Klaus Senger im Interview

„... wenn ich ganz hart arbeite“

Einen wie Klaus Senger mochte das Schalker Publikum schon immer, einen echten Malocher. Wer sich an ihn erinnert, dem gerät wieder in den Sinn, dass Schalke von ganz unten kommt. Champions League? Vor 40 Jahren war Abstiegskampf. Imago

Klaus Senger, einmal Schalker, immer Schalker. Das gilt wohl auch für dich.

Ich bin ja aus der A-Jugend von Schalke gekommen. Eigentlich sollte ich direkt in den Profi-Kader wechseln. Aber Berni Klodt kam damals zu mir und sagte: „Das schaffst du nicht sofort.“ Dann habe ich noch ein Jahr bei den Amateuren in der damals höchsten Klasse unterhalb der Profis gespielt. Und bin dann 1965/66 zu Fritz Langner in die Lizenzmannschaft gekommen.

Fritz Langner, der General, war ein richtig harter Hund.

Das war so schlimm, ich wollte da schon nicht mehr hingehen. Er ist zu uns nach Hause gekommen. Was mir einfallen würde. Ich könnte es doch schaffen, wenn ich ganz hart arbeite. Mein Vater hat mich dann überredet, weiter zu machen.




Auch vor 40 Jahren verfügte Schalke über "junge Wilde". Jürgen Wittkamp, Hermann Erlhoff, Klaus Senger, Herbert Höbusch und Norbert Nigbur nahmen ihren Trainer Günther Brocker in die Mitte.


Mit Erfolg. Der Durchbruch kam relativ schnell. Und dann warst du eigentlich immer Stammspieler.


Ausgerechnet bei einer 1:4-Niederlage gegen RW Essen an der Hafenstraße kam ich zum Einsatz, weil die Stammverteidiger Becher und Rausch ausfielen. Aber ich habe wohl eine gute Partie abgeliefert. Der damalige Vizepräsident Günther Siebert hat mich und meine damalige Freundin auf der Autobahnauffahrt noch abgefangen, um mir zu sagen, was ich für ein Bombenspiel gemacht hätte. Das war so etwas wie der Beginn meiner Profikarriere.

Deren Höhepunkt wohl, zumindest in der Schalker Zeit, das Pokalfinale 1969 war. Mit dem Paradiesvogel Rudi Gutendorf als Trainer.

Nach dem Klassenerhalt am grünen Tisch 1965 kannte Schalke ja nur noch Abstiegskampf. Günther Siebert und Günther Brocker wollten alles besser machen. Sie holten Heinz van Haaren aus Duisburg, Stan Libuda kam aus Dortmund zurück. Dazu der Österreicher Franz Hasil. Aber zunächst ging gar nichts. Auch mit den Neuen waren wir wieder unten in der Tabelle. Dann kam Gutendorf, er hatte eine besondere Art, holte alles aus uns heraus. Wir wurden bestes Team der Rückrunde 68/69 und kamen ins Pokalfinale.

Das habt ihr zwar verloren, weil die Bayern das Double gewannen, konntet aber im Europapokal spielen. Für Schalke damals eine tolle Geschichte.

Wir haben unglücklich in Frankfurt verloren, Gerd Müller machte mal wieder zwei unnachahmliche Tore. Im Europapokal der Pokalsieger haben wir den deutschen Fußball gut vertreten. Kamen bis ins Halbfinale, verloren dort gegen Manchester City. Vorher hatten wir Shamrock Rovers, IFK Norrköping und Dynamo Zagreb ausgeschaltet. Ich war bis zum Rückspiel in Zagreb immer dabei. Dort verletzte ich mich schwer.

Warum hat es danach in Schalke nicht mehr gepasst?

Nach der schweren Verletzung kam ich lange nicht auf die Beine. Gutendorf wollte, dass ich spiele, trainieren brauchte ich nicht. Aber das tat meinen Bändern nicht gut. Als es wieder ging, war Gutendorf weg, mit dem neuen Trainer Cendic kam ich nicht klar. In der Kaderplanung für die neue Saison ging es um Klaus Beverungen und mich. Da bekam ich das prima Angebot der seriös geführten Fortuna aus Düsseldorf. Da dachte ich, ich probier es doch mal woanders. Und ich habe am Rhein zwei tolle Jahre gehabt mit Spielern wie Geye, Herzog, Budde, Lungwitz. Wir wurden Dritter in der Bundesliga.

Man hat dich gerne im Schornsteinfeger-Outfit abgelichtet.

Ich habe das ja auch gelernt, es war so ein Gag, manche Journalisten sind sogar mit mir aufs Dach gekrabbelt. Heute machen die ja noch ganz andere Sachen.




In luftiger Höhe. Reporter stiegen mit Schornsteinfeger Klaus Senger zwecks Interview gern auch schon mal aufs Dach.


Trotzdem warst du nicht immer nur ein Glücksbringer in eigener Sache. Liegt die Beteiligung am Skandal 1970 noch im Magen?


Es war natürlich eine fürchterliche Dummheit. Aber ich habe selbst ja gar nicht gespielt, wurde insgesamt auch nur für acht Wochen gesperrt. Da ist niemand auf den Platz gegangen, um zu manipulieren. Wir hatten aber auch nichts dagegen, dass die Arminia drin bleibt. Die Sieg-Prämie wäre ebenso hoch gewesen, wie das Geld, das dann irgendwie mal verteilt wurde und aus Bielefeld kam. Aber es gibt auch andere Aspekte. Zum Beispiel wie wir von den Anwälten verschaukelt wurden, die sich an uns eine goldene Nase verdient haben.

Bei RW Essen, wo du nochmals die Nachwirkungen des Skandals spüren musstest, hast du mit 31 Jahren relativ früh Deine Karriere beendet.

Horst Witzler hat mich von Düsseldorf nach Essen geholt. Danach wurde Didi Ferner Trainer, mit dem ich ja noch gespielt hatte. Dann kam Ivica Horvath, der mich total links liegen ließ. Ich vermute schon, dass es mit dem Skandal zusammen hing, denn er hatte als Trainer in Schalke, dass ja 71/72 wohl nur wegen der Unruhe durch die täglichen neuen Gerüchte nicht Meister geworden war, sehr darunter gelitten. Aber die Zeit bei RWE mit Spielern wie Bast, Lippens, Burgsmüller, das war schon toll. Als Horvath mir überhaupt keine Chance mehr gab, habe ich die Schuhe an den Nagel gehängt und eine Ausbildung zum medizinischen Bademeister begonnen. In einem Castrop-Rauxeler Krankenhaus habe ich dann viele Jahre als Leiter der Bäderabteilung gearbeitet und nebenbei kleinere Vereine trainiert. Ich habe Glück gehabt und wohl auch alles richtig gemacht.

Und bist letztlich wieder auf Schalke gelandet.

Seit 23 Jahren. Mittlerweile koordiniere ich als Teamchef die Traditionsmannschaft. Rudi Assauer hat mich zurück geholt. Vorher haben den Job Leute wie Heiner Kördell und Willi Koslowski gemacht. Das macht mich sehr glücklich. Ich bleibe so in Kontakt mit den alten Kumpels. Klaus Fichtel, Hannes Becher, Rolf Rüßmann, Klaus Fischer. Das sind Freunde fürs Leben geworden.

Wie siehst du den Fußball heute, speziell den bei Schalke 04?

Das ist ja alles nicht mit unserer Zeit zu vergleichen. Die Bedingungen für die Spieler sind andere. Wir hatten zum Beispiel einen Masseur, der arbeitete auf dem Pütt, der kam nachmittags beim Training vorbei, und vier Jungs konnten sich dann von ihm durchkneten lassen. Mehr ging nicht. Heute ist alles professioneller, man fragt sich, wohin das alles noch führen soll. Wann, auch geldlich gesehen, eigentlich das Ende der Fahnenstange erreicht ist.



Schalkes Team, das 1969 im Pokalfinale in Frankfurt gegen Bayern München mit 1:2 verlor. Als Vize nahm S04 trotzdem am Europapokal der Pokalsieger teil, weil Bayern das Double gewann: (v.l.) Fichtel, Nigbur, Becher, Erlhoff, Pohlschmidt, Rausch, Wittkamp, van Haaren, Neuser, Libuda, Senger


An welche Gegenspieler denkst du mehr oder weniger gerne zurück?


Deutschland hatte viele gute Stürmer, aber ein Gerd Müller war und wird einmalig bleiben. Ich habe oft gegen ihn gespielt. Er war nicht zu kontrollieren, wie ein Gespenst im Strafraum. Und dann Franz Beckenbauer. Ich habe nie verstanden, warum er immer ausgepfiffen wurde. Er war etwas besonderes, ein einmaliger Spieler. Da war ich immer sehr beeindruckt von seiner außergewöhnlichen Klasse.

Am Freitag hattest du Geburtstag. Gehörte zu deinen stillen Wünschen auch, endlich mal in Schalke die Meisterschale begrüßen zu können?

Ich fühle mich mit Schalke sehr verbunden. Aber ich denke nicht wie ein Fan. Ich klatsche auch, wenn der Gegner ein tolles Tor schießt. Letztes Jahr hätten sie es packen müssen. Es bleibt unverständlich, was da in diesem schlimmen Spiel in Dortmund los war. Schalke sollte auf die Jugend setzen. Der Weg der Bayern, die mit zig Millionen operieren können, kann kein Vorbild sein. Die haben 30 Jahre Vorsprung. Schalke könnte etwas aufholen, wenn die großen Talente bleiben. Einen wie Özil darf man nie und nimmer gehen lassen. Ihm muss man das Vertrauen schenken. Er hätte schon in der letzten Saison für Lincoln in der „Zehner“-Rolle spielen müssen. Dann könnte sich Mirko Slomka jetzt „Meistertrainer“ nennen.




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