schuhe. So weit, so gut. Die Sache hatte nur einen Haken.

Welchen?
Unser Masseur hatte Schuhgröße 40, ich aber 44. Meine Hacken schauten also hinten raus, ich konnte in den letzten Minuten also gar nicht richtig laufen.

Zu dieser Zeit auf Schalke lernten Sie auch den jungen Olaf Thon kennen. Er erinnert sich noch heute lebhaft an das zweite Training mit Ihnen.
Ich war zu dieser Zeit auf Schalke schon ein bisschen Heiligtum. Die anderen Spieler wussten, dass sie mich im Training besser nicht angehen. Dann kam Olaf mit 17 Jahren dazu. Und was macht der Kerl? Foult mich, nimmt mir den Ball weg. Da hat er dann links und rechts eine Backpfeife bekommen. Doch in all den folgenden Jahren war ich Olafs Pitbull.

Wie meinen Sie das?
Ich habe Olaf immer verteidigt, auf dem Platz und daneben. Einmal kam er im Spiel zu mir und sagte: »Klaus, der Uli Borowka hat mir gesagt, er will mich im nächsten Zweikampf umbringen.« Ich kannte Uli gut, bin direkt mit Olaf zu ihm hin und meinte: »Uli, den Olaf lässt du in Ruhe, sonst bekommst du es mit mir zu tun.« So war das früher. Dem Jürgen Klinsmann habe ich bei den Stuttgarter Kickers genauso geholfen. Die jungen Spieler hatten schließlich in der damaligen Zeit einen sehr schweren Stand.

Wer war denn Ihr Pitbull, als Sie ein junger Spieler waren?
Den gab es nicht, ich musste mir das selbst erarbeiten. Damals herrschten noch ganz andere Hierarchien. Wenn du als junger Spieler unter der Dusche standest und ein älterer kam rein, musstest du Platz machen. Auch die Trainer waren von einem anderen Schlag. Ich werde nie eine Begegnung mit »Zapf« Gebhardt vergessen. 

Ihrem Trainer in Nürnberg.
Ja, das war noch die alte Garde. Im Wintertrainingslager platzte er häufig in die Zimmer der Spieler. Einmal stand ich gerade draußen auf dem Balkon, um eine zu rauchen. Plötzlich flog die Tür auf und mir fuhr der Schreck in die Glieder. Anstatt die Zigarette einfach wegzuschmeißen, bin ich vor lauter Schreck einfach vom Balkon gesprungen.

Wie tief ging es runter?
Ich flog so zwei Meter tief auf ein Vordach. Es war Winter, minus acht Grad, und auf dem Dach hatte sich eine Eisscholle gebildet. Zum Glück, muss man sagen. So stand ich knietief im Eiswasser. Das Problem: Ich konnte bestimmt zehn Minuten lang meine Füße nicht mehr spüren.

Rauchten viele Fußballer zur damaligen Zeit?
Gerade die älteren Spieler. Auf Schalke saßen wir nach jedem Spiel mit Manni Drexler und Michael Jakobs im Entmüdungsbecken und qualmten drauflos. Die anderen Spieler konnten vor lauter Rauch gar nichts mehr erkennen. Ich weiß noch, wie ich zu meiner Leverkusener Zeit mit Bum-Kun Cha das Zimmer teilte. »Kann nix schlafen«, beschwerte er sich über den Qualm. Ich sagte nur: »Mensch Bummi, reg dich doch nicht auf.«

Wie verhielt es sich mit dem Alkohol?
Man muss klar sagen, dass zu meiner Zeit viele Spieler ein Alkoholproblem hatten. Ich habe mich zurückgehalten, war nicht so der Biertrinker. Wenn ich mal trank, dann ab und zu einen Whiskey-Cola. Damals konnte man als Spieler noch unbehelligt in den Kneipen der Stadt verkehren. Wenn ich da mit meinem Mitspieler Thomas Kruse saß, raunte schon mal einer: »Mit dem Kruse kann ja nix werden, wenn der Bier trinkt. Der Täuber bleibt wenigstens bei Cola.«

Bei einem Spiel in Nürnberg sollen Sie aber etwas mehr als nur einen Drink genossen haben.
Ja, da habe ich mir mit dem Michael Jakobs richtig einen getrunken. Wir spielten mit Schalke in Nürnberg, also in meiner Heimat. Am folgenden Tag war in der Nähe noch ein Freundschaftsspiel angesetzt, bei dem wir Stammspieler aber geschont werden sollten. Ich zog mit den Jungs los, unser Trainer Rolf Schafstall hatte den Zapfenstreich auf Mitternacht angesetzt. Wir wussten, dass er in der Hotellobby warten würde. Wir wussten aber auch: Der sitzt da vielleicht um zwölf oder um eins, aber bestimmt nicht mehr um sechs oder sieben Uhr.

Sie machten also durch.
Und wie! Wir torkelten direkt von der Disco ins Mannschaftsquartier zum Frühstück. Ich konnte nicht mehr richtig laufen, geschweige denn reden. Jako und ich waren davon ausgegangen, dass wir bei dem Testspiel sowieso nicht spielen müssten. Dann schrieb Schafstall die Aufstellung an die Tafel und ich traute meinen Augen nicht: Da standen tatsächlich unsere Namen. Ich fragte Jako nur: »Wie soll ich spielen? Ich sehe den Ball doch gar nicht.«

Wurden Sie damals in den Bars nicht erkannt?
Ach, früher war es ja nicht wie heute, wo sich durch Foto-Handys und Internet alles schnell verbreitet. Außerdem war es ein ganz anderes Miteinander. Einmal stand ein etwas rundlicher Fan am Trainingsplatz, der kein Geld mehr hatte. Er sagte: »Klaus, ich weiß nicht, wie ich in die Stadt kommen soll.« Da habe ich ihn eben nach Hause gefahren.

Wie war der Umgang mit den Medien?
Der Einzige, der sich auch in den Gelsenkirchener Kneipen rumtrieb, war der schon erwähnte Alfred Draxler von der »Bild«. Ich kam mit ihm aus – bis auf das eine Mal, als er einige Unwahrheiten über mein Privatleben verbreitete. Wenig später sah ich ihn bei einem Sponsorentermin. »Alfred«, sagte ich, »du hast fünf Minuten, um hier zu verschwinden. Sonst hau ich dir auf die Schnauze.«

Wie ging es weiter?
Nun ja, so weit kam es nicht. Aber ich wusste, dass die Retourkutsche kommt. Als Schalke mich verkaufen musste, entschied ich mich, nach Leverkusen zu wechseln. Schalke war zu diesem Zeitpunkt im gesicherten Mittelfeld. Die letzten Spiele verpasste ich, weil ich mich tatsächlich wegen einer Verletzung behandeln ließ. Da titelte die »Bild«: »So lässt der Boxer Schalke im Stich.« Das tat sehr weh.

Warum?
In all den Jahren hatte ich mich für den Klub zerrissen, mit Spritzen gespielt und mich immer reingehangen. Schalke ist mir ans Herz gewachsen, ich sah, wie die Fans am Verein hingen. Wenn du Profi wirst und nur bei einem Verein spielen kannst, dann musst du nicht in Barcelona, nicht in München, nicht in Dortmund spielen. Sondern auf Schalke.

Mit Leverkusen wurden Sie auf Anhieb UEFA-Cup-Sieger.
Ja, rein sportlich gesehen war der Wechsel goldrichtig. Wir hatten zwar nicht so eine gute Kameradschaft wie auf Schalke, aber haben uns unglaublich gepusht vor jedem Spiel. In der Leverkusener Mannschaft waren fast ausschließlich Häuptlinge. Wolfgang Rolff als Kapitän, eine Offensive mit Tita, Schreier, Waas und mir. Da hat sich keiner untergeordnet. Ich habe mir auch häufiger mit Thomas Hörster in den Haaren gelegen. Doch Erich Ribbeck hat aus der Mannschaft eine Einheit geformt. Im Europapokal sind wir dann als echtes Team aufgetreten.

Auf dem Weg ins Finale schlug Bayer in der Reihenfolge Austria Wien, den FC Toulouse, Feyenoord Rotterdam, den FC Barcelona und Werder Bremen.
Alles echte Kracher. Bremen wurde schließlich 1988 auch Deutscher Meister. Der UEFA-Cup hatte seinerzeit noch eine ganz große Bedeutung, dort spielten europäische Topmannschaften. Doch wir verloren kein einziges Spiel – bis zum Finale bei Espanyol Barcelona. Da gingen wir 0:3 unter, obwohl wir gar nicht so viel schlechter waren.

14 Tage später stieg das Rückspiel in Leverkusen. Was gab Ihnen Hoffnung?
Ich habe oft an das 6:6 mit Schalke gegen die Bayern einige Jahre zuvor gedacht. Manchmal werden Wunder im Fußball wahr. Doch genau in dieser Phase verletzte ich mich wieder, hatte einen Muskelfaserriss in der Wade. Am Tag des Finalrückspiels fragte mich dann unser Trainer Erich Ribbeck, ob ich mich denn wenigstens auf die Bank setzen kann. Ich antwortete: »Trainer, ich würde mich selbst mit einem Beinbruch auf die Bank setzen.«

Sie wurden in der zweiten Halbzeit beim Stand von 1:0 eingewechselt.
Ich dachte mir: Gleich kommt das Adrenalin, da blendest du die Schmerzen aus, 30 Minuten gehen schon. Mein erster Ballkontakt auf links, eine Flanke auf Falko Götz – da stand es 2:0. Bum-Kun Cha erhöhte wenig später dann auf 3:0, Ausgleich, Verlängerung. Wir hatten uns in einen Rausch gespielt, die Spanier wussten gar nicht, wie ihnen geschah.

Im Elfmeterschießen lag Espanyol dann wieder in Führung.
Wir hatten gar keine Elfer geübt, schließlich konnte man nicht damit rechnen. Doch auch da drehten wir das Ding, ich schoss den letzten Elfer, Espanyol verschoss – wir hatten die »Mission impossible« geschafft. Die Spanier waren nur gekommen, um den Pokal zu holen, nach dem Spiel brachen sie zusammen. Da konnte man schon Mitleid haben. Aber für uns war der Abend einfach nur geil.

Wie war die Feier danach?
Direkt nach dem letzten Elfer drückte mir jemand eine Sektflasche in die Hand. Als mich dann Rolf Töpperwien interviewen wollte, hatte ich schon drei Viertel davon intus. Nach einem solchen Spiel geht das direkt ins Blut. Sicherlich hatten wir immer gehofft, das Wunder zu packen. Doch richtig daran geglaubt haben wir auch erst nach dem 2:0.

Wenig später mussten Sie Ihre Karriere beenden. War der UEFA-Cup-Sieg Ihr schönster Erfolg?
Sicher, es ist bis heute Leverkusens größter Titel. Es macht schon stolz, an diesem Fußballwunder wie auch an dem 6:6 mit Schalke gegen Bayern beteiligt gewesen zu sein. Auch die Aufstiege mit Schalke und Nürnberg waren grandios. Nach einer Bandscheibenverletzung musste ich mich aber endgültig vom Profifußball verabschieden. Doch so manches Mal hat mich auch während meiner Trainerjahre das Fieber gepackt.

Inwiefern?
Es gab ein Aufstiegsspiel mit dem FC Rhade, in dem ich es in den letzten zwanzig Minuten vor Anspannung nicht mehr ausgehalten habe. Ich dachte mir: »Klaus, du musst der Mannschaft helfen.« Also wechselte ich mich selbst ein. Doch das Kurioseste passierte bei einem Spiel in Waltrop, da hatte ich den kürzesten Einsatz meiner gesamten Karriere. Ich wechselte mich wieder selbst ein und sah nur zwei Minuten später die Rote Karte. Unglaublich, in 13 Jahren Bundesliga hatte ich nur einmal Rot gesehen.

Obwohl Ihnen der Ruf als »Klopper der Liga« vorauseilte.
Da können Sie mal sehen. Das war noch dazu im letzten Saisonspiel, die Sperre fiel so in die Sommerpause. Beim zweiten Mal wurde ich nachträglich freigesprochen. Richtig aussetzen musste ich nur wegen Gelbsperren. Das allerdings nicht gerade selten.

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