Klaus Fichtel im Interview

„Es fehlte einfach das Geld“

Der FC Schalke 04 ist ein uralter, amorpher, wunderschöner Klumpen. Um ihn in seiner Gänze zu begreifen, muss man mit einem Mann sprechen, der ihn in- und auswendig kennt. Zum Beispiel mit Klaus Fichtel, dem Dinosaurier.

Hallo, Herr Fichtel. Erinnern Sie sich an den 7. Januar 1967?

Hm. Auf Anhieb eigentlich nicht.

Es war der erste Spieltag der Rückrunde, und Schalke verlor mit 0:11 am Bökelberg.

Oh, da klingelt’s natürlich. Das weiß ich noch genau, denn wir mussten auf Schnee spielen, was wir überhaupt nicht gewohnt waren, und genau das war auch die Erklärung für das Debakel. Wir kamen mit diesem Boden einfach überhaupt nicht klar. Ich kann mich erinnern, es stand vielleicht 6:0 oder 7:0, da hat der Harald Klose aus lauter Ver zweiflung von der Mittellinie aufs Tor geschossen.

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Am Ende hielt Königsblau noch gerade die Klasse – wie fast immer in den 60er Jahren. War Schalke noch nicht reif für die Bundesliga?

Man darf nicht vergessen, dass der Verein im Grunde schon abgestiegen war und daher das halbe Team verloren hatte, als ich kam. Plötzlich musste dann doch niemand absteigen, aber es war keine bundesligataugliche Mannschaft mehr da. Mühlmann, Herrmann, Kreuz und einige andere sind zwar geblieben, aber der Rest wurde mit Amateurspielern aufgefüllt, so wie ja auch ich von einem Amateurverein geholt wurde. Das hat uns noch über Jahre im Keller gehalten. Und wären nicht kurz vor Schluss noch Alfred Pyka und Gerd Neuser verpflichtet worden, hätten wir es im nächsten Jahr bestimmt nicht gepackt.

Das Leben hatte Sie bis dahin nicht gerade verwöhnt, eigentlich hatten Sie schon die harte Bergbauerlaufbahn eingeschlagen. War Schalke für Sie das Tor zur Welt?

Ja, sicherlich. Ich habe Bergmann gelernt wie sehr viele hier in meinem Alter, und da war der Fußball natürlich das Ticket für ein besseres Leben. Mein Glück war es auch, aus einer Fußballerfamilie zu kommen. Mein Vater hatte Fußball gespielt, mein Bruder war unter Fritz Langner Vertragsspieler bei Westfalia Herne. Deshalb war der dann oft bei uns zu Hause und kannte mich schon aus der Jugend. Und so bekam ich die große Chance, aus dem schwierigen Milieu herauszukommen.

Ohne Sie wäre Schalke aber auch kaum so lange erstklassig geblieben.

Das zu sagen, wäre vermessen. Wir waren damals die oft zitierte verschworene Gemeinschaft. Wir wussten, was auf uns zukam, und wir hatten auch viele erfahrene Leute wie Gerd Neuser, Alfred Pyka, Manni Kreuz, Hannes Becher. Die haben uns Jungen gewaltig geholfen, sonst wäre es sicher nicht möglich gewesen, die Klasse zu halten. Wenn allerdings Günther Herrmann zu dem Zeitpunkt etwas passiert wäre, dann wäre es unheimlich schwer für uns geworden, weil wir keinen anderen hatten, der seine Rolle übernehmen konnte. So haben wir es dann von Jahr zu Jahr irgendwie immer gepackt.

Was war das für ein Fußball, den die Knappen da spielten? Bis auf Ihre Abwehr funktionierte ja nicht allzu viel.

Der Verein hatte schlicht zu wenig Geld, um einen Guten für den Sturm zu kaufen, und so haben wir uns immer Notlösungen schaffen müssen, zum Beispiel hat Manni Kreuz eine ganze Zeit lang Mittelstürmer gespielt. Aber in der Tat gab es immer Probleme im Offensivspiel, und vor allem haben wir furchtbar wenig Tore geschossen.

Unter Rudi Gutendorf rappelte sich die Mannschaft dann endlich auf. Was hat er anders gemacht als seine Vorgänger?

Naja, er war halt der „Riegel-Rudi“. Er hat großen Wert auf die Abwehrarbeit gelegt und außerdem noch den einen oder anderen für die Offensive dazugeholt. Vor allem aber war Rudi ein Perfektionist. Der hat da Sachen probiert, die wir einfach nicht kannten, er war halt schon ordentlich rumgekommen. Vieles davon ist gelungen, und dadurch haben wir plötzlich viel mehr Spiele gewonnen.

Von manchen Trainern der ersten Stunde hört man wahre Gruselgeschichten. Manche machten abends Kontrollbesuche, andere verboten beim Training sogar das Wasser. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Genau so sah es aus. Vor allem unter Fritz Langner hatten wir eine sehr harte Zeit, wobei ich ja schon über meinen Bruder mitbekommen hatte, dass der sehr hart trainiert. Tatsächlich durften wir wenig trinken, zwischen den Trainingseinheiten mussten wir zu Hause versuchen zu schlafen, und abends kontrolliert hat er auch. Er war halt ein alter Feldwebel. Ich habe ihm auch eine Menge zu verdanken, außerdem hatte er sehr viel Ahnung vom Fußball. Nur hat er es manchmal ganz einfach übertrieben. Vor allem, wenn es gegen seine alten Vereine ging.

1968 haben Sie die Kapitänsbinde übernommen, schon nach einem Jahr aber darauf bestanden, sie wieder abzustreifen. Was war da los?

Es gab ein paar Probleme vor dem Pokalendspiel. Es ging einfach ums Geld, wovon Schalke wie immer sehr wenig hatte. Weil die Bayern Meister waren, standen wir allerdings schon automatisch im Europapokal, was für den Verein gewaltige Einnahmen bedeutete. Trotzdem wollte uns Günter Siebert nur 2500 oder 3000 Mark Prämie zahlen, und das war uns zu wenig, so jedenfalls haben wir das als Mannschaft besprochen. Wie sich später aber herausstellte, sind mir einige Kollegen in den Rücken gefallen. Und da habe ich gesagt, wenn das so ist, dann will ich auch kein Spielführer mehr sein.

Ihr Nachfolger wurde „Stan“ Libuda, der große Querkopf im Team. Was war er für ein Typ?

Der war eigentlich ein sehr netter Kerl und als Mitspieler wirklich angenehm. Sicherlich war Stan ein bisschen kontaktscheu und privat vielleicht etwas schwierig, aber recht frei von Starallüren. Ich hatte überhaupt keine Probleme mit ihm und die meisten anderen auch nicht. Die bekam er dann erst, als er nach Dortmund ging, wo er einfach nie glücklich wurde. Er war eben sensibel und brauchte seine Schalker Umgebung. In Dortmund fühlte er sich nicht wohl und fand auch keinen Draht zu seinen Mitspielern. Er ist dort immer fremd geblieben.

Wie stand es ansonsten um die Rivalität zum BVB?

Die gab es im Grunde schon immer. Wenn es gegen Borussia ging, dann war das das Spiel des Jahres. Ich denke, es war früher sogar noch intensiver, denn vor dem Spiel und auch währenddessen gab es viele hässliche Szenen zwischen den Fans. Das war manchmal wirklich heftig.

Im September 1969 waren Sie bei einem der legendärsten Revierderbys dabei. Erzählen Sie mal...

Es geschah in Dortmund. Wie immer waren sehr viele Leute in der Kampfbahn Rote Erde, und die Absicherung war miserabel. Die Leute standen bis zur Aschenbahn, und es gab nur Ordner mit Hunden, die vielleicht zehn Meter neben dem Platz standen. Aus dem Spiel heraus kam es dann zu einem Tumult, plötzlich war der Platz voller Menschen und die Ordner mit ihren Hunden mittendrin. Man kann sich vorstellen, weil da so viele Menschen waren, da drehten die Tiere ein bisschen durch. So wurde dann Gerd Neuser in den Oberschenkel gebissen und Friedel Rausch in den Hintern, denn er stand wohl etwas ungünstig. Als Zugabe zu dieser Geschichte hat unser Präsident fürs Rückspiel dann drei junge Löwen besorgt und sie vor dem Anpfiff über den Platz geführt.

Friedel Rausch wurde von der Mannschaft sicher getröstet.

Naja, der Friedel war als Typ auch nicht unbedingt labil oder hilfsbedürftig. Der war ein gestandener Mann und sehr rustikal in seiner Spielweise. So hat er die Geschichte auch hingenommen und den Spott entsprechend angezogen. Doch, die Mitspieler haben schon gewaltig gestichelt.

Sie haben erlebt, wie Gladbach und Bayern als Aufsteiger sofort zu Spitzenteams wurden. Warum ging es auf Schalke nicht voran?

Es fehlte ganz einfach das Geld. Schalke hatte viele Altlasten und konnte dann keine großen Sprünge machen. Man hat dann immer auf die Jugendarbeit gehofft, aber es war auch damals schon sehr schwierig, jemanden von den Amateuren direkt in die Bundesliga zu schmeißen. Man konnte immer nur Spieler kaufen, die nicht so teuer waren und hoffen, dass mal einer groß rauskommt. Solche Juwelen wie Gerd Müller oder Bernd Rupp hatten wir nur leider nicht.

Gab es denn Mitspieler, denen Sie mehr zugetraut hätten?

Wir hatten sicherlich Leute, die sehr viel Veranlagung hatten. Ich kann mich zum Beispiel an Werner Weikamp erinnern, aus Bocholt kam der, das war so ein kleiner Linksfuß, der unheimlich viele Möglichkeiten hatte, aber irgendwie dann doch untergetaucht ist. Oder Werner Grau, der zu Anfang viele Tore geschossen hat und sehr guten Zug zum Tor hatte, ist dann auch plötzlich verschwunden.

War es auch für Sie ein Stück weit frustrierend? Zumindest anfangs mussten sie sich ja auf eine Karriere im Abstiegskampf einstellen.

Schon, aber ich war eben ein bodenständiger Spieler, der sich im Ruhrgebiet sehr wohl fühlt. Außerdem hat Schalke mir die Möglichkeit gegeben, mich weiterzuentwickeln, und ich bin hier ja auch Nationalspieler geworden. Zu wechseln kam mir nie in den Sinn. Ich war immer zufrieden mit den Angeboten, die vom Verein kamen. Und das war ja auch nicht unüblich. Ich würde sagen, dass fast drei Viertel der Spieler aus dem näheren Umkreis kamen. Da weiß man schon, wo die Wurzeln lagen.

Hatten Sie denn andere Angebote?

Ich hätte mal nach Gladbach gehen können, weil ich auch sehr gut mit Günter Netzer und Berti Vogts befreundet war. Oder auch zu den Bayern. Aber München war mir einfach zu weit weg, und Schalke hat mir immer ein Angebot für mehrere Jahre gemacht. Ich fand es so viel angenehmer, brauchte nicht umzuziehen, konnte zu Hause bleiben und die normalen Wege machen.

Neben Klassenkampf und Geldsorgen ging es auch im Vorstand ständig drunter und drüber. War Schalke in den 60ern schon ein Skandalklub?

Schalke war mein erster Verein und wie so ein Bundesligaklub anständig geführt wird oder geführt werden sollte, das habe ich dann erst später erfahren, als ich nach Bremen ging. Da habe ich gesehen, dass man die ganze Geschichte auch anders aufziehen und in ruhigem Umfeld arbeiten kann. Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Unruhig wurde es vor allem Anfang der 70er: im großen Bundesligaskandal. Sie persönlich wurden für zwei Jahre gesperrt, später dann begnadigt. Was hatten Sie angestellt?

Das war alles sehr nebulös. Bielefeld und Offenbach, und wer alles noch dabei war, hingen da irgendwie mit drin. Von allen Seiten kamen zweideutige Ansagen, immer nur hintenrum, und im Endeffekt wusste keiner mehr, sollen wir das Spiel jetzt verlieren oder nicht? Auf jeden Fall haben wir es dann kurz vor Schluss verloren, obwohl Herbert Lütkebohmert auch vorher noch Latte oder Pfosten getroffen hatte. Es standen irgendwelche Summen im Raum, die wir angeblich bekommen sollten, aber ich weiß bis heute nicht, ob das bei Spielende geklärt war oder nicht. Als dann die Sperre kam, war das sicher keine einfache Situation für mich.

Hätten Sie da gedacht, dass Sie noch bis in die 80er weiterspielen?

Ich hatte vor allem Glück, dass ich niemals ernsthaft verletzt war. Mit Ausnahme einer Meniskusoperation, aber selbst da habe ich schon nach vier Wochen wieder gespielt. Ich war einer von diesen Typen, die einfach nie verletzt sind. Und da habe ich halt gesehen, dass ich so lange wie irgendwie möglich spielen konnte. Schließlich hätte ich sonst nicht gewusst, wie es weitergeht, denn wenn ich eines nicht wollte, dann in die Zeche zurück, ich hatte ja nichts anderes gelernt. Zum Glück ist mir das dann aber erspart geblieben.

Waren Sie denn überrascht, dass sie mit Anfang 40 noch in der Bundesliga mithalten konnten?

Nicht unbedingt, denn ich war ja damals Co-Trainer und habe drei bis vier Mal in der Woche bei den Trainingsspielen mitgemacht. Insofern stand ich gut im Saft und konnte noch mithalten. Es war allerdings auch nur eine Notlösung, weil gerade fünf oder sechs Abwehrspieler verletzt waren, und so ist das dann noch mal zustande gekommen.

Als Sie anfingen, spielten Sie gegen Seeler und Beckenbauer, am Ende hießen die Gegner Riedle, Littbarski und Klinsmann. Wie hat sich der Fußball in all der Zeit verändert?

Ich glaube, dass er sich von der Geschwindigkeit und der Härte her unheimlich weiterentwickelt hat. Allerdings kam irgendwann das Technische zu kurz. Leute wie Netzer, Beckenbauer, Overath, Haller oder auch Schnellinger, eben solche Spielerpersönlichkeiten, die viel wert auf Technik gelegt haben, die gab es meiner Meinung nach später und auch heute erheblich weniger. Die Spieler sind sicher kompletter geworden, weil sie offensiv und defensiv fast gleich stark sind mittlerweile. Früher hatte eben jeder seine eigene Stärke, der eine offensiv, der andere defensiv. Heute muss man fast alles können.

Hatten Sie so etwas wie einen Lieblingsgegenspieler?

Ich hatte Probleme, wenn es gegen so kleine und quirlige Leute ging. Bernd Rupp zum Beispiel war kein angenehmer Gegenspieler, da lag mir Uwe Seeler schon eher.

Allein auf Schalke hatten Sie mehr als 500 Einsätze, insgesamt waren es 22 Jahre Oberhaus. Zahlt einem der Körper das irgendwann heim?

Bis auf einige Wehwehchen habe ich bislang noch wenige Probleme und trainiere noch einmal in der Woche mit der Traditionsmannschaft. Wie sagt man so schön: Wer rastet, der rostet. Und solange ich nicht roste, werde ich auch noch weiterspielen.

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Maik Großmann ist Mitarbeiter des Informationsdienstes fussballdaten.de www.fussballdaten.de .

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