26.11.2011

Klaus Fischer im Interview

»Fußball ist ein einfacher Sport«

Er war einer der besten Torjäger der Bundesliga. Klaus Fischer schoss sich einst mit spektakulären Toren in das kollektive Fußball-Gedächtnis. Wir sprachen mit Ihm über die Qualitäten seiner Kollegen und schöne Erinnerungen.

Interview: 11FREUNDE Bild: imago
Sind Ihnen, um ihre Tore zu erzielen, auch manchmal Tricks gelungen, die Sie hinterher selbst nicht begriffen haben?

Nein. Ich war ein einfacher Spieler. Großartige Tricks habe ich erst gar nicht versucht. Dazu muss man auch geboren sein. Den Ball mit der Hacke hochnehmen und dann hinten über den Kopf heben, wie es viele Brasilianer können, habe ich erst gar nicht trainiert. Ich habe nur das trainiert, was ich wirklich im Spiel gebrauchen konnte. Jeder sollte nur das tun, wozu er fähig ist.

Versuchen Sie das auch in Ihrer Fußballschule zu vermitteln? Was kann man lehren, und was muss angeboren sein?

Zum Beispiel das Kopfballspiel, wohin die Bälle geköpft werden müssen, kann man üben. Auch die Bälle bei Flanken von links und rechts zu nehmen. Aber manche Tricks der Brasilianer sind einfach unmöglich zu lehren. Ein Gerd Müller konnte keine der Tricks, die Ronaldinho heute vorführt. Und Ronaldinho kann dafür nicht die schnellen Drehungen im Strafraum, diese typischen Müller-Tore. Das sind einfach Dinge, die hat man oder hat man nicht.

Was bringen Sie den Kindern in Ihrer Fußballschule noch bei?

Das einfache Spiel. Fußball ist ein einfacher Sport. Wir zeigen den Kindern, wie sie richtig mit dem Ball laufen, wie Pässe gespielt werden, wie das Standbein beim Torschuss steht. Wenn ich ihnen vorführe, wie man richtig köpft, bekommen sie große Augen. Wir lehren die Kinder nur Dinge, die auch ich beherrscht habe. Eben das einfache Spiel. Wenn sie diese Dinge gut beherrschen, sind sie schon ziemlich weit. Außergewöhnliche Fähigkeiten, wie das Dribbling eines Libuda, kann man zwar nicht lehren, aber wir wollen den Kindern zeigen, dass man seine eigene Art entwickeln kann, am Gegenspieler vorbeizugehen. Der eine macht es dann auf die elegante Weise, der andere legt sich den Ball weiter vor und nutzt danach seine Schnelligkeit aus.

Besteht bei einem Spieler wie Libuda oder auch Henry nicht auch die Gefahr, dass er zu ballverliebt ist und den Torschuss vergisst?


Das kann passieren. Auch dass man eher hätte abspielen sollen. Aber das ist mir auch schon passiert und kommt bei jedem manchmal vor.

Bei aller Effizienz: Wie wichtig ist es, dass ein Tor auch schön ist?

Das ist im Spiel erst einmal nicht wichtig. Wenn es schön ist, bleibt es hinterher natürlich länger in Erinnerung. Dann wird man später immer wieder auf diese Tore angesprochen. Viele Leute sprechen mich zum Beispiel auf das Tor an, das ich 1977 gegen die Schweiz geschossen habe. Und auch das Tor gegen Frankreich bei der WM 1982 in Spanien ist bei den Menschen haften geblieben. Meine eigenen Kinder haben die Tore letztens zum ersten Mal gesehen und gleich danach gesagt: »Hey, mach mal wieder diesen Fallrückzieher!«.



Was zählt in Stürmerkreisen eigentlich die Auszeichnung zum »Tor des Jahres«, die Sie selbst zwei Mal (1977 und 1982) erhalten haben?


Das ist immer eine schöne Erinnerung. Bei der Wahl werden die verschiedenen Tore noch einmal gezeigt, und dadurch bleibt der eigene Name den Leuten im Gedächtnis.

An welches Tor erinnern Sie sich selbst besonders gern zurück?


Das schönste Tor war das gegen die Schweiz, aber das wichtigste Tor war das gegen Frankreich, weil es da um den Ausgleich ging und darum, ins Finale einer WM zu kommen. Ich habe insgesamt viele schöne Tore geschossen, die nicht nur mit Glück, sondern auch mit Können zu tun hatten. Wenn ich zum Beispiel einen Flugkopfball genau oben ins Eck setzte, dann lag es auch daran, dass ich ihn einige Male geübt hatte.

Sind die Flugkopfballtore auch die schwierigsten Tore?

Sicher ist ein Flugkopfball ebenfalls schwierig, weil man nur kurz über der Grasnarbe fliegt und immer damit rechnen muss, dass noch ein Spieler reingrätscht. Das erfordert schon Mut. Aber Fallrückzieher sind schwieriger, weil bei ihnen alles passen muss. Beim Flugkopfball kann noch ein Gegenspieler in unmittelbarer Nähe sein, aber wenn das beim Fallrückzieher passiert, pfeift der Schiedsrichter sofort ab. Hinter seinem Rücken sieht man nichts, und wenn man sich als Stürmer noch vorher umsehen müsste, ob neben einem ein anderer Spieler steht, funktioniert das Ganze nicht mehr. Aus diesem Grund sind per Fallrückzieher erzielte Tore wirklich die schwierigsten.

Wenn dann ein solches Tor abgepfiffen wird, ist es natürlich doppelt so schade.

Genau das ist mir 1978 gegen die UdSSR in Frankfurt passiert. Das war für mich der schönste Fallrückzieher überhaupt, der dann aber leider wegen gefährlichen Spiels abgepfiffen wurde.

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