Klaus Fischer zur Lage auf Schalke

»Wir müssen zusammenstehen«

Elf Jahre spielte Klaus Fischer auf Schalke und erzielte in dieser Zeit 182 Tore. Er selbst kann die Königsblauen nicht mehr aus der Krise schießen – gute Ratschläge für Kuranyi, Rafinha, Neuer und Co. hat er dennoch parat. Klaus Fischer zur Lage auf Schalke Imago

Klaus Fischer, wie sehr schmerzt die Schalker Seele in diesen Tagen?

Die Situation kann man im Moment nicht in Ordnung finden. Wir sind in den europäischen Wettbewerben ausgeschieden, und auch in der Meisterschaft stehen wir nicht da, wo wir hin wollten. Außerdem pfeifen die eigenen Fans selbst nach einem Sieg die Mannschaft aus. Das ist eine sehr verzwickte Situation, in der sich der Verein befindet.

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Schalkes großes Plus war immer, dass die Fans bedingungslos hinter der Mannschaft standen. Am vergangenen Spieltag wandte sich die Mannschaft demonstrativ von den pfeifenden Zuschauern ab. Wie kann jetzt wieder Ruhe einkehren?


Das ist natürlich eine gefährliche Sache. Man sollte sich schnellstmöglich zusammen setzen und die Sache aus der Welt räumen. Es ist bestimmt nicht von Vorteil, wenn die Mannschaft selbst bei einer Führung ausgepfiffen wird. Der kleinste Widerstand führt momentan zu Unruhe auf den Rängen. Das darf auf gar keine Fall passieren. Wir müssen zusammenstehen, denn mittlerweile ist ja sogar der UEFA-Pokal-Platz wieder drin. Da muss auch die Mannschaft vernünftig reagieren.

Teilweise wirkt es so, als gäben die Fans Mannschaft und Trainer keine Chance auf Wiedergutmachung. Sind die Fans vielleicht manchmal auch zu negativ?

Das kann man so sehen. Natürlich sind die Erwartungen bei Schalke mit der Zeit gewachsen. Aber wenn man sieht, was momentan im Stadion passiert, dann muss man sich Sorgen machen. Sieht man zum Beispiel den 1. FC Köln, die am Freitag auch nicht gerade ansehnlich gespielt haben, aber da versuchen die Fans alles, um ihre Mannschaft voranzutreiben. Natürlich haben die andere Saisonziele, aber das ist Nebensache. So wie es jetzt ist bei uns aussieht, kommen wir nicht weiter. Wichtig ist aber auch, dass die Mannschaft bedingungslos kämpft und sich die Sympathie wieder erarbeitet. Es ist eben ein Geben und Nehmen.

Gestern ist Manager Müller beurlaubt worden. Halten Sie das für eine richtige Entscheidung?

Die Zuschauer und Medien haben sich ja über Wochen Andreas Müller als Sündenbock ausgesucht und permanent den Rauswurf gefordert. Ich sehe darin eine kleine Gefahr. Denn an der spielerischen Situation wird das erst einmal nicht viel ändern. Es kann aber nicht sein, dass man sich jetzt den Nächsten sucht, den man nicht mehr auf Schalke sehen will. Wenn wir schon so weit sind, dann muss man sich schon fragen, wo das noch hinführen soll.

Hat Andreas Müller mit seiner Aussage: »Ich werde niemals zurücktreten!« den Bogen endgültig überspannt und einen Rauswurf unvermeidbar gemacht?

Andreas Müller ist seit über 20 Jahren dem Verein treu, so etwas gibt man nicht so einfach auf. Das ist doch klar. Bei einem Verein wie Schalke gibt es immer Probleme. Wie jemand diese Probleme löst, dass ist ihm selbst überlassen, da kann man keine Tipps geben. Aber Andreas Müller ist nicht an allem schuld.

Kann die Beurlaubung Müllers überhaupt die akuten Probleme auf Schalke lösen?

Die Mannschaft ist jetzt natürlich gefordert. Sie muss zusammen mit dem Trainerstab das Schiff wieder auf Kurs bringen. Ich hoffe, dass man jetzt mit zwei Siegen wieder in ruhigere Fahrwasser gelangt. Es muss endlich Ruhe einkehren. Und Ruhe hast du nur, wenn du erfolgreich bist.

Jetzt beginnt die Suche nach dem Nachfolger. Welche Eigenschaften sollte der neue Manager mitbringen?

Wichtig ist vor allem, dass man jetzt keine voreilige Entscheidung trifft. Es muss eine ausgereifte Lösung sein, die man präsentiert. Im Idealfall hat der neue Mann selbst schon einmal professionell Fußball gespielt, dass macht die tägliche Arbeit natürlich leichter. Und natürlich muss man als Manager ein dickes Fell haben. Das ist aber nicht nur auf Schalke so.

Es kursieren momentan sehr viele Namen. Haben Sie einen persönlichen Favoriten?
 
Die Namen die momentan im Umlauf sind, möchte ich nicht kommentieren. Manche von denen sind ja nicht einmal auf dem Markt. Warum sollte ein Felix Magath seine erfolgreiche Arbeit in Wolfsburg aufgeben. Nur weil wir ein Traditionsverein sind?

Spieler wie Orlando Engelaar und Kevin Kuranyi haben ebenfalls einen schweren Stand bei den Zuschauern. Haben diese Spieler überhaupt noch die Chance, die Gunst der Zuschauer zu gewinnen?

Das war in der Vergangenheit ja auch schon so. Da wird mittlerweile schon bei dem kleinsten Fehler gepfiffen. Natürlich trifft das einen Spieler auch. Es ist das Recht der Zuschauer, ihre Meinung zu äußern, aber man sollte sich schon ab und zu mal fragen, ob ihr Verhalten immer 100% richtig ist. Spieler und Zuschauer müssen eng zusammenstehen, um wieder erfolgreich zu sein. Es kann ja nicht von Vorteil sein, wenn bei jedem Heimspiel 60.000 Leute pfeifen. Die Spieler müssen jetzt einfach als Vorbild voran gehen.  

Kuranyis Tor gegen Dortmund erinnerte aber schon wieder an die gute alte Zeit.


Das war wirklich ein wunderschönes Tor. Kevin hat den Ball perfekt genommen. Ich habe ihm gerade die Medaille für das »Tor des Monats« überreicht und kurz mit ihm gesprochen. Er weiß, dass das, so schön es auch war, nur eine Momentaufnahme gewesen ist.

Die Zuschauer scheinen vor allem zu Spielern wie Manuel Neuer oder Benedikt Höwedes zu halten. Diese Spieler stammen alle aus der unmittelbaren Region. Ist darin eine Art Sehnsucht zu erkennen? Haben die Zuschauer vielleicht genug von teuren Stars und großen Namen?

Es ist doch unmöglich, eine konkurrenzfähige Mannschaft aus Spielern der Region zu formen. Die Zeiten sind doch lange vorbei. Wir brauchen gute Spieler, egal wo sie herkommen. Man muss diese Spieler aber auch akzeptieren und ihnen die Zeit geben, sich einzugewöhnen. Es bringt nichts, wenn man nach sechs Wochen anfängt, sie auszupfeifen. Natürlich ist Manuel Neuer extrem wichtig für den Verein. Er ist für mich der beste Torhüter in Deutschland, aber eben auch ein Junge aus der Stadt, an dem sich die Leute orientieren.

Welcher Spieler beeindruckt Sie momentan auf Schalke überhaupt?

Manuel Neuer spielt für mich eine beeindruckende Saison. Er verkörpert für mich den modernen Torwart, wie kein anderer. Und dann natürlich Rafinha, auch wenn er durch seine Art nicht gerade beliebt ist. Der will 90 Minuten nach vorne spielen, das ist schon toll. Auch Jermaine Jones ist sehr wichtig. Von ihm hat am Anfang hier auch keiner was gehalten. Aber der rackert sich 90 Minuten für die Mannschaft ab. Daran können sich die anderen Spieler orientieren. Wenn man 90 Minuten alles gibt, dann wird man auch keine Probleme mit den Zuschauern bekommen. Das war immer so auf Schalke.  

Nach dieser bisher verkorksten Saison. Welches Ziel muss der Verein für diese Saison ansteuern?

Ich würde mir wünschen, dass die Mannschaft ein deutliches Zeichen setzt und endlich Ruhe einkehrt. Man kann immer noch den UEFA-Cup und vielleicht sogar die Champions League erreichen. Das muss das Ziel sein, auf das alle hinarbeiten. Man sollte die Vergangenheit jetzt endlich ruhen lassen und sich auf die Gegenwart konzentrieren.

Und wenn dieses Ziel nicht erreicht wird...


Darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Darüber können wir dann im Sommer reden. (lacht)


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