Klaus Augenthaler im Interview

„Ich muss gelassener werden“

Fürs Erste ist der VfL Wolfsburg aus dem Gröbsten raus. Im Gespräch mit 11freunde.de erläutert Trainer Klaus Augenthaler, wie das gelang - und empfiehlt Yogi Löw ein Umdenken in der Torhüterfrage. Imago

Diese Spielzeit ist ausgeglichener als viele zuvor. Haben Sie als Spieler oder Trainer so eine Dichte schon einmal erlebt?

Nach Weltmeisterschaften sind die Punkteabstände der Bundesligamannschaften in der Hinrunde meistens nicht so groß.

Also ist die Weltmeisterschaft schuld daran, dass jeder jeden schlagen kann?

Es geht nicht um „schuld“ oder „nicht schuld“. Ich beschreibe die Tatsache, dass die großen Teams die meisten Nationalspieler stellen. Diese Spieler stoßen dann erst nach der Vorbereitungszeit zur Mannschaft. Die Neuzugänge müssen ebenfalls integriert werden. Diese Prozesse beanspruchen Zeit. Aber inzwischen ist zu erkennen, dass die vermeintlich großen Teams sich langsam absetzen und Konstanz in ihre Leistungen bringen.

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Klingt etwas ernüchternd. Dürfen wir in der Rückrunde wieder Langeweile erwarten?

Teams wie Bayern, Werder und Schalke werden sich in dieser Saison wahrscheinlich wieder absetzen.

Anderes Thema: Wer ist bis dato der Spieler der Saison?

Das ist schwer zu sagen. Ich sehe Klose, der es geschafft hat, über die ganze Hinrunde konstant starke Leistungen abzuliefern. Gerade er als Stürmer hat es schwerer als ein Mittelfeld- oder Abwehrspieler.

Viele Experten sehen Kloses Mitspieler Diego vorne.

Äußerungen zu solchen Themen sind immer Momentaufnahmen. Als Diego zu Beginn der Runde überragend gespielt hat, war er für viele sofort der neue Maradona. Dann lief es in Bremen schleppend und plötzlich soll er in den Augen der Öffentlichkeit verantwortlich dafür gewesen sein. Das Beste ist, abzuwarten, wie er sich entwickelt, und dann ein Urteil bilden.

Der Saisonstart in Wolfsburg verlief holprig. Der Knoten platzte, trotz eines Sieges gegen den FC Bayern, erst nach dem Spiel in Bochum. Wieso trat ihre Mannschaft nach dem Sieg gegen München nicht sofort selbstbewusst auf?

Gegen Bayern haben wir spielerisch noch keinen überzeugenden Sieg gelandet. Wir führten, danach kämpften wir und haben das 1:0 klug über die Zeit gebracht. Mein Team ist noch in der Entwicklung, ist noch nicht so gestrickt, dass es nach einem knappen Sieg gegen die Bayern vor Selbstvertrauen strotzt.

War das Spiel in Bochum das bisher wichtigste in dieser Saison?

Es war für uns ein Sechs-Punkte-Spiel, keine Frage. Doch für mich ist nicht so wichtig, dass wir ein bestimmtes Spiel gewinnen.

Ist es nicht?

Mir ist es wichtig zu sehen, dass sich die Mannschaft im Vergleich zur Rückrunde der letzten Saison kontinuierlich steigert. Die Abwehrreihe war beispielsweise eine Großbaustelle, die wir angegangen sind. Mit Erfolg: Aktuell haben wir die beste Abwehr der Liga. Nicht vergessen sollte man auch, dass uns seit Saisonbeginn ständig vier bis fünf Stammspieler nicht zur Verfügung stehen und die Mannschaft ist dennoch in der Lage, dies zu kompensieren. Natürlich fehlt es noch an spielerischem Glanz, dafür haben wir an Effektivität gewonnen und holen Punkte.

Die neu gewonnene Abwehrstärke haben Sie erwähnt. Tore zu verhindern liegt der Mannschaft mehr als Tore zu erzielen. Woran hakt das Offensivspiel?

Es ist immer einfacher, Tore zu verhindern und ein Spiel zu zerstören als Tore zu erzielen. Immerhin erspielen wir uns in dieser Saison Torchancen. Im letzten Jahr mangelte es selbst daran. Unsere Torausbeute muss sicherlich gesteigert werden – das ist allen Beteiligten bewusst.

Mit Hanke und Klimowicz spielen aber auch keine Blinden im Sturm.

Diego Klimowicz hat sich früh in der Saison verletzt, weitere Offensivkräfte fielen verletzungsbedingt aus. Wir haben in dieser Saison kein Mal mit der gleichen Anfangself antreten können, da ist es klar, dass sich kein ordentlicher Spielfluss einstellen kann. Wichtig zu sehen ist aber, dass sich alle reinhängen und dass wir insbesondere defensiv so gut arbeiten, dass am Ende die Ergebnisse stimmen.

Mike Hanke scheint seine WM-Müdigkeit überstanden zu haben, immerhin hat er die Hälfte der Wolfsburger Treffer erzielt. Wie wichtig ist Hanke als Typ für die Mannschaft?

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es nach Weltmeisterschaften ist. Als Spieler will man, ist motiviert und euphorisiert – doch der Körper spielt nicht mit. Die gewonnen Eindrücke müssen auch erstmal verarbeitet werden. Mike fiel dann zu Beginn der Saison durch Verletzungen und Krankheit in ein Loch, aus dem er erst nach seinen Siegtreffer gegen die Bayern heraus kam. Aber durch seine tägliche harte Arbeit hat er sich seine Tore verdient. Das wird auch in der Mannschaft registriert.

Am Wochenende spielen Sie gegen den direkten Tabellennachbarn Dortmund. Ein ähnlich wichtiges Spiel, wie am 9. Spieltag gegen Bochum? Immerhin kann sich der Sieger in aussichtsreicher Lauerstellung auf die Uefa-Cup-Plätze festsetzen.

Dortmund hat im Hinblick auf die sportlichen Ziele viel mehr Druck als wir. Deren Zielsetzung ist ein Uefa-Cup-Platz.

Also ist die Partie nicht so bedeutend, wie es die Partie gegen Bochum war?

Natürlich ist sie bedeutend. Klar ist auch, dass wir unsere Serie von sieben ungeschlagenen Spielen in Serie ausbauen wollen.

Welcher Spieler aus ihrer Mannschaft hat Sie positiv überrascht?

Simon Jentzsch hat großartig gehalten. Es überrascht mich dabei jedoch, dass Jentzsch nicht ins Gespräch kam, als um die Torhüterpositionen in der Nationalmannschaft hinter Jens Lehmann diskutiert wurde.

Welcher Torhüter steht vor Jentzsch?

Aus meiner Sicht nur Jens Lehmann. Aber wenn Simon so weiter spielt, wie bisher, kommt der DFB nicht an ihm vorbei.

Im Moment fragen sich viele, ob in die Führungsetagen der Bundesligisten eine neue Gelassenheit und Philosophie Einzug gehalten hat. Die Manager der Liga scheinen nicht mehr so schnell auf den Knopf für den Schleudersitz zu drücken und Trainer überhastet zu entlassen. Hat dieses Gebaren tatsächlich Überlebenschancen oder ist das eine kurzfristige Momentaufnahme?

Ich denke, dass hier ein kurzfristiges Umdenken stattgefunden hat. Letztes Jahr hatte zu diesem Zeitpunkt schon die halbe Liga den Trainer gewechselt. Aber Statistiken sagen aus, dass kaum ein Austausch tatsächlich Veränderung zum Besseren gebracht hat.

Werden am Ende der Saison mehr als fünf Trainer entlassen worden sein?

Ich hoffe, dass die neu gewonnenen Einsichten in den Führungsetagen dazu führen, dass diese Zahl nicht erreicht wird.

Als Trainer haben Sie sicher Prioritäten?

Das Wichtigste für mich ist, dass mir die Arbeit Spaß macht. Weiter ist es für meine Arbeit wichtig, dass die Situation sachlich eingeschätzt wird. Was mit dem Kader, mit dem ich arbeite, und mit den finanziellen Mitteln, die dem Verein zur Verfügung stehen, möglich ist, sollte immer realistisch analysiert werden.

Welche Defizite erkennen Sie beim Trainer Augenthaler?

Ich müsste gelassener werden. Auch sollte ich öffentliche Kommentare weniger persönlich nehmen. Man muss nicht alles verstehen im Fußball, das habe ich gelernt.

Wo sieht sich Klaus Augenthaler in fünf Jahren?

Schön wäre, wenn ich hier in Wolfsburg kontinuierlich etwas aufbauen könnte. Wenn das Hand in Hand mit den Zielsetzungen des Vereins geht, bin ich schon zufrieden.

Zeit ist gerade im Fußball ein kostbares Gut, besonders für Trainer.

Am meisten stört mich, dass alles unmittelbar vom Ergebnis abhängt. Hier in Wolfsburg können die Verantwortlichen einschätzen, welche Arbeit ich abliefere. Aber generell wird zu selten die tatsächliche tägliche Arbeit bewertet.

Jeder kennt Sie noch als Bayern-Kapitän und Co-Trainer von Giovanni Trapattoni in München. Wie groß ist der Wunsch, einmal dort als Trainer zu arbeiten?

Ich bin Realist genug, mir nichts im Fußball zu wünschen. Fußball ist ein Gegenwartsgeschäft und keine Träumerei.

Nach der schlimmen EM 2000 hat der DFB sein Konzept der Talentförderung reformiert. Haben Sie in den letzten Jahren einen Qualitätsschub ausmachen können?

Wir hatten immer viele Talente in Deutschland. Inzwischen sind aber auch Trainer in verantwortlichen Positionen, denen die Ausbildung der Fußballer wichtiger ist als ein Ergebnis, dass sich in Tabellen ausdrückt. Mir wäre es lieb, wenn jedes Jahr ein Eigengewächs den Sprung in den Profikader schafft.

In welchen Bereichen wurden die größten Fortschritte erzielt?

Gerade im taktischen Bereich haben wir aufgeholt. Kleine Länder wie Holland, Österreich oder die Schweiz hatten uns im Juniorenbereich schon überholt.

Sind die deutschen Jugendspieler inzwischen wieder auf Augenhöhe?

Der deutsche Fußball ist mit seinem Jugendkonzept auf dem richtigen Weg.

Die A-Jugend des VfL Wolfsburg spielt Bundesliga und liegt auf einem hervorragenden 2. Platz. Wie oft schauen Sie dort bei Spielen vorbei?

Mein Co-Trainer schaut sich die A-Jugend immer an. Ich selbst gucke bei den Amateuren vorbei. Wir müssen unsere knappe Zeit effektiv aufteilen.

Bekommen die Wolfsburger Youngster auch die Chance, sich von den Profis etwas abzuschauen?

Wir lassen junge Spieler, die in der zweiten Mannschaft eingesetzt werden, immer wieder bei uns mittrainieren, um zu sehen, wie groß die Abstände zu den arrivierten Spielern sind. Die Kontakte zu den Jugendtrainern sind gut, so dass mein Co-Trainer und ich immer wissen, was gerade im Verein heranwächst.

Wie viele packen es tatsächlich?

Im Schnitt schafft es alle zwei Jahre ein A-Jugendlicher.

In Stuttgart werden mehr Eigengewächse integriert.

Dass kann funktionieren, sicherlich. Am Ende zählen aber auch dort nur die Ergebnisse. Denn gültig ist immer noch die Floskel: Es gibt keine alten oder jungen Spieler, sondern nur gute oder schlechte.

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