Klaus Allofs über Transfers

»Talent allein reicht nicht«

Klaus Allofs über Transfers

Herr Allofs, wie stellt man einen Kader zusammen?

Es ist ein ständiges Bearbeiten. Wir arbeiten etwa jetzt schon daran, was wir im Winter machen oder im kommenden Sommer. Es gibt eine Vorstellung davon, wie das Spiel der Mannschaft auszusehen hat – und dann gleichen wir ab mit dem, was die Spieler geleistet haben. So entstehen Positionen, die man überdenken muss. Parallel dazu gibt es Verträge, die auslaufen – und wenn keine Verlängerung erzielt wird, dann gibt es auch dort Handlungsbedarf. Aber die Entscheidungen über Transfers werden natürlich erst am Ende einer Saison getroffen.

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Warum erst so spät?

Gerade bei Werder Bremen ist wichtig zu sehen: Wohin geht die Reise, wofür qualifiziert man sich? Welche finanziellen Mittel hat man dadurch zur Verfügung? Diese Fragen unterscheiden uns ja weitestgehend vom FC Bayern.

Beim FC Bayern hat der Transfer von Arjen Robben überrascht, weil viele mit einem Defensivspieler gerechnet hatten. Es hatte den Anschein, dass der Verein eben den besten Spieler verpflichtete, der zu bekommen war – unabhängig, ob auf dieser Position Handlungsbedarf besteht.
Wenn man das Geld hat, dann kann das schon passieren. Natürlich muss man genau beurteilen, ob es bei einem derartigen Transfer zu Konflikten kommt bei Spielern, die es nicht gewohnt sind, auch mal auf der Ersatzbank zu sitzen. Aber bei Werder Bremen sind wir durch die Finanzierbarkeit eingeschränkt. Diese Einschränkung setzt bei Bayern natürlich nicht so schnell ein.
 
Also war Robben ein Luxus-Transfer?
Man kann nie gut genug besetzt sein. Wenn man die Möglichkeit hat, so einen Spieler zu bekommen, dann würden wir auch sagen: Eigentlich sind wir im Sturm gut aufgestellt, aber dieser Akteur bietet zusätzliche Varianten. Dann würde ich so einen Transfer auch für uns nicht ausschließen – wobei ich befürchte, dass wir nicht so schnell in diese Situation kommen werden. Und es kommt auch immer auf die Erwartungen an.
 
Welche Erwartungen?
 
Es ist doch so: Wenn Bayern München einen Spieler verpflichtet, der unbekannt ist und der woanders nur auf der Bank oder gar der Tribüne gesessen hat, dann erfüllt das erst einmal nicht die Erwartungen des Umfelds. Das war bei uns anders, hat sich mittlerweile jedoch verändert. Wenn wir Champions League spielen und dann verstärken wir den Kader mit namenlosen Spielern, dann ist das Umfeld erst einmal enttäuscht. Und je erfolgreicher ein Verein ist, desto weniger Spieler gibt es, die den Kader wirklich verbessern können. Dennoch müssen wir bei Werder Bremen einen anderen Weg gehen als etwa Bayern München.
 
Wie sieht dieser Weg aus?
Wir können nicht einfach den Spieler verpflichten, der sich auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn befindet – weil der sich dann auch auf dem Höhepunkt befindet, was sein Gehalt angeht. Diese Spieler können wir uns nicht erlauben, deshalb müssen wir woanders ansetzen.
 
Also auf Transfer-Coups zu setzen. Durch fünf Champions-League-Teilnahmen in Folge werden die aber immer schwerer...
 
Auf jeden Fall, zumal die Konkurrenz mit Wolfsburg und Hoffenheim größer geworden ist. Und natürlich ist mittlerweile die Hoffnung da, dass es, wenn Werder Bremen anfragt, entsprechendes Geld gibt. Deshalb muss man nach diesen Schnäppchen gar nicht so sehr suchen, sie passieren einfach.

Lucien Favre sagte im Interview mit der SZ: »Wenn du einen einzigen Fehler machst, kannst du alles wegwerfen. Ein falscher Spieler kann in einer Mannschaft alles kaputtmachen.« Stimmen Sie dem zu?

Das kann schon passieren. In etwas anderer Form haben wir das bei uns auch erlebt.

Sie meinen Carlos Alberto...

Für unsere Verhältnisse war das ein kostspieliger Transfer.
Was lief dabei schief?

Es hat einfach nicht funktioniert. Das muss man so offen sagen. Und natürlich ist das nicht geräuschlos abgegangen. Wir hatten zu dem Zeitpunkt Diego, aber wenn man einen Spieler für eine Schlüsselposition verpflichtet und es war eine falsche Entscheidung, dann kann das schon erhebliche Auswirkungen haben, wenn es keine Alternative gibt.
 
Es hat den Anschein, dass die Zusammenstellung eines Kaders immer wichtiger wird. Wie ist mittlerweile die Gewichtung zwischen den sportlichen Fähigkeiten eines Spielers und der Frage, ob der Spieler in das Gefüge der Mannschaft passt?

Natürlich muss ein Spieler zum Verein passen, Talent alleine reicht nicht aus. Die Philosophie, die wir bei Werder Bremen haben, muss von dem Spieler mitgetragen werden. Jeder Verein hat eine Philosophie und versucht, Spieler zu verpflichten, die diese verkörpern.
 
Wie bestimmen Sie, ob ein Spieler zum Verein passen könnte – nicht nur sportlich?

Es bleibt immer ein Fragezeichen, weil viele Informationen, die wir bekommen, oberflächlich sind. Aber natürlich versuchen wir, neben den sportlichen Fähigkeiten auch zu bestimmen: Wie ist ein Spieler gestrickt? Wie fügt er sich in der Mannschaft ein, in der er gerade spielt? Wie sieht es in seinem privaten Umfeld aus? Welche Charaktereigenschaften ordnet man ihm zu? Neben dem sportlichen Scouting gibt es also noch andere Facetten, die abgeprüft werden müssen.
Es ist auffällig, dass derzeit viele Bundesligisten Probleme haben, neue Spieler zu integrieren: Pawel Pogrebniak in Stuttgart etwa oder Mario Gomez in München. Dagegen scheint einer wie Marko Marin in Bremen keine Schwierigkeiten zu haben...
 
Was man sicher behaupten kann ist: Fast alle Spieler haben sich bei Werder Bremen weiter entwickelt. Dabei hilft uns die Tatsache, dass Thomas Schaaf bereits zehn Jahre Trainer bei uns ist. So ist eine Atmosphäre geschaffen worden, in der Leistung gefordert wird und auch Konkurrenzdenken da ist – aber auf der andere Seite auch Geduld vorhanden ist und Verständnis für schwächere Phasen.

Geduld, das hört sich im Tagesgeschäft Fußball arg romantisch an.

Es ist natürlich auch so: Wenn es bei einem Spieler nicht so läuft und er die Schuld beim Trainer sucht, dann ist die Chance nicht so groß, dass sich das von Seiten des Trainers ändert. Da muss der Spieler schon an sich arbeiten.

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