22.02.2007

Klaus Rau im Interview

„Er war ein Siegertyp“

Klaus Rau war einst Sebastian Deislers Trainer in der Jugend des FV Lörrach. Dessen Karriereende kam auch für ihn völlig überraschend. „Ganz Lörrach ist geschockt“, sagt er im Gespräch mit 11freunde.de.

Interview: Johannes Scharnbeck
Wie haben Sie Sebastian Deislers Entscheidung, seine Karriere zu beenden, aufgenommen?

Das war eine totale Überraschung. Ganz Lörrach ist geschockt. Denn vor Weihnachten hatte er ja noch sein Comeback gefeiert. Damit habe ich absolut nicht gerechnet.

Hat er sich als junger Spieler auch oft mit Verletzungen herumgeplagt?

Nein, gar nicht. Und es ist ja wirklich kaum nachvollziehbar, wie viele schwere Verletzungen er schon erlitten hat.

Können Sie seine Entscheidung nachvollziehen?

Nicht wirklich. Ich kann es für mich nur so interpretieren, dass er zu sehr in sich hineingehört hat. Vielleicht hat er im Trainingslager durch die starke Belastung schon wieder leichte Schmerzen gespürt und dachte: Jetzt geht es schon wieder los.



Was meinen Sie mit, „er hat zu sehr in sich hineingehört?“

Sebastian ist ein Kämpfertyp. Halbe Sachen konnte er noch nie machen. Wie ich das beobachtet habe, ist er in letzter Zeit auch viel härter in die Zweikämpfe gegangen. Früher habe ich das bei ihm nicht gesehen. Aber damals hatte er es auch nicht nötig. Bei uns hat er hinter den Spitzen gespielt, mit allen Freiheiten nach vorne. (lacht)

Sie waren von der D-Jugend bis zur C-Jugend Sebastian Deislers Trainer. War er auch damals schon ein sehr nachdenklicher Typ?

Nein, gar nicht. Er war ein Siegertyp, auf der ganzen Linie. Für ihn gab es nur Fußball, Fußball, Fußball – am liebsten den ganzen Tag. (lacht) Er war ein Fußballverrückter.

War er innerhalb der Mannschaft isoliert?

Nein, absolut nicht. Die Mannschaft hat viele Erfolge gefeiert und war fast unschlagbar. Sebastian war einer von allen.

Also war diese Entwicklung zum Zweifler überhaupt nicht vorhersehbar?

Auf gar keinen Fall. Erst durch den Profifußball ist er zu dem Menschen geworden, der er heute ist. Aber wenn er so schwere Verletzungen erleidet, komplizierte Operationen über sich ergehen lassen muss, eine monatelange Reha durchläuft und sich kurz nach dem hoffnungsvollen Comeback wieder verletzt – das sind schon schwere Schläge für einen Menschen. Und Sebastian musste das ja vier-, fünfmal durchmachen. Das ist eine unglaubliche psychische Belastung.

Er hat sich ja auch zu den ungünstigsten Zeitpunkten verletzt, zweimal kurz vor Weltmeisterschaften.

Das hat ihn bestimmt besonders schwer getroffen. Es ist doch der Traum eines jeden Spielers, bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Es ist unglaublich schwer, solche Rückschläge zu verkraften, wenn es dich so kurz vor dem Ziel aus der Bahn haut.

Glauben Sie, er wird das Angebot von Uli Hoeneß, noch einmal zurückzukehren, annehmen?

Nein. Er will Abstand vom Fußball gewinnen und es wäre bestimmt keine gute Idee, nach dieser Entscheidung noch einmal zurück zu kommen.

Ist er an den hohen Erwartungen gescheitert?

Nein. Sebastians Schicksal waren die Verletzungen. Das Knie war seine Achillesferse. Er hat ja auch bewiesen, dass er im Profifußball mithalten kann.

Ist er der große Unvollendete des deutschen Fußballs?

Natürlich. Es ist eine Tragödie. Sebastian war der Spieler, auf den man in den letzten Jahren gehofft hat. Für ihn geht jetzt ein neues Leben los. Das ist für jemanden, der wirklich für den Fußball gelebt hat, ein gravierender Einschnitt.

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