15.02.2014

Klaus Täuber über Schalke, Leverkusen und Whiskey-Cola

»Wir torkelten von der Disco zum Frühstück«

Der »Boxer« war in den achtziger Jahren gefürchtet –  als Torjäger und Klopper der Liga. Hier spricht er über Kieferbrüche,  Whiskey-Cola-Abende und einen Affektsprung vom Balkon

Interview: Ron Ulrich Bild: Imago

Legendär ist ein Spiel von Ihnen mit Schalke 04 gegen den VfB Stuttgart, als Sie dick bandagiert waren.
Und zwar vom Bauch bis zur Fußspitze. Es lief erst richtig gut, ich schoss zwei Tore und wir führten 4:0 gegen den VfB, den amtierenden Meister. Doch der Verband war zu eng und schnürte mir so ab der 70. Minute die Durchblutung ab. Das waren höllische Schmerzen. Ich musste raus und bin fast durchgedreht, weil es plötzlich 4:3 stand. Aber das dollste Ding war ein Spiel gegen Rot-Weiss Essen.

Warum?
Wir waren mit Schalke aufgestiegen und kurz vor Schluss belagerten die Fans schon die Außenlinie. Der Schiedsrichter pfiff Foul und die Zuschauer hielten es für den Abpfiff. Sie stürmten den Rasen, doch der Schiedsrichter wollte die letzten fünf Minuten noch zu Ende spielen lassen. Die Fans hatten mir aber schon Trikot, Stutzen und Fußballschuhe weggerissen. Also lieh ich mir von einem Anhänger ein Shirt und von unserem Masseur die Schuhe. So weit, so gut. Die Sache hatte nur einen Haken.

Welchen?
Unser Masseur hatte Schuhgröße 40, ich aber 44. Meine Hacken schauten also hinten raus, ich konnte in den letzten Minuten also gar nicht richtig laufen.

Zu dieser Zeit auf Schalke lernten Sie auch den jungen Olaf Thon kennen. Er erinnert sich noch heute lebhaft an das zweite Training mit Ihnen.
Ich war zu dieser Zeit auf Schalke schon ein bisschen Heiligtum. Die anderen Spieler wussten, dass sie mich im Training besser nicht angehen. Dann kam Olaf mit 17 Jahren dazu. Und was macht der Kerl? Foult mich, nimmt mir den Ball weg. Da hat er dann links und rechts eine Backpfeife bekommen. Doch in all den folgenden Jahren war ich Olafs Pitbull.

Wie meinen Sie das?
Ich habe Olaf immer verteidigt, auf dem Platz und daneben. Einmal kam er im Spiel zu mir und sagte: »Klaus, der Uli Borowka hat mir gesagt, er will mich im nächsten Zweikampf umbringen.« Ich kannte Uli gut, bin direkt mit Olaf zu ihm hin und meinte: »Uli, den Olaf lässt du in Ruhe, sonst bekommst du es mit mir zu tun.« So war das früher. Dem Jürgen Klinsmann habe ich bei den Stuttgarter Kickers genauso geholfen. Die jungen Spieler hatten schließlich in der damaligen Zeit einen sehr schweren Stand.

Wer war denn Ihr Pitbull, als Sie ein junger Spieler waren?
Den gab es nicht, ich musste mir das selbst erarbeiten. Damals herrschten noch ganz andere Hierarchien. Wenn du als junger Spieler unter der Dusche standest und ein älterer kam rein, musstest du Platz machen. Auch die Trainer waren von einem anderen Schlag. Ich werde nie eine Begegnung mit »Zapf« Gebhardt vergessen. 

Ihrem Trainer in Nürnberg.
Ja, das war noch die alte Garde. Im Wintertrainingslager platzte er häufig in die Zimmer der Spieler. Einmal stand ich gerade draußen auf dem Balkon, um eine zu rauchen. Plötzlich flog die Tür auf und mir fuhr der Schreck in die Glieder. Anstatt die Zigarette einfach wegzuschmeißen, bin ich vor lauter Schreck einfach vom Balkon gesprungen.

Wie tief ging es runter?
Ich flog so zwei Meter tief auf ein Vordach. Es war Winter, minus acht Grad, und auf dem Dach hatte sich eine Eisscholle gebildet. Zum Glück, muss man sagen. So stand ich knietief im Eiswasser. Das Problem: Ich konnte bestimmt zehn Minuten lang meine Füße nicht mehr spüren.

Rauchten viele Fußballer zur damaligen Zeit?
Gerade die älteren Spieler. Auf Schalke saßen wir nach jedem Spiel mit Manni Drexler und Michael Jakobs im Entmüdungsbecken und qualmten drauflos. Die anderen Spieler konnten vor lauter Rauch gar nichts mehr erkennen. Ich weiß noch, wie ich zu meiner Leverkusener Zeit mit Bum-Kun Cha das Zimmer teilte. »Kann nix schlafen«, beschwerte er sich über den Qualm. Ich sagte nur: »Mensch Bummi, reg dich doch nicht auf.«

Wie verhielt es sich mit dem Alkohol?
Man muss klar sagen, dass zu meiner Zeit viele Spieler ein Alkoholproblem hatten. Ich habe mich zurückgehalten, war nicht so der Biertrinker. Wenn ich mal trank, dann ab und zu einen Whiskey-Cola. Damals konnte man als Spieler noch unbehelligt in den Kneipen der Stadt verkehren. Wenn ich da mit meinem Mitspieler Thomas Kruse saß, raunte schon mal einer: »Mit dem Kruse kann ja nix werden, wenn der Bier trinkt. Der Täuber bleibt wenigstens bei Cola.«

Bei einem Spiel in Nürnberg sollen Sie aber etwas mehr als nur einen Drink genossen haben.
Ja, da habe ich mir mit dem Michael Jakobs richtig einen getrunken. Wir spielten mit Schalke in Nürnberg, also in meiner Heimat. Am folgenden Tag war in der Nähe noch ein Freundschaftsspiel angesetzt, bei dem wir Stammspieler aber geschont werden sollten. Ich zog mit den Jungs los, unser Trainer Rolf Schafstall hatte den Zapfenstreich auf Mitternacht angesetzt. Wir wussten, dass er in der Hotellobby warten würde. Wir wussten aber auch: Der sitzt da vielleicht um zwölf oder um eins, aber bestimmt nicht mehr um sechs oder sieben Uhr.

Sie machten also durch.
Und wie! Wir torkelten direkt von der Disco ins Mannschaftsquartier zum Frühstück. Ich konnte nicht mehr richtig laufen, geschweige denn reden. Jako und ich waren davon ausgegangen, dass wir bei dem Testspiel sowieso nicht spielen müssten. Dann schrieb Schafstall die Aufstellung an die Tafel und ich traute meinen Augen nicht: Da standen tatsächlich unsere Namen. Ich fragte Jako nur: »Wie soll ich spielen? Ich sehe den Ball doch gar nicht.«

Wurden Sie damals in den Bars nicht erkannt?
Ach, früher war es ja nicht wie heute, wo sich durch Foto-Handys und Internet alles schnell verbreitet. Außerdem war es ein ganz anderes Miteinander. Einmal stand ein etwas rundlicher Fan am Trainingsplatz, der kein Geld mehr hatte. Er sagte: »Klaus, ich weiß nicht, wie ich in die Stadt kommen soll.« Da habe ich ihn eben nach Hause gefahren.
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