08.08.2007

Klaus Fichtel im Interview

„Es fehlte einfach das Geld“

Der FC Schalke 04 ist ein uralter, amorpher, wunderschöner Klumpen. Um ihn in seiner Gänze zu begreifen, muss man mit einem Mann sprechen, der ihn in- und auswendig kennt. Zum Beispiel mit Klaus Fichtel, dem Dinosaurier.

Interview: Maik Großmann Bild: imago

Hallo, Herr Fichtel. Erinnern Sie sich an den 7. Januar 1967?

Hm. Auf Anhieb eigentlich nicht.

Es war der erste Spieltag der Rückrunde, und Schalke verlor mit 0:11 am Bökelberg.

Oh, da klingelt’s natürlich. Das weiß ich noch genau, denn wir mussten auf Schnee spielen, was wir überhaupt nicht gewohnt waren, und genau das war auch die Erklärung für das Debakel. Wir kamen mit diesem Boden einfach überhaupt nicht klar. Ich kann mich erinnern, es stand vielleicht 6:0 oder 7:0, da hat der Harald Klose aus lauter Ver zweiflung von der Mittellinie aufs Tor geschossen.



Am Ende hielt Königsblau noch gerade die Klasse – wie fast immer in den 60er Jahren. War Schalke noch nicht reif für die Bundesliga?

Man darf nicht vergessen, dass der Verein im Grunde schon abgestiegen war und daher das halbe Team verloren hatte, als ich kam. Plötzlich musste dann doch niemand absteigen, aber es war keine bundesligataugliche Mannschaft mehr da. Mühlmann, Herrmann, Kreuz und einige andere sind zwar geblieben, aber der Rest wurde mit Amateurspielern aufgefüllt, so wie ja auch ich von einem Amateurverein geholt wurde. Das hat uns noch über Jahre im Keller gehalten. Und wären nicht kurz vor Schluss noch Alfred Pyka und Gerd Neuser verpflichtet worden, hätten wir es im nächsten Jahr bestimmt nicht gepackt.

Das Leben hatte Sie bis dahin nicht gerade verwöhnt, eigentlich hatten Sie schon die harte Bergbauerlaufbahn eingeschlagen. War Schalke für Sie das Tor zur Welt?

Ja, sicherlich. Ich habe Bergmann gelernt wie sehr viele hier in meinem Alter, und da war der Fußball natürlich das Ticket für ein besseres Leben. Mein Glück war es auch, aus einer Fußballerfamilie zu kommen. Mein Vater hatte Fußball gespielt, mein Bruder war unter Fritz Langner Vertragsspieler bei Westfalia Herne. Deshalb war der dann oft bei uns zu Hause und kannte mich schon aus der Jugend. Und so bekam ich die große Chance, aus dem schwierigen Milieu herauszukommen.

Ohne Sie wäre Schalke aber auch kaum so lange erstklassig geblieben.

Das zu sagen, wäre vermessen. Wir waren damals die oft zitierte verschworene Gemeinschaft. Wir wussten, was auf uns zukam, und wir hatten auch viele erfahrene Leute wie Gerd Neuser, Alfred Pyka, Manni Kreuz, Hannes Becher. Die haben uns Jungen gewaltig geholfen, sonst wäre es sicher nicht möglich gewesen, die Klasse zu halten. Wenn allerdings Günther Herrmann zu dem Zeitpunkt etwas passiert wäre, dann wäre es unheimlich schwer für uns geworden, weil wir keinen anderen hatten, der seine Rolle übernehmen konnte. So haben wir es dann von Jahr zu Jahr irgendwie immer gepackt.

Was war das für ein Fußball, den die Knappen da spielten? Bis auf Ihre Abwehr funktionierte ja nicht allzu viel.

Der Verein hatte schlicht zu wenig Geld, um einen Guten für den Sturm zu kaufen, und so haben wir uns immer Notlösungen schaffen müssen, zum Beispiel hat Manni Kreuz eine ganze Zeit lang Mittelstürmer gespielt. Aber in der Tat gab es immer Probleme im Offensivspiel, und vor allem haben wir furchtbar wenig Tore geschossen.

Unter Rudi Gutendorf rappelte sich die Mannschaft dann endlich auf. Was hat er anders gemacht als seine Vorgänger?

Naja, er war halt der „Riegel-Rudi“. Er hat großen Wert auf die Abwehrarbeit gelegt und außerdem noch den einen oder anderen für die Offensive dazugeholt. Vor allem aber war Rudi ein Perfektionist. Der hat da Sachen probiert, die wir einfach nicht kannten, er war halt schon ordentlich rumgekommen. Vieles davon ist gelungen, und dadurch haben wir plötzlich viel mehr Spiele gewonnen.

Von manchen Trainern der ersten Stunde hört man wahre Gruselgeschichten. Manche machten abends Kontrollbesuche, andere verboten beim Training sogar das Wasser. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Genau so sah es aus. Vor allem unter Fritz Langner hatten wir eine sehr harte Zeit, wobei ich ja schon über meinen Bruder mitbekommen hatte, dass der sehr hart trainiert. Tatsächlich durften wir wenig trinken, zwischen den Trainingseinheiten mussten wir zu Hause versuchen zu schlafen, und abends kontrolliert hat er auch. Er war halt ein alter Feldwebel. Ich habe ihm auch eine Menge zu verdanken, außerdem hatte er sehr viel Ahnung vom Fußball. Nur hat er es manchmal ganz einfach übertrieben. Vor allem, wenn es gegen seine alten Vereine ging.

1968 haben Sie die Kapitänsbinde übernommen, schon nach einem Jahr aber darauf bestanden, sie wieder abzustreifen. Was war da los?

Es gab ein paar Probleme vor dem Pokalendspiel. Es ging einfach ums Geld, wovon Schalke wie immer sehr wenig hatte. Weil die Bayern Meister waren, standen wir allerdings schon automatisch im Europapokal, was für den Verein gewaltige Einnahmen bedeutete. Trotzdem wollte uns Günter Siebert nur 2500 oder 3000 Mark Prämie zahlen, und das war uns zu wenig, so jedenfalls haben wir das als Mannschaft besprochen. Wie sich später aber herausstellte, sind mir einige Kollegen in den Rücken gefallen. Und da habe ich gesagt, wenn das so ist, dann will ich auch kein Spielführer mehr sein.

Ihr Nachfolger wurde „Stan“ Libuda, der große Querkopf im Team. Was war er für ein Typ?

Der war eigentlich ein sehr netter Kerl und als Mitspieler wirklich angenehm. Sicherlich war Stan ein bisschen kontaktscheu und privat vielleicht etwas schwierig, aber recht frei von Starallüren. Ich hatte überhaupt keine Probleme mit ihm und die meisten anderen auch nicht. Die bekam er dann erst, als er nach Dortmund ging, wo er einfach nie glücklich wurde. Er war eben sensibel und brauchte seine Schalker Umgebung. In Dortmund fühlte er sich nicht wohl und fand auch keinen Draht zu seinen Mitspielern. Er ist dort immer fremd geblieben.

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